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Die Wahrheit · 1902-07-18 · Heft 28 (18.7.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 28 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Kelkrr.-ungar. Cantoren-Zeitnng. Ar. 28. Meitäge zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Me Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P. Minkowskh, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odeffa. X. Durch den socialen Druck von Augen und die kabbalistische Verwirrung im Innern, gepaart mir pilpulischer Spitzfindigkeit, die auch in dieser Epoche geblüht hat, wurde am Ende des 18. Iahlhunderrs ein solcher synagogaler Wust angehäuft, dass abermals eine Reform unentbehrlich wurde. Wenn aber die ersten drei Ordnungen mit allen ihren Verschiedenheiten sich innerhalb des Judeulhums bewegten, so.verfolgte die vierte und bis nun letzte Ordnung einen Zweck, der außerhalb des Judenthums stand und zuweilen sogar gegen das ganze überlieferte Judenthum überhaupt gerichtet war. Die Ordnung trug auch vielmehr ben Stempel einer Invasion denn einer Reformation. Die Emancipation der Juden am Aufauge des 19. Jahrhunderts und der Umschwung der Verhältniße, der das Judenthum nach den vielen Jahrhunderten der Leide» so plötzlich überraschte, verwirrten die Köpfe der jüdischen Reformatoren, indem diese irrthümlich glaubten, dass die Völker bereit sind, alle alten Rechnungen mit uns zu quittiren, und nun erwarten, nachdem sie ihrerseits den ersten Schritt gethan haben, dass auch unsererseits einige Eoncessionen gemacht werden, damit der ewige Contrast zwischen Judenthum und Christeuthum für immer aufhöre. Es wiederholten sich da ähnliche Erscheinungen wie in der alexandrinischen Periode. Wie der Hellenismus von Alexandrien mit Philo an der Spitze als Vorläufer des Christenthums anerkannt ist, so diente der Berliner Rationalismus mit Mendelssohn an der Spitze als Vorläufer der Assimilation. Und in diesem Geiste der Verwirrung sind die Rabbinerconvente in Braunschweig, Kassel, Frankfurt, Augsburg rc. zustande gekommen, ein Areopag von Rationalisten, um die Religion und den Rest des Nationalismus, den die Völker bis dahin durch ihren Druck in uns conservirt haben, vor Gericht zu laden. Das erste Opfer au den Moloch der Emancipation war natürlich die shuagogale Liturgie; in ihr fanden sie so viel Abstoßendes und mit dem neuen Geist Unverträgliches, dass es unbedingt weggeschafit werden müßte. In diesem Reformparoxismus schonten sie weder Neues noch Altes, weder die wahre Poesie noch die Kabbala; Glaube und Aberglaube wurden gleichmäßig behandelt. Der ganze shnagogale Stoff wurde so radicalisirt, dis das Kind zusammen mir dem Bade ausgeschüttet war. In Kurzem, der Character der vierten Ordnung war rein liegativ. Der Westen ist gegen ben Osten ausgetreten. Gehörte die Vergangenheit der Liturgie dem Orient, so wollte der Occident ihre Zukunft für sich in Anspruch nehmen. In Westeuropa hat dieser radicale Geist das Licht der Welt erblickt, aber in Amerika fand er einen reicheren Baden für seine Entwickelung, und die Zahl seiner Adepten im Lande des Columbus ist immeus. Zwar versetzte die neue Bewegung des Zionismus (diesem Geiste einige empfindliche Schläge und es ist überall ein ^gewisser Stillstand zu bemerken, ob mau aber ein völliges Ver- / löschen desselben constatiren kann, das muß erst abgewartet werden. t Nachdem wir nun durch die vorausgeschickten Erörterungen 4nit der Geschichte der synagogalen Poesie näher bekannt geworden sind, wird uns hoffentlich die Bekanntschaft mit dem musikalische» Theile und seinem Verhältniße zur synagogalen Poesie in allen vier Stadien leichter werdet!. Es ist mehr als gewiss, dass in der ganzen ersten Epoche oder Ordnung — abgesehen von kleinen Ausnahmen, gegen welche