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Die Wahrheit · 1902-07-18 · Heft 28 (18.7.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 28 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. ’Jtr. 28. prüfen, dass die Verfolgung von Christen durch Nichlchristeu ^aus demselben Niveau der Barbarei sich bewegt, wie die Verfolgung von Nichtchristen und spcciell Juden durch Christen — ja letztere um so verwerflicher und verächtlicher zu sein 'scheint, als sie sich zugleich gegen die Lehren ihres dem Judenthume entsproffcnen erhabenen «Stifters und gegen die Gebote jener weltumsasienden Religion der Liebe versündigt, welche die leuchtende Tochter des jüdischen Glaubens ist. Gleichwohl schmachten in Rumänien mehr als eine Viertelmillion treuer, hingebungsvoller jüdischer Landeskinder lediglich um ihrer Abstammung und Consesiion willen '.seit Jahrzehnten unter dem sich stetig steigernden Drucke vollständiger Entrechtung und unter allen entsetzlichen Folgen und Wirkungen, welche naturgemäß mit ihrer systematischen — direct und indircct betriebenen — Ausschließung aus allen Aemtern? Berufen, ja aus den untergeordnetsten Geschäftszweigen und Taglohnarbeiten, aus allen bürgerlichen Bethätiguugen und mit der gesetzlich decretirten Ausschließung ihrer Kinder aus den Schulen verbunden sein müssen. Und dennoch erfüllen diese in moralischer Bedrängnis schmachtenden und gewaltsam in das materielle Elend gestoßenen und an dieses Elend gekitteten jüdischen Rumänen, deren Vorfahren zum Theile schon zur Zeit der Datier im Laude waren, willig und voll ihre Pflichten an Geld- und Blutstemr gegen dieses ihr Vaterland, welches sie als Staatsbürger nicht anerkennt, als „Fremde" unerhörten und in ihrer willkürlichen praktischen Ausführung maßlos verschärften Gesetzen und Verordnungen ausliesert, ihnen jedwede Arbeits¬ und Erwerbsgelegenheit benimmt, sie zu heimatlosen Prolelariern heiabdrückt, als solche sie dann verfolgt und zur unfreiwilligen Auswanderung, vielmehr zum fluchtartigen Verlasien dieser Stätten der Rechtlosigkeit und Verarmung drängt, von deren Jammer sie sich aber gleichwohl infolge ihrer Hits- und Mittellosigkeit nicht loszusagen vermögen! Aber nicht etwa eine hohle Bettlerhand strecken diese tüchtigen, winhschastlich wohl verwendbaren Volkselemente ihren ausländischen Glaubensgenossen und dem Europa der Humanität, den hohen Signatarmächten des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878, welcher ihnen Freizügigkeit, den Genuss aller politischen und bürgerlichen Rechte und Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehren verbürgte, entgegen — ihr Verzweiflungsruf, der in den letzten Jahren unablässig widerüaüt von den Usern der Unteren Doiiau hinaus bis an der Themse Strand und von Bukarest und sinaia über Paris hinüber bis in die transoceanische Republik, er lautet und will nichts Anderes, als: „Recht und Arbeit, Duldung und Friede!" Ist es schon unsäglich traurig, dass jener altehrwürdige Volksstamm, der in dem Gebote der Nächstenliebe den wesentlichsten Theil seiner Religion erblickt und dessen uralte Gesetze schon den Schutz und die Gleichberechtigung, ja in vielen Fällen sogar die Bevorzugung der Fremden an ihre Spitze stellten, heute noch, im zwanzigsten Jahrhunderte nach seiner politischen Zersprengung, um Toleranz werben muß und sie nicht zu finden vermag — so mag es einigeruiaßen tröstend und Hoffnung kündend erscheinen, dass immer wieder die besten Elemente der Völker unter dem Zeichen dieses überkommenen Gebotes der Nächstenliebe sich vereinigen, um das Panier menschlicher Würde, Gleichheit und Freiheit zu entfalten und unter dessen nie versiegendem Schutze die ewigen Gesetze der Menschlichkeit und ihres ethischen Zusammenhanges anzurufen und zur Geltung zu bringen. Konnte Europa einig und stark genug sein, um mit Waffengewalt in das ferne chinesische Reich jene Civilisation zu tragen, die weit näher, im heimischen Continente, in Armenien und Rumänien schmerzlich vermisst wird, so dürfte der Wunsch und die Erwartung nicht