Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 27 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 ’He Wahrheit.?eite 7. Hais gegen die Inden. (S. „Geschichte der Juden" von Grätz, 4. Bd., S. 396-399.) Mehr Dankbarkeit bekundeten über 1000 Jahre nach Hieronymus mehrere berühmte christliche Gelehrte, von welchen wir hier einige nennen wollen, gegen ihre jüdischen Talmndlehrer. Johann Reuchlin lernte Talmud von R. Jechiel Lous in Paris und R. Obadja de Syforno; Jean Pico de Mirandola von R. Johann Allemeno; Aegidus de Viterbo von Elia Levita und Johann Buxtorf von Jakob ben Jsak Romano. . Dieser Umstand, dass die genannten und auch andere Talmud- ■! coriphäen hochgestellte christliche Gelehrte den Talmud lehrten,! kann allein als schlagender Beweis dafür gelten, dass der Talmud nichts Feindliches gegen die Christen enthält; denn sonst hätten die Talmudlehrer mit Recht fürchten müssen, dass ihre Schüler bei fernerem Studium des Talmud zu diesen angeblich feindlichen Stellen kommen und sie znm Nachtheile des Jndenthums knndgeben werden. Im Sinne des Talmud (Nedorim 35) lehrten die Talmudlehrer ohne Honorar, blos um Kenntniße zu verbreiten; leider wurde aber dieser Zweck nicht immer erreicht, und oft trat das Gegentheil ein. Die Talmudlehren fanbeit unter den Christen auch Verbreitung durch die religiösen Disputationen und Controversen,' zu welchen die Inden in den ersten Jahrhunderten der Kirche von ihren Gläubigen, besonders von den Inden-Christen, moralisch gedrängt wurden. (S. Tr. Sanhedrin 39, Joma 57, Ab. Sara 4, Berach. 10, Midr. Rab. Gen. 11, 19 u. n. a. St.) Auch die Vorträge in den Synagogen, Hochschulen und Akademien waren von Christen zahlreich frequentirt, bis ihnen dies auf den Concilien wiederholt verboten wurde. Schleiden in seiner Schrift: „Die Verdienste der Juden um die Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" schreibt (ibid. S. 38—40) Folgendes: „Ich habe bisher nachgewiesen, wie durch das ganze Mittelalter, während alle europäischen Nationen stillstanden, die Juden rüstig aus der Bahn der geistigen Entwicklung vorwärts strebten und jede Seite des wissenschaftlichen Lebens ausbildeten und viel von ihren Errungenschaften am Ende des Mittelalters auf die ein neues Leben beginnenden Völker übergegangen ist. Aber sie haben noch ein unendlich großes Verdienst. Als die abendländischen Völker anfingen, sehnsüchtig ihre Hände nach den köstlichen Früchten aller Geistescultur ausznstreckcn. mussten die Juden i hinzutreten und sie ihnen zugätlglich machen; denn die Christen! in ihrer entsetzlichen Unwissenheit verstanden nicht die Sprachen, in denen der Geist der Alten sich mittheilte. Wenn die Juden nicht als Uebersetzer gearbeitet hätten, so würden wir wohl noch in» finstersten Mittelalter stecken geblieben sein. Alle Völker hatten ihr finsteres Mittelalter, nur die Juden nicht. Wir haben gesehen, dass sie in unterbrochener Geistesarbeit jedes Gebiet . der Wissenschaften anbauen, fortbilden und den am Ende des! Mittelalters endlich erwachenden Nationen überliefern. Sie sind j die Begründer wissenschaftlicher Sprachkuude, sie sind die Ein-! zigeu, welche eine eindringende und allein fruchtbare Kenntnis der heiligen Schriften erhalten und fördern, weil sie für viele Jahrhunderte die Einzigen sind, welche die Kenntnis der morgenländischen Sprachen in sich vereinigen; sie waren die Einzigen, bei welchen die freie Entwickelung der Gedankenarbeit in Philosophie, und besonders Religionsphilosophie Raum findet; welche die Ethik in einer Weise ausbauen, wie kein anderes Volk. Sie sind es insbesouders, bei denen ganz ausschließlich eine wissenschaftliche Bearbeitung und Fortbildung der Medizin fiattfindet; sie betheiligen sich fruchtbar am Fortschritt der Astronomie, sie begründeten die berühmten Schulen von Montpellier, Cordova, Salamanka u. ». a." In einer Randglosse ibid. schreibt Schleiden: „Wenn Herr Professor Billroth im seinem Buche: „Lehren und Lernen der medizinischen,Wissenschaften" sich darin gefällt, seine alten Dorurtheile (gegen die Juden) auszukramen, so ist dies seine Sache; aber wie kann ein öffentlicher Lehrer zugleich eine so bodenlose Unwissenheit in der Geschichte seiner eigenen Wissenschaft zur Schau tragen? Er kennt offenbar die ungeheure Bedeutung der Inden für die Medizin nicht, und hat daher nicht bedacht, dass es ohne die Inden vielleicht nie einen Professor Billroth gegeben haben würde." Eine wohlwollende! Beherzigung des letzten Satzes seitens antisemitischer" Professoren dürfte geeignet sein, sie gegen ihre semitischen Hörer freundlicher und wohlwollender zu stimmen. (Fortsetzung folgt.) Das Kaddrschgebef. Von Bernhard Loewenthal. (38. Fortsetzung.) „Nehmen Sie's nur ruhig an — es ist so — und seh'n Sie, es ist komisch — ich liebe — den alten Herrn. — Glauben Sie's mir!" „Und das Singen, das Singen!“ mahnte der Intendant. Else wurde bleich. „Es wird schwer werden, aber ich muß — ich muß Allem — entsagen. — Also, die „Vera" ist me ne letzte Partie — ich reiche es noch heule schriftlich ein." Damit ließ sie den Intendanten stehen. Der murmelte etwas wie „verrückt" oder „nicht zu glauben" und eilte ins Bureau, dort brummend dem Secräter die Neuigkeit erzählend. Den nüchstell Tag schon brachten die Zeitungen die Nachricht, dass die „Munk" ihr Entlassungsgesnch eingereicht habe, unb 'alle sprachen sie die Hoffnung aus, dass ein so verdienstvolles Mitglied dem Theater doch noch erhalten bleibeit würde. Leon Wild hatte nur der Erstaufführung, seiner Oper beiwohnen können. Mit zitternder Stimme sprach er allen Mitwirkenden, „hinter den Conlissen" feinen Dank ans. Als er auf Elfe Munk, die abseits sich mit dem Baron v. Olden unterhielt, zntrat. wurde er noch bleicher. „Ich danke Ihnen, meine Gnädige — Sie haben mir znm Siege verholfen — ich habe nur den Schlachtenplan gemacht, Sie waren — der Feldherr!" Sie reichte ihm stumm die Hand. Angesichts dessen, was er litt, tvar es ihr jetzt, in eines Andern Gegenwart, unmöglich, auch nur ein Wort zu sprechen. Sie wusste, dass er ihr noch viel zu sagen hatte, und mit leisen Worten bat sie den Baron, einen Wagen zu besorgen. Dieser verbeugte sich gegen die Sängerin, drückte Leon die Hand und ging. Elfe hatte dem alten Herrn, als dieser um ihre Hand anhielt — Alles gesagt. — — — Er hatte ihr nur eine Bedingung gestellt, und diese war, mit ihm Berlin zu verlassen. Der Baron hatte ltnbegrenztes Vertrauen zu ihr und deshalb ließ er sie mit Leon jetzt allein. „Wir wollen Abschied nehmen, meine Gnädige," sagte Wild, „denn ich werde Sie nicht Wiedersehen." „Sie wollen fort?!" Wie ein langunterdrückter Aufschrei kam es dumpf von ihren Lippen. „Ich fühle mich krank — müde, die Arbeit der letzten Wochen ging wohl über meine Kräfte und dann — ich habe so viel zu vergessen'. Er blickte sie so todestraurig an, dass ihr fast das Herz stillestand vor Weh. „Ja, wir müssen vergessen," hauchte sie, „aber bleiben Sie auch ferner — mein Freund!" Er lächelte bitter. „Das werde ich wohl müssen, den» ich könnte nicht anders." Er ergriff schnell ihre Hand, drückte einen langen Kuss auf die schlanken Finger, und ohne sich noch einmal umzusehen, verließ er die Bühne. Am nächsten Tage konnte er das Betr nicht verlassen, ein Nervenfieber drohte sein junges Leben zu zerstören. In der Oper saug Elfe allabendlich die „Vera". — Hier im stillen Krankengemach pflegte Alice ihren Vetter. (Fortsetzung folgt.) j