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Die Wahrheit · 1902-07-11 · Heft 27 (11.7.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 27 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrhsit Redaction und Adrilinistratio'r: j Wien, II/,. Novaragafse 27.!! K. k. österr. Po^Lsvarcassa!! Check-Conto Nr. 846.251! Inserate j 20 Heller per Nonpareille-Zelle. i Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar j und klagbar. 1 ^abhängige Heiifchrift für jüöifche Hntere^en. Erscheint jeden Freitag. Hotto: „Das ZisASl llottss ist Wahrheit!" Seprgspreis: Ganzjährig. Halbjährig . . . ft 12.- . . N. 6.- Für Euttusbeamte: Ganzjährig. ... St 10.— Für Ausland : Ganzjävrig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS «r. 27. Wien. 11. Juli IM. Anhalt r Ein harter Schlag für den 'Antisemitismus. — Aus der Prager Cultusgemeinde. — Moses und die jüdische Gesetzgebung. — Wissen schast oder — Gelehrsamkeit. — Die Juden und der Talmud. — Das Kaddischgebet. — Die Entwicklung der shnagogalen Liturgie^ bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen höflichst um Einsendung der Aöonnements-ALickstände und des Aränumerationsbetrages für das tausende Huartat. Kie Administration. Ein harter Schlag für den Antisemitismus. Einer der tapfersten deutschen Heerführer, der das größte Vertrauen seines Kaisers genießt und als streuggläubkger Katholik sich auch besonderer Sympathien seitens des Papstes erfreut, hat den Antisemiten aller Couleurs einen harken Schlag versetzt. In einer vielbemerkten und Aufsehen erregenden Rede hat der Generaloberst von Los gelegentlich der Feier des fünfundzwanzigjährigen Regieiungsjubiläums des Papstes „die elenden confessionellen Zänkereien der Deutschen" scharf vernrtheilt und den Antisemitismus als „schmachvolle Entartung" gebrandmarkt. Die Bedeutung dieser Rede wird noch dadurch gehoben, dass kein Zweifel darüber besteht, dass der tapfere General, der erst vor kurzem als Vertrauensmann des Kaiser Wilhelm II. bei Papst Leo XIII. erschien, bei seinen Bonner Kundgebungen mit der höchsten staatlicken und kirchlichen Autorisation ansgestattet war und gewissermaßen den Gesinnungen des Papstes und des Kaisers offiziösen Ausdruck lieh. Die gesammte Presse beschäftigt sich mit diesem Ereignis und je nach ihrer Stellung zeigt sie tiefe Niedergeschlagenheit oder lebhafte Befriedigung. Ueber die Wirkung, welche diese Rede in den deutschen Armeekreisen Hervorrufen dürfte, wird dem „Bert. Tagbl." Folgendes mitgetheilt: Die scharfe Verurtheilung, welche die confessionellen Zänkereien und insbesondere der Antisemitismus in der bedeutungvollen Rede des Generalobersten von Loe gelegentlich der Bonner Jubelfeier des fünfundzwauzigjährigen päpstlichen Regiernngsjubiläums erfahren haben, wird sicherlich in allen freisinnigen Kreisen umso wohlthuender berühren, als man schon längst nicht mehr gewohnt ist, von einer amtlich hochstehenden Person solche Worte zu hören. Dass aber die treffliche Rede irgend welche erfreuliche Wirkung auf die Waffengefährten des verdienstvollen Kriegsmannes ausüben wird, ist kaum anzunehmen, denn dazu sitzt das konsequent gezüchtete Vorurtheil unter diesen Herren zu fest. Gerade unter Offizieren und unter Beamten ist es mit der confessionellen Duldsamkeit, insofern das Judenthum in Betracht kommt, trotz aller humanistischen und sonstigen Bildung noch! imnter nicht weit her. Wir haben ja jüngst aus Posen gehört, wie von Offizieren und Beamten deutsche Gastwirthe gegenüber polnischen zurückgesetzt wurden, weil jene jüdischen Glaubens i waren. Und das in einer Zeit, da die Staatsregierung die! krampfhaftesten Anstrengungen macht, den Osten z 1 germanisiren t j Auch die Disqualifikation jüdischer Eiujährig'Frenvilliger mit! Bezug auf den Reserveoffizier und die Art, wie jüdischen Juristen die Richtercarriere als „noli me tangere" hingestellt wird, lassen zur Genüge erkennen, dass in gewifien Regionen die Höhe der Gesinnung, wie sie der Generaloberst v. Loe bekilndet hat, noch lange nicht erreicht ist. Solchen Kreisen kann daher das Studium der Rede des Generalobersterl nicht genug empfohlen werden. Auch empfehlen wir als beherzigenswerthes Seitenstück eine amtliche Urkunde, in der ermahnt wird, der Ehre und der Würde der Juden nicht zu nahe zu treten. Freilich, diese amtliche Urkunde datirt nicht von heute, sondern aus einer sehr unmodernen Zeit, nämlich vom Jahre — 1266! Sie liefert den Beweis, dass auch damals Männer von wahrer Herzensbildung existirten, die zwischen Juden und Chrrsten keinen Unterschied machten und in puncto Humanität vielen modernen Rathen und Kriegs lemen über waren. Die Urkunde ist in Stein gehauen und in die südliche Mauer der Schatzkammer des Kölner Domes eingemanert. Ausgestellt hat sie Erzbischof Engelbert II. von Falken bürg (1261—1275), der den Juden die von Erzbischof Konrad verliehenen ^Privilegien bestätigte und erweiterte. Die in lateinischer Sprache verfasste Urkunde beginnt mit den Worten: »Wir, Engelbert, von Gottes-Gnaden Erzbischof der heiligen Kölnischen Kirche, thun Allen zu ewigen Tagen kund: Da Wir vernommen haben, daß die Juden, welche in Unserer Diözese wohnen, auf eine ungerechte Weise behandelt werden und viele Unbilden zu erdulden haben, so wollen Wir und befehlen, daß denselben ihre vorherigen Freiheiten, die unten näher bezeichnet sind, und welche denselben mit Gutheißung und Genehmigung des Domkapitels und unserer Vorfahren sowie durch Beirath Unserer Getreuen verliehen waren, wieder zuerkannt werden sollen." Unter den Freiheiten befindet sich auch die des ungehinderten Beftattens der Leichen der Juden auf dem jüdischen Kirchhofe. „Für die Zulassung der Leichen", so heißt es wörtlich, »darf nicht die mindeste Zollabgabe verlangt oder erpreßt werden, und sollten auch die Todten in ihrem Leben ein Verbrechen, welches es auch sein mag, begangen haben. Auch wollen Wir

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