unbegründet erscheinen. baf& es auch die moralischen und diplomatischen Machtmittel Pnden werde, um von seinem eigenen Leibe Auswüchse und Misgestaltuugen zu bannen, die unserer Zeit, Mission und Gultur zum Hohn und Schimpf gereichen. Jenem das .Jahrhundert schändenden" Antisemitismus mit seiner Perfidie und Verlogenheit, Rohheit und Gewaltthätigkeit, mit seiner Selbstsucht und Zuchtlosigkeit, — ihm, dem die officiellen und die höheren Gesellschaftskreise Rumäniens sich in die demoralisirenden Arme geworfen, sind auch die Juden in Rumänien als bedauernswerthe, unsagbar leidende Opfer hingeworsen worden, — dieselben Juden, denen man einerseits jedwede Existenzsähigkeit, selbst jedwede Bildungsmöglichkeit versagt, andererseits die schwersten Steuern und militärische Dienstpflicht auserlegt, — dieselben, denen, trotzdem sie seit Jahrhunderten Inländer und Rumänen sind, plötzlich die Naturalisation anfgetragen wird, welche selbst aber nur individuell von dem Parlamente ertheilt werden kann und deren selbstverständliche Nichterlangung identisch bleibt mit — Rechtlosigkeit! So möge denn, geehrte Herren, unsere bittende Stimme Gehör bei Ihnen finden, unsere Bitte, die wir dringlichst erheben zu müssen glauben sür unsere gehetzten und geächteten Glaubensgenossen in Rumänien, deren unverdiente Erniedrignng, Drangsale und Nothlage zu notorisch sind, um hier im Kreise dieser wissenden Männer voll Weisheit und Geist, voll Herz und Empfinden, voll Gerechtigkeit und Menschenliebe noch des Weiteren begründet werden zu müssen; — möge unser Appell an diese das öffentliche Gewissen repräsentierende Versammlung mächtigen Widerhall finden zu Gunsten der namenlos bedrängten Mitglieder jenes Stammes, dessen „Amen" auch Ihr Gemüth bewegt, dessen .Hosiannah" auch Ihre Andacht erfüllt und in dessen „Hallelujah" auch Ihr Herz dem gemeinsamen Allvater zujnbelt. Hoher Congress! Wenn Sie Schutz und Beistand gewähren den armenischen Christen gegen die Türken, so spenden Sie auch Ihr Wohlwollen und Ihre Hilfe den rumänischen Juden gegen deren eigenes sie verleugnende Vaterland. " Wien, Mitte Juli 1902. Politischer Volks verein: D r. H e r m a n n F i a l l a, Hos- und Gerichts-Advocat, Präsident. D r. M. Hofs nt a n n, Hof- und Gerichts-Advocat, Schriftführer. Die Gesammtorganisation der deutschen Juden. Das muß man schon unseren Glaubensgenossen im Deutschen Reiche lassen^ dass sie eine Idee, die ihnen ersprießlich und nützlich erscheint, nicht so ohne weiteres preisgeben, wenn auch die Ausführung derselben aui Schwierigkeiten stoßt. Und ihr Streben ist zumeist von Erfolg begleitet, weil sie nicht aus die äußeren Formen, sondern auf den inneren Kern der Sache das Hauptgewicht legen. So ist auch ans dem fallengelassenen Projecte des „Judentages" die Idee der Gesammtorganisation der deutschen Juden entsprungen, über welche der geschäftssührende Ausschuss nachstehende Kundgebung veröffentlicht: Es wird dereinst eine dankbare Ausgabe für den Psychologe» sein, den Gründen nachzusorschen, weshalb .die Idee des Judentags'* eine so entschiedene Ablehnung in jüdischen Kreisen erfahren hat. An mtd sür sich erschien diese Idee recht plausibel und sogar durchführbar; wer weiß, ob nicht in ruhigeren Zeiten mehr Sympathien für dieselbe sich geregt hätten. Aber es _ ift eine nicht in Abrede zu stellende Thatsache, dass der Vorschlag zur Zeit mehr Gegner als Anhänger gesunden hat. Freilich zollten diese wie jene den idealen Motiven, die hierzu geleitet hatten, volle Anerkennung; die Ausführung aber schien den meisten unmöglich und, wenn möglich, nicht einmal wüni'chenswerth. Aber eine Idee, der ein berechtigter Kern innewohnt, geht nicht verloren. Wie ein Samenkorn, oas zu rechter Zeit im Halme sprießt, so ist aus der Idee des Judentags die der Gesammtorganisation der deutschen Juden hervorgegangen. Der Unterschied zwischen beiden Plänen liegt für jeden Unbefangenen klar zu Tage. Die Idee der Gesammtorganisation hat deshalb — das kann man schon jetzt seststelle»

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