sehr hart gekämpft wurde — blos jerusalemische Tempelmelodien den synagogalen Text begleitet haben. Persien und Rom, die ersten zwei Exile der Juden nach dem Falle der beiden Tempel,, wären überhaupt nie im Stande gewesen, den jüdischen Gesang zu beeinflußen, wie es einst Egypten that; da weder das iranische Babylonien, noch das heidnische Rom sich rühmen' konnte, irgend eine Originalität in der Musik gehabt zu haben?) Sie waren vielmehr selbst von den Hellenelt und Inden musikalisch abhängig, ein Einfluss, von dem auch die Kirche nach vielen Jahrhunderten sich nicht so leicht emancipireu konnte. Erst im 14. Jahrhunderte blühte eine persisch arabische Musik, oder richtiger gesagt, eine musikalische Philosophie oder Mathematik unter der Hegemonie der arabischen Khalifen, die aber, auch daun sich mehr theoretisch als praktisch entwickelt hat. Abgesehen davon, dass die Gründer dieser Schule, die berühmten Gelehrten Schaffied bin Ben Fachir el Ormevi el Bagdadi, gar nicht Perser von Geburt sondern Araber waren, fehlte es auch dieser Schule an Originalität^). Dass aber die alten Perser und gar die Babylonier sich der Superiorität der jüdischen Musik über die ihrige vollkommen bewusst waren, können wir aus der an die gefangeuen Juden gestellten Bitte: „Singet uns von Zions Liedern!"'*) und aus der stolzen Antwort der Gefangenen: „Wie sollten wir Jahves Gesänge auf. fremdem Boden singen V deutlich ersehen. Ungeachtet dieser ersten Weigerung finden wir jedoch nachher im Dienste des goldenen Götzen, den der König Rebukadnezar in tfer Ebene Duro aufgestellt ha?), fast alle Instrumente des jerusalemifcheu Tempels''). Ob die Chaldäer selbst diese Instrumente in ihren Götzendienst einführten, oder ob sie es mit Hilfe der von ihnen fo human behandelten Juden thaten, lässt sich nicht Nachweisen. Eins ist jedoch gewiss, dass die Chaldäer, die den Tempel aller Schätze beraubt hatten, auch für die Musikinstrumente so viel Interesse bezeugten, wie für alle Geräthe und Geschirre**), die sie nach Babylonien schleppten und die erst mit Cyrus Erlaubnis rückerftattet wurden. Dass die Gefangenen in ihrem babylonischen Exile die Ziouslieder wie heilige Reliquien conservirt und gepflegt haben, ist mehr als gewiss, sonst wäre die Zahl der Sänger und Sängerinnen unter den mit Esra Zurückgekommenen nicht größer als zu David's Zeiten gewesen. In der Davidischen Epoche, bei einer Gesamunzahl des ganzen Volkes von 1,300.000T) war die Zahl der Sänger 40001 2 3 * * * * 8 9) und unter den 42360**) Zu rückgekehrten gab es ungefähr 240 bis 245 Sänger. Diese Zahlen zeugen deutlich, dass die Juden ihre Nnsioa oaora während der Gefangenschaft zu Babylonien keineswegs vernachlässigt haben. Dass der Gesang des zweiten Tempels gleich seit der ersten Synode echt davidisch eingerichtet war, braucht nicht erst betont zu werden. Niemand wird es wagen, Esrah, dem Organisator der neuen Verfassung, dem strengsten nationalen Purificator, den selbst Familienseparationen nicht abschrecken, um seine ultraorthodoxen Reformen durchzüführen, zuzumuthen, dass er den Klang einer zweifelhaften Melodie, die nicht (10„*in filitDD* ist, im Tempelhofe zugelassen hat. ^(Fortsetzung folgt.) 1) Professor Hermann Ritter, Allg. illustrirte Encyklopädie der Musikgeschichte Bd. I., S. 54. 2) Ambros, Geschichte der Musik, Bd. I. S. 95. 3) Psalm, Cap. 130. 4) Daniel, Cap. III. 5) Siehe ausführlich darüber in meinem. Aufsatze „a'tirra *jo?n im Journale „Haschiloach“ 1899. 6J Chronik« II. Cap. 36. Könige II. Cap. IV. Jeremia Cap. 27. 7) lieber die Musik der alten Hebräer, von Pfeifer, Erlgngen 1779. Auch I. N. Forkel. Allgememeine Gesch. d. Musik. Bd. I. S. 124. Samuel, Cap. 24. 9) Esrah, Cap. II. V. 64. io) Nehemia, Cap. 12.

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