Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 27 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit. lUr. 27. leinei Auitrageber die mosaischen Speisenverbote aushob. (Das. X, 9—16). Schon dieser eine ausgesprochener Magen gegen Las Gesetz gerichtete Zug erregte den Unwillen der Urgemeinde zu Jerusalem. (Das. XI, 1—3.) Am entschiedensten ging jedoch Paulus in der Richtung vor. Er hob nicht blos das ganze mosaische Gesetz auf, sondern schaffte auch das Buudeszeichen der Beschneidung ab. (Das. XV, 1—2.) Es wurde daraufhin zu Jerusalem ein Eoncil sämmtlicher Apostel unter Zuziehung der dortigen Urgemeinde abgehalten. Nachdem man sich lange über die von nun an zu beobachtende Haltung gezankt hatte, kam »ran endlich dahin überein, dass man den neuen Bekennern vorschreibe, „dass sie sich enthalten vom Götzendienst, Unzucht, Ersticktem und Blut, denn Moses' Gesetz hat von altersher in allen Städten seine Verkündiger und es wird alle Sabbathtage in den Schulen gelesen." (Das. XV, 20—21.) Spater ging Paulus gar so weit, dass er das mosaische Gesetz alseine Art'Fluch hinstellte. (Galater Brief III, 10 *.) Diese Ereiguiße dürften etwa 10—15 Jahre vor der Zerstörung des Tempels stattgefunden haben. In diese Zeit fällt aber auch merktvürdiger Weise die Abfassung unserer Mischnah in Synhedrin. In die diesbezüglichen Bei Handlungen haben nämlich Abba Saul und Rabbi Akiba eingegriffen. Ersterer war ein Zeit- und Studieugenoffe des Rabbi Jochauan b. Sakkai. Beide gehörten also der letzten Periode des jüdischen Staates noch an. Allein während Rabbi Jochauan b. Sakkai auch nach der Zerstörung noch lehrend und führend auftritt, verlieren sich mit der Zerstörung des Tempels die Spuren des Abba Saul gänzlich. Es liegt daher die Annahme fehr nahe, dass er während des Krieges umkam. Die Abfassung unserer Mischnah muß demnach noch geraume Zeit vorher stattgefunden haben. Den angeführten Maßregeln gegenüber war eine Abwehr durchaus geboten. Es wurde hierbei an dem Faden angeknüpft, ~ der seinerzeit, wie oben dargethan, gegen die Sadduzäer gesponnen wurde. Dieser Umstand macht auch die auffällige Anordnung der Glieder in unserer Mischnah ,T“nr -acm ,nn'e a*nen n*nn p newi erklärlich. Lage hier nicht bcwusslermaßen ern Hinweis uuf jenen Vorgang zu Grunde, fo hätten nach dem allgemein beobachteten Grundsätze, zuerst das Allgemeine und danzr das Besondere zu behandeln, die Sätze in umgekehrter Folge aufgeführt werden müfferi. Wenngleich das Judenthum in Folge der gedachten neuert Strömungen dahin gedrängt wurde, den Bestand feines Glaubens theoretisch einigermaßen zu umgrenzen, als eine abgeschlossene Theorie wird man die 3 bis 4 abgerissenen Sätze doch wohl kaum bezeichnen können. So blieb es nach wie vor weit davon entfernt, auf diese das Schwergewicht zu verlegen. Das leuchtet schon aus der Formnlinmg der dicsfälligeu Sätze hervor. Es heißt nicht: Bwn p rrxri cnan n*nna psrA ^siv" bz oder etwa: «S2n bAijA pbn A tr trern |c rmrai e"nn3 pserAsT^'1 bi Diese negative. Fassung bekundet ganz unzweideutig, dass es hierbei nur darauf ankam, dem Abfall gegenüber einen Damm zu errichten. Auf das gleiche Ergebnis laust es hinaus, wenn wir die auffällige Stellung, welche unsere Mischna einnimmt, in Betracht ziehen. Ihre Einschaltung hinter den Verbrechen, welche die Todessiraße zur Folge haben, kann, wie alle Erklärer auf Grund der Toscsta Synh. XI, 5, annehmen, keiner! anderen Sinn haben, als dass auch ein Verbrecher, welcher reumüthig Lie Strafe über sich hat ergehen lassen, des ewigen Lebens für Iheilhaftig erklärt wird. Es ist doch gerade nicht so sehr selbstverständlich, dass Leute dieses Schlages in ihrem Leben stets den Glauben rein «nd über alles hochgehalten haben? Auch darf, wie bereits gesagt, der Umstand fein Befremden erregen, weshalb die Theil- •) Im Zusammenhänge damit erklärt sich mir die räthfelhaste Stelle in Tanijoth IV, 6 minn nx diobdibk spa« Sowohl beide Stämube wie sämmtliche (Kommentatoren geben uns über die Bedeutung des Ereignißes keinerlei Aufschluss. Ich lese statt oiovoivu richtig U«d laste es dahingestellt, ob hier ein absichtliche oder versehentliche Entstellung vorliegt. Jedenfalls hatte Paulus, um seinen vollständigen und entschiedenen Bruch mit der Thora darzuthun, eine derartige Handlung vornehmen zu müssen geglaubt. Hastigkeit am ewigen Leben es gerade ist, die hier von gewissen Voraussetzungen abhängig erklärt wurde. Nach oer damaligen Lage der Dinge war die Einnahme dieses Slandpunktes unumgänglich. Denn die im Judenthum sich ansbreitende neue religiöse Strömung war weit davon entfernt — als eine Religion der Liebe — für welche man sie später ausgegeben hat — aufzutreten. Sie wollte vielmehr eine unfehlbare Anweisung zur Erlangung der Seligkeit des Himmels bieten. Vergl. Lucas X, 25, XVIII, 18 und Johannes IV, 14. Die Vertreter des JudenthumS konnten da nicht einfach die Hände müßig in den Schoß legen. Für die urwüchsige Auffassung des Judeuthnins jedoch ist vielmehr die Lehre, welche die letzte Miichna des 1. Cap. in Kidnschin aufstellt, echt charakteristisch. Dort heißt es: fwi psn ns Anw w A pnsei A p'ao nns nrco wijn bj bm: wsi vö' A pnso pi A p'co p nns rrzv n irst? .psn ns „Durch die Belhätigung eines jeden Gebotes der Thora erwirkt der Mensch Anspruch ans ein langes, gesegnetes Leben hinieden und auf das ewige Leben im Jenseits, und durch deren Unterlassung verwirkt er den Anspruch sowohl ans ein langes, gesegnetes Leben im Diesseits, wie auch ans die Ewigkeit hu- Jenseits." (Fortsetzung folgt.) Die Luden und der Talmud. Bon Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhelh. III. Beide, die Juden durch den Talmud imb dieser durch die Juden, haben aus die christlichen Völker, ja schon aus die Verfasser des Neuen Testamentes einen mächtigen, unverkennbaren und unverlöschlichen cultnellen und kulturellen Einfluss geübt. Zunächst durch Uebersetzung oder Verfassung biblischer und talmudischer Schriften in lebende Sprachen. So ' wurde die „Septuaginta" (240 v. Ehr.) durch 72 Schristgelehte, wie auch das Buch „Ben-Sira" (150 v.), dessen Verfasser ein Pharisäer war, in die griechische Sprache übenragen und von der Kirche sehr hochgeschätz'. Auch die ans der Tradition basirenden Schriften des Philo und Josephus sind von den Christen fleißig gelesen worden. Nach bekannter Fälschung der Septuaginta wurde die Thora durch den Akylas-Schüler des Rabbi Akiba (140 n. Ehr.) streng nach der Tradition in die griechische und im 4. Jahrh. angeblich von Onkelos in die chaldäische Sprache.übersetzt. Schon früher wurde sie in die syrische Sprache, die „Pschita" genannt, übertragen. (Siehe Grätz, 4. Band, 439.) In diesen Sprachen lehrten in ged. Zeit die Kirchenlehrer. Sadja Gaon übersetzte im 9. Jahrhundert die Thora im Sinne der Tradition gegen die Karäer in arabischer Sprache, in derselben Sprache, in der Juda Halewi (1080) sein religions philosophisches Werk „Cusari" schrieb und Maimonides feinen Commeatar zur Mischnah, wie auch sein umfangreiches Werk „Nors nebochim“ verfasste. Diese Schriften wie auch der Bibel-Commentar des R. Salomo b. Jizchak (gest. 1105) gewöhnlich „Raschi" genannt, welchen, wie bekannt, Luther bei seiner Bibelübersetzung reich benützte, wurden auch in die lateinische Sprache übertragen und von christlichen Theologen, wie aus. ihren Schriften zu ersehen, fleißig gelesen und benützt. Mehrere hervorragende christliche Gelehrte, auch Kirchenväter, lernten bei den Juden Talmud. Unter den Kirchenvätern ist besonders Hieronymus' (331—420) zu nennen, der die hebräische Sprache, die Bibel im Urtexte mit der Tradition bei Bar Chaniua und Anderen in Tiberias lernte. Vermittelst dieser Kenntniße war er im Stande, eine von der entstellten Septuaginta abweichende, dem hebräischen Texte sich mehr nähernde lateinische Uebersetzung der Bibel (Vulgata) zu verfassen, die von der Kirche sehr geachtet wird. Diese von seinem Lehrer erworbenen Kenntniße, letzterer besuchte ihn behufs Unterrichtes sogar in seiner Zelle, lohnte der genannte Kirchenvater, als man ihm seine jüdischen Studien als Ketzerei vorwarf, mit