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Die Wahrheit · 1902-07-11 · Heft 27 (11.7.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 27 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Die Wahrheit. Seite 5. sozialen Pyramide stehend, welche zu ihrer Basis jene arbeitenden Millionen hatte, Priester und Fürst in einem Land, in welchem Priester und Fürst in allen Genüssen schwelgen durften; alles, was das Leben bieteil kann, die Sinne 511 befriedigen, oder den Geist anzuregeu — alles stand ihm offen. Was war ihm das Wehgeschrei jener, die unter sengelrder Sonne arbeiteten, unter der Peitsche erbarmungsloser Vögte. Bis die Klagerufe in die Säulenreihen, oder zu den kühlen Leiner.zelten drangen, hatte bie Entfernung sie zu eintöniger Musik gedämpft. Warum sollte er den Schicksals-Sphinx befragen, oder gegeil die Ordnung streiten, die die hohen Götter bestimmten. So war es immer gewesen seit Jahrhunderten und Jahrhunderten, so mußte es tvohl immer fein. Der Käfer vertilgt das Jllsect und der Falke stellt dem Käser nach: Ordnung folgt aus Ordnung, Leben entsteht aus dem Tode und! dem Gemetzel, rmd die Vergnügungen der Höheren aus der j Todesangst der Niedrigen. Soll der Mensch besser sein als die Natur? Sanft und ruhig fließt der Nil, obgleich unter seiner j friedlichen Oberfläche die Wasserbewohner grausamen Krieg! führen und der Starke den Schwachen verzehrt. Soll der Weise,! der die Geheimniße der Sterne ergründen möchte, zurückweichen,; weil zu seinen Füßen ein Wurm sich windet? Ihr Geschick ist, Backsteine ohne Sroh zu machen, seines i an glänzenden Prozessionen theilznnehmen, welche mit prächtigen i Bannern und glitzernden Sinnbildern, mit Mnsikklängen und! feierlichem Gesang sich ihren strahlenden Weg entlang bewegen,! um den unsterblichen Ball, den jener Arbeit errichtet hat, zu j weihen. Ihnen die Zwiebel und der Knoblauch, ihm das üppige - Festmahl. Warum sollte er bei der Bitternis der Knechtschaft i verweilen, er, für den die prächtigen Wagen bereit standen, der ' die hurtigen Rennpferde des Delta reiten oder den Fluss be-! fahreri konnte, während die Ruder zu den Gesängen den Takt; schlugen? Verlangte er nach thätiger Aufregung? Zu seiner Verfügung war die Wüstenjagd, mit Rossen, die flinker waren als die Gazellen, und Löwen, oie abgerichtet waren wie die j Hunde. Forderte er Ruhe, Behaglichkeit? Für ihn gab es! das weiche Schwellen schmachtender Musik und die Lockungen bekränzter Tänzeriilnen. Fühlte er die Regungen des geistigen; Lebens? In der Arkana der Tempel stand es ihm frei, alter i Zeiten Kunde zu ergründen; ein Eingeweihter in der auserlesenen j Gesellschaft, in der die tiefsten Probleme erörtert wurden; ein | Genosse jenes intellektuellen Stolzes, der Jahrhunderte nachher , die griechische Philosophie mit kindlichem Geplauder verglich. j Es war keine plötzltche Aufwallung der Leidenschaft, die j Moses veranlasste, all diesem den Rücken zu wenden und Kraft j und Wissen, die er in der herrschenden' Kaste erworben hatte, in den lebenslänglichen Dienst der Geknechteten zu stellen. Die! Selbstvelgessenheit, die sich in dem Erschlagen des Egypters; kundgab. gibt sich durch sein ganzes Leben zu erkennen. In! Gesetzen, die bis ans den heutigen Tag das Schicksal arbeitender , Millionen erleichtern, können wir den großen Endzweck erkennen. Durch all das, was uns die Tradition von diesem Leben überliefert hat, zieht sich die eine gleiche große Leidenschaft, das selbstlose Streben, die Menschheit besser, glücklicher, edler zu machen. Und der Tod ist des Lebens würdig. Dem Wohle des Volkes zu Liebe bekärnpfte er die natürliche Neigung, eine Dynastie zu gründen, was in seinem Falle so leicht gewesen wäre, er hört nicht auf die Forderungen des Blutes, beruftauf seinen Führerposten den geeignetsten Mann. Aus einem Lande kommend, wo die feierlichens Todtengebräuche als hochwichtig betrachtet wurden, und wo in der Erhaltung des Körpers nach dem Tode der Zweck des Lebens gesehen wurde, inmitten eines Volkes, das selbst damals die Ueberreste feines großen Vorfahren Josef mit sich führte, damit er bei seinen Vätern ruhen möge, besiegle er dennoch den letzten natürlichen Wunsch und entzog sich dem Anblicke und der Theilnahme der Menschen, um allein und unbewacht zu sterben, damit die abgöttische Empfindung, immer bereit hervorzubrechen, ihm nicht im Tode die abergläubische Verehrung zolle, aus die er im Leben verzichtet hatte. „Kein Mensch kennt seine Grabstätte bis auf den heutigen Tag." Aber während die beraubten Gräber der Pharaonen der Eitelkeit spotten, welche sie errichteten, ist der Name des Hebräers, der sich gegen ihre Tyrannei erhob, um für die Befreiung seiner Mitmenschen zu streiten, der Welt ein Leitstern geblieben. Führer und Diener der Menschen! Gesetzgeber und Wohlthäter, der Du dem verheißenden Lande zustrebtest, welches Dw nur mit dem Auge des Glaubens erschauen solltest! Typus^ der großen Seelen, welche in jedem Zeitalter der Erde ihre Helden und Märtyrer gegeben haben, deren Thaten der kostbarste Besitz, deren Andenken die heilige Erbschaft ihres Volkes bilden! Mit wem unter den Gründern von Reichen können wir dich vergleichen? Es wäre ein Streit um Worte, über die Art der Offen-- barnng eines solchen Mannes disputieren zu wollen. Aus den Tiefen des Ungesehenen müffen solche Charaktere ihre Stärke schöpfen; aus Quellen, welche nur in reinen Herzen entspringen, muss ihre Weisheit fließen. Von etwas, daswirklicher ist als die Materie; von etwas, das höher ist alsdie Sterne; von einem Licht, welches dauern wird, wenn Sonnen erloschen sind; von einem Endzwecke, von dem die un& umgebende Welt nur eine vergängliche Form ist — davon zeugt ein solches Leben. Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Bon Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. IY. In den gegebenen Voraussetzungen besitzen wir nunmehr genügende Anhaltspunkle, um die Veranlassung, welche für die Abfassung der in Rede stehenden Mischnah in Synhedrin den ersten Anstoß gegeben, bestimmen zu können. Auf eine solche weist die Formulirung des Satzes aT>S pS~; anS v" Sx"iir Saunbedingt hin. Bei der stets auf die praktischen Folgen hindrängenden Lehrweise der Mischnah wäre hier eine Aussage wie etwa in der letzten Mischnah des I. Cap. in Kiduschin oder SxitP' SSai U'X zu erwarten. Die Abweichung erklärt sich nur durch die neue Rellgionsbewegung des Christenthums, welche damals gerade in die Welt des Heidenthnms gewaltig hinaus griff, dafür aber in der Mitte des Jndenthnms desto furchtbarere Erschütterungen hervorries. Eine aufmerksame Beobachtung der Stellung, welche das damals noch immer in der Entstehung begriffene Christenthum dem mosaischen Gesetze, der Grundlage des Judenrhums, gegenüber einnahm, lässt mehrere Abstufungen erkennen. In der Bergpredigt Matth. Y, 17 heißt es noch: „Ihr soll: nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen rc." Selbst die Rechtmäßigkeit der Ueberlieferung wurde anerkannt: „Auf Moses Stuhl sitzeil die Schriftgelehrten und Pharisäer, alles was sie euch sageri, dass ihr halten sollet, das haltet und thut." (Matth. XXIII, 2—3.) Erst später stellte sich ein gewisser Gegensatz letzteren gegenüber heraus. Beweis dessen ist die Thatsache, dass in der Bergpredigt des Matthäus es nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten, wie dies später dnrchgehends die Regel, sondern die Heiden es sind, welche als abschreckendes Beispiel hingestellk werden. Matth. Y, 20 betrachte ich daher als ein späteres Einschiebsel. Der Satz fällt aus dem Stil des Ganzen und hat. weder nach vorn noch nach hinten einen Zusammenhang. Das- Auseinanderplatzen der Gegensätze war jedoch für die Dauer unvermeidlich. Bei dessen Eintritt erscheint Hand in Hand damit das. Bestreben, dem mosaischen Gesetze mit einer gewissen nichtachtendew Gleichgiltigkeit zu begegnen. Es wird sich später Gelegenheit bieten,, darauf noch eingehender zurück zu kommen. An eitle förmliche Aufhebung desselben dachte aber auch damals noch kein Mensch.. Es erregte daher selbst später in der apostolischen Zeit großes Befremden, dass überhaupt den Heiden ohne weiteres Aufnahme in den neuen Bund gewährt wurde (Apostelgesch. X, 45). Ermöglicht wurde dies jedoch ausschließlich dadurch, dass Petrus, auf einer Misfionsreise begriffen, ohne Vorwissen

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