Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 26 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kesterr-ungar. Canlureu-Zeitung. Nr. 26. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Orgamsatio« der Cautoren in Deutschland- Der Vorstand der Berliner Hilfskasse versendet nachfolgenden Aufruf: Sehr geehrter Herr College! Die letzte Generalversammlung der seit circa 20 Jahren bestehenden „Hilfskasse für israelitische Cultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland" hat sich mit Stimmeneinheit dahui erklärt, auf dem Boden der bestehenden Organisation die Förderung der gesammten Interessen des Cantorenstaudes in Deutschland zu ihrer Aufgabe zu machen. Wir wollen nicht länger mit verschränkten Häliden zusehen, wie viele, ja die meisten unserer Standesgeuossen der Willkür der jeweiligen Machthaber überliefert sind, wie sie alt oder dienstunfähig geworden, Noth leiden, die Witwen und Waisen, ihres Ernähres beraubt, einem traurigen Schicksal anheimfallen. Wir wollen diesem'unhaltbaren, unseres Standes durchaus unwürdigen Zustande abhelsen. Wir wollen aber auch das geistige Niveau unseres Standes zu heben suchen, — kurz: Wir wollen alle Interessen des Cantorenstaudes in Deutschland fördern helfen. Darum rufen wir allen unseren Collegen zu: Schließt Euch uns an! Ihr habt gesehen, wie wenig wir auf die Hilfe Anderer zu rechnen haben. Helfen wir uns selbst! Legen wir selbst Hand ans Werk! Im Vertrauen auf Gott und auf unser gutes Recht werden wir hoffentlich das erreichen, was uns von anderer Seite bisher versagt worden ist. Unseren vereinten Kräften wird der Sieg stin! Mit vereinten Kräften werden wir viel, einzeln nichts vermögen! Eine stattliche Anzahl unserer Collegen hat sich bereits mit der Erweiterung der „Hilfskasse* zu einem Cullusbeamten-Verbairde in Deutschland einverstanden erklärt; aber Alle, Alle sollen sich au dem hoffentlich segensreichen Werk bctheiligen. Auch eine große Anzahl außerordentlicher Mitglieder, insbesondere in Berlin und Umgegend, unterstützen die Kasse mit uamhafteir Beiträgen. Können Sie, werther Herr College ans Grund unserer Statuts (i. Auszug!), nicht ordentliches Mitglied unserer „Hilfskassc" werden, so werden Sie uns doch als außerordentliches Mitglied herzlich willkommen, und Ihre Mithilfe wird uns in hohem Maße erwünscht sein. Mit collegialem Gruß. Der Vorstand : Dr. Fedor Stern, Justizrath, Ehrenvorsitzender. A. Friedmann, I. Vorsitzender. A. Nosenlhal, Beisitzer. I. Epstein, Beisitzer. Hauptcantoren der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Z. Schönberger, Obercantor in Potsdam. II. Vorsitzender. Emil Flanter, Lehrer und Redacteur, I. Schriftführer. S. Dubowsky, Obercantor der Syu.-Gem. Ad.-Zsr. in Berlin. H. Schriftführer. I. Sarahsohn, Obercantor in Stettin. H. Lewit, Cantor in Berlin. Emil Benjamin, Rendant. Berlin W., Nettelbeckstraße 24. Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Bon P. Minkowsky, Obercantor der Brodher Gemeinde zu Odessa VIII. Diele zweite Ordnung hatte jedoch bei weitem nicht