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Die Wahrheit · 1902-07-11 · Heft 27 (11.7.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 27 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Kelterr.-ungar. Canwren -Z eituna. Nr. 27. Weitäge zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Die Entwicklung -er synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P. M i n k o w s k y, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. IX. Wir müssen wohl Luch eingesteheu, dass der übertriebene musikalische Hancs des Pöbels auch sehr viel zum Schaden der Liturgie dadurch deigetragen hat, dass viele Individuen von zweifelhaftem Charakter, die den Tadel der Rabbiner ehrlich verdient haben, durch ihren Gesang vom Volke als Litnrgiennäger aufgenommeu wurden und dadurch die Würde der Synagoge beeimrächttgren. Es entstand abermals eilt Chaos in der jüdischen Liturgie, das unbedingt geordnet werden musste. Da kam im 16. Jahrhundert eine dritte Ordnung, die weder Aufspeicherung noch Beschränkung beabsichtigte, sondern eine Million der Erläuterung und im Allgemeinen mehr einen geschäftlichen als irgend einen geistigen Zweck vel folgte. Die Ordner waren zumeist weder synagogale Autoritäten, noch individuelle Capacitäten, sondern einfache Geschäftsleute, die nach Erfindung der Buchdruckerei durch Gutenberg unter anderem auch den Abdruck der jüdischen Schritten unternahmen. Diesen ward es überlassen,. in diesem httligen Labyrinth nach ihrem Gutdünken Ordnung zu machen! Ihnen müssen wir bezüglich der Echtheit der synagogalen Poesie wie auch der Legitimation der Peitanim und Pimim vertrauen und von ihnen wissen wir, dass dieser Piut afchkanasischen, jener Pisinon sephardischen Ursprungs ist; dass in Prag jene Selicha nicht acceptirt und m Frankfurt a. M. jene Tochacho iticht gesagt, oder dieser Jozer mit einer arabischen Melodie vorgetragen wird. Wie treu diese O-c^ner ihre Mission nach den überliese'.ten Handschriften erfüllen und wie weit diese Schriften ihnen zur Verfügung standen, wissen die Götter; eines jedoch ist gelviss, dass die Censoren, zumeist aus den Kreisen der jüdischen Renegaten, die zur Aussicht der jüdischen Druckereien ernannt wurden, um alle verdächtigen Phrasen gegen das Cristeuthum aus den Gebetbüchern zu streichen, viel zur Verunglimpfung der synagogalen Poesie beigetragen haben. Dennoch hatte die dritte Ordnung, trotz ihres profanen Ursprungs, mehr Erfolg als die vorhergegangenen Ordnungen. Wie gesagt, fand die dritte Ordnung der synagogalen Liturgie im 16. Säculum statt. Diese Zeit ist in der Geschichte unter dem Namen „Epoche der Renaissance" bekannt. Das Mittelalter mit allen seinen Institutionen der Kirche, des Staates, des socialen Lebens, der Kunst und Wissenschaft lag brach zu Füßen der neuen Aera. Humanistische und lutherische Ideen brachten den mittelalterlichen Katholicismus mit seinen grausigen Blntlhaten zu einer in der Geschichte noch nicht dagewesenen Krisis. Die Hierarchie der Blutpriester wurde bis in den Grund erschüttert, Galilei und Bruno schufen eine Umwandlung im menschlichen Denken, Entdeckungen, Erfindungen und Umwechslungen machten sich ans Schritt und Tritt' geltend, es gab auch eine Wiedergeburt in der altgewordenen katholischen Musik, eine Ncugednrr der lutheranischen Musik, eine schwungvolle Theatermusik rc., so dass diese Zeit mit Recht den Titel „Renaissance" in der Geschichte verdient har. Von dieser allgemeinen Bewegung blieben leider blos die Juden ausgeschlossen. Die auferstandene Menschheit und noch mehr die reformirte Kirche behandelte Judenthnm und Juden schlimmer als zuvor. Die Völker des Mittelalters hassten uns, sie wünschten unseren physischen Ruin, die auferstaudene Menschheit dagegen verlangte unseren moralischen Untergang beim Leben. Der verhängnisvolle Name „Ghetto", der schon seit dem 14. Jahrhundert als provisorischer Aufenthalt de Juden — und manchesmal auf ihr eigenes Verlangen als Schntzplatz vor einem gefahrdrohenden Pöbel — aufgetaucht war, wurde seit dem 16. Säculum als allgememeines Losungswort für die Juden fast aller Länder declarirt.*) In diesem Grabe sollten das Judenthum und seine Bekenner sich selbst lebend verzehren. Dort in ihrem isolirten Gefangniße, fern von dem äußeren Leben, das sich kräftig entwickelte und erneuerte, arbmeten die Unglücklichen eine schwüle, schmutzige Luft und verpesteten einander. Das kräftig pnlsirende Judenthum,das sich gerade in den vorangegangenen Jahrhunderten immer nach vorwärts entwickelt hatte, kam durch die gehemmte Lust fast ganz ins Stocken. Anstatt der Philosophie Maimonides', Kreschkas iC, der Poesie eines Jehuda Halewi, Iben Esra, Gabirol, der Sittenlehre Bachje's und des großen peitanischen Stroms blühte eine finstere, phrasenreiche, chaotische und bombastische Lurjanische Kabbala mit ihren phantastischen Welten und illusorischen Sphären, die mehr zur Verwirrung als zur Belehrung beitrugen. Diese mystische Theorie schuf nicht nur einen neuen Text für sich in der Liturgie, sondern suchte auch ihre schwülstige Tendenz dem alten Text durch Commeutare beizulegen und dadurch von den Verfasiern nie gedachte Absichten in die jüdische Liturgie hineinzubringen. Weder Etymologie noch der einfache Sinn, weder Logik noch Metrik der Sprache durften in der synagogalen Poesie in Betracht kommen, sondern die tiefe ,Kowana" der geheimnisvolle „Sod" solleil als höchstes Ziel der „Z'luthe" dienen. Die Jünger dieser Schule, die Apostel dieser neuen Theosophie, wie die Vitalianer, Sabbatäer, Frankisten, , Beschten, Chabadäer rc. haben der jüdischen Liturgie eine ganz andere Färbung verliehen. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Spende) Wie uns mitgheilt wird, hat Herr Albert Berger in Triest in Vertretung seiner Schwägerin, Frau Therese Berger, einen Betrag von K. 3000.— der israelitischen Cultus gemeinde in Wien mit dem Beifügen übermittelt, dass mit dem Betrage von K. 2000.— eine Widniung für das israelitische Altersversorgungshaus in Wien errichtet werde, während die anderen K- 1000.— dem israelitischen Mädchen- Waisenhause in Wien zuzusühren sind. Unter Einem übermittelte Herr Albert Berger in Vertretung seiner Tante, 'Frau Franziska Berger, in Triesch K. 1000.—, gleichfalls zum Zwecke einer Widmung für das Wiener israelitische Altersversorgungshgus. Wien. Unter Vorsitz des Gemeindepräsidenten, Herrn Marcus Russo, fand Sonntag, den 29. Juni im Winterbetsaale des türk. Tempels die Jahresprüsung der türk. isr. Schule in Anwesenheit von Gemeindemitgliedern und der Eltern der Zöglinge statt. Die Kinder beantworteten die an sie gestellten Fragen mit Sicherheit und Schlagfertigkeit, und ihre ausgezeichneten Kenntniße in sämnitlichen Lehrgegenständen, besonders in der hebräischen und spaniolischen Sprache, wie ihre Vertrautheit mit der Geographie des heiligen Landes überraschten allgemein. Am Schlüsse der Prüfung legte der Direktor der Anstalt, Herr Ignaz Weber, den Kindern an's Herz, der Pflichten der Dankbarkeit gegen Eltern, Lehrer und Gemeinde, welch' letztere die Schule nur unter Aufbringung schwerer Opfer erhält, stets eingedenk zu sein, und er hob rühmend hervor, dass in der türkischen Gemeinde sowohl der Vorstand als auch zahlreiche Gönner und Wolthäter der Schule das richtige Verständnis entgegenbringen und auf jede mögliche Weise ihr Gedeihen fördern. Mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und den Sultan, in das die Schuljugend und sämmtliche Anwesende begeistert einstimmten, endete der Direktor seine Rede, welche sehr treffliche und beherzigenswerthe Bemerkungen über die Bedeutung der jüdischen Schule für die Erhaltung des Judenthums enthielt. Mit Absingung der österr. und türk. Volkshymne durch die Schuljugend unter Leitung des Gesanglehrers, Cantor I. Lötvit, schloß die schöne u d erhebende Schulfeier. Am 26. Juni l. I. wurde die Anstalt vom k. k. Bezirksschulinspector und Schulrath I. M. Hinterwaldner eingehend inspiciert. Dieser Vertreter der hohen ttnterrichtsverwaltung sprach sich i) Jewish life of tbe middle ages. J. 340. by Abrahams. London.

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