Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 27 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 27. öaß kein Beamter oder Richter Unseres Erzbisthums, tver es «uch sei, weder auf gemeldetem Kirchhof, noch au eiuem demselben deuachbarteu Orte ein Todesurtheil weder an dem Leibe eines Christen noch eines Juden darf vollziehen lassen, damit der Würde und Ehre der Juden selbst und ihres Kirchhofes nicht zu nahe getreten werde/' Nachdem noch von verschiedenen-andere» Freiheiten die Rede ist, heißt es zum Schluß: „Und da die Juden sebst bei dergleichen Freiheiten zu schützen sind, so haben Wir befohlen, daß diese Freiheiten in gegenwärtige Steine eingegraben und zum ewigen Gedächtltiß öffentlich und Jedem zur Schau eiugemaüerl werden solleu. Also geschehen im Jahre des Herrn 1266." Solche alte Dokumente sind noch immer nicht die schlechtesten und stellen manches Moderne in den Schatten. Wer weiß, ob dem Drefchgrafen vor 600 Jahren das Handwerk nicht schneller gelegt worden wäre als heute! Äus der Prager Cultusgemeinde. Wie allgemein verlautet, hat die Repräsentanz der hiesigen Cnltusgemeinde in ihrer letzten, geheim abgehaltencn Sitzung einen Beschluss gefasst, der, wenn wahr, eine neue Periode in der tausendjährigen Geschichte unserer altehrwürdigen Gemeinde einleiten und dieser wiederum Farbe, Gepräge und Charakter verleihen wird. Bekanntlich hat die Prager Cultusgemeinde als solche sich bis allher mir dem öffentlichen Gottesdienst nicht befasst. So viele Synagogen und Betstübchen in ihrer Mitte bestanden und noch immer bestehen, so viele Synagogengemeinden wieder gibt es, die autonom sind, ihre Angelegenheiten selbständig verwalten, Rabbiner und Prediger anstelleu und besolden und den Gottesdienst nach eigenem Belieben und Gutdünken einrichten. Nur. die ehrwürdige Altneusynagoge, die blos 100—130 Personen fassen kann, gilt als Gemeindesynagoge und ist unbestrittenes Eigenthnm der Prager Cultusgemeinde. Wenn letztere in die Lage kam, einen offiziellen Gottesdienst zu veranstalten, so fand derselbe in der Klaus synagoge statt, welche, was den Ritus betrifft, so ziemlich die Mitte zwischen alt und neu hält. Die anderen großen Synagogen, wie der Tempel in der Geistgasfe, die Meiselsynagoge und die der Assanirung zum Opfer gefallene Neusyuagoge, waren und sind ausgesprochen fortschrittlich: mit Orgel, gemischleul Chor und ohne Piutim. Wenn bei diesen letzteren in den verschiedenen Machsorim angemerkt ist: „in Prag wird das oder jenes gesagt oder nicht gesagt", so könnte man öer Wahrheit gemäß jetzt zu allen Piutim die Bemerkung hinzustellen : „In Präg wird das nicht gesagt"; denn die paarkleinen Synagogen, wo noch der alte Ritus unverändert und unverkürzt besteht, werden wohl selbst nicht den Anspruch ergeben, die Prager Cultusgemeinde zu repräsentireu. Nun wird das anders werde«, falls der wichtige und mit Freuden zu begrüßende Beschluss, die Meiselsynagoge, die seit Zähren wie eine Ruine innerhalb des Assanirungsrayons dasteht, sammt fundus instructus in die Verwaltung der Gemeinde zu übernehmen, dieselbe gänzlich zu demoliren und an derselben Stelle einen großen 2000 Personen fassenden Tempel zu erbauen, zur Ausführung kommt. Es wird das wahrscheinlich tunein Anfang fein, denn es steht zu erwarten, dass nach und «ach alle von der Assanirung nicht betroffenen größeren Synagogen werden „vergemeindlicht" werden. Die Repräsentanz wird sich r jetzt auch nicht mehr der Pflicht entziehen können, gleichzeitig r»it -dem Bau des neuen großen Meiseltempels einen gleich Lgrvßell Tempel in der unteren Neustadt, wo die meistert Juden wohnen, zu erbauen und zu dem Zwecke :nit dem Vorstände der rnedergerifsenen Neusynagoge, der bereits einen Ballgrund erworben, i»l Verhandlung zu treten. Die Centralisation der ^Gottesverehrung wird voraussichtlich auch die Centralisation der Wohlthätigkeit zur Folge Haber», und beides kanil der altehrwürdigeu Gemeinde, in welcher bislang auf allen den Wirkungskreis einer jüdischen Cultusgemeinde umfassenden Gebieten die größte Zerfahrenheit und Zersplitterung geherrscht hat. nur zum Heile uud zum Segen gereichen. Moses und die jüdische Gesetzgebung, v. (Schluß.) Und wer, der die Vergeudung productiver Kraft in Betracht zieht, kann zweifeln, dass die moderne Gesellschaft nicht nur glücklicher, sondern auch reicher wäre, hätten wir ebenso wie den I Sabbathtag die große Idee des Sabbathjahres erhalte», oder j in seinem Geiste, unseren veränderten Bedingungen anpassend,' in j anderer Art eine entsprechende Verringerung der Arbeitsstunden! erlangt. Irr diesen Grundzügeu der mosaischen Gesetzgebung köunen wir, wie in den Ueberresten eines Kolosses, die Größe des Geistes erkennen, dessen Stempel sie tragen; eines seiner Umgebung und seinem Zeitalter voransgeeilten Zeitalter .voraus« geeilten Geistes; eines Sternes, dessen Licht nicht durch die Entfernung geschwächt wird, sondern im Glanze tiefer Wahrheit glühend, sein Licht behält, während Gesetze und Sprachen und Religionen sich verändern und wechseln. Wer kann daran zweifeln, dass der Gedanke größer war als der bleibende Ausdruck, den er gefunden hat? Trotzdem ist dieser Ausdruck bis znm heutigen Tage eine lebende Macht "in der Welt geblieben. Aus dem freien Geiste des mosaischen Gesetzes entsprang die Innigkeit des Familienlebens, das durch alle Zerstreuungen und Verfolgungen die Individualität der hebräischen Rasse bewahrte, jene Liebe zur Unabhängigkeit, welche in den verzweifeltsten Uinständeli den Juden gekennzeichnet hat. Ans ihm entsprang der glühende Patriotismus, welcher in den Makkabäern aufflammte, und welcher die Brust der jüdischen Bauern den geschlossenen Lanzen der griechischen Phalanx und dem unwiderstehlichen Angriff der römischen Legionen gegenüber entblößte; jener hartnäckige Muth, welcher in der Verbannung' und auf der Folter den Juden an seinem Glauben sesthalten ließ. Dieser Geist entzündete das Feuer, welches in den Gesängen der hehräischen Seher und Poeten den höchsten Schwung des Gedankens für uns znm Ausdruck .brachte; entzündete die Kraft, welche immer und immer wieder den dürren Stab knospen und blühen ließ. Von einem kleinen Stamme ausgehend, hat dieser Geist der heiligen Schrift seine Macht entfaltet, wo immer sein Einfluss gefühlt worden ist. Er hat Throne gestürzt und Hierarchien umgestoßen. Er stärkte den schottischen Coveiianter* *) in der Stunde der Noth und ben Puritaner in den Wintern. eines fremden Landes^). Er stand im Feuer mit den Jronsides^) bei Naseby*), stand hinter den niedrigen Schanzen von Bunker Hill^). Aber nicht nur durch seine Lehren, auch durch seine Thaten wird ein solches Leben zu einem Segen. Es verleiht der menschlichen Natur Würde, cs verherrlicht menschliches Streben und bringt denen, die sich abmühen, Vertrauen und Kraft. Das Leben Moses' ist, wie feine Gesetzgebung, ein Protest gegen jene gotteslästerliche Lehre, welche heute „och im Umlauf ist, wie sie es vor dreitausend Jahren war; jene oft auch von christlichen Kanzeln gepredigte Lehre, dass die Noth und die Leiden der Mehrzahl der großen Massen voll einer geheimnisvollen Fügung der Vorsehung ausgehen, toelche wir beklagen mögen, gegen die wir aber weder ankämpfen, noch die lvir ändern können. Wer sich bei dieser Lehre wohlfühlt, wer glaubt, dass der Schmutz und die Verworfenheit, welche wir in den Mittelpunkten unserer Civilisation aufgehäuft finden, ihn nichts angehen, der schaue auf das Vorbild dieses Lebens. Denn, für den, der sehen will, brennt der Dornbusch heute noch und für den, der hören will, ertönt noch heute die Stimmk: „Das Volk leidet, wer will es erlösen?" In die nächste Familie des höchsten Monarchen uud irdischen Gottes ausgenommen, beinahe auf dem Gipfel der Anhänger des Bundes zum Schutze der schottischen Kirchenfreiheit. 2) Amerikas. 3) Cromwells „Eisenseiten": schwere Reiter. *) Schlacht 1645. 5) Schlacht im amerik. Unabhängigkeitskriege am 16. Juni 1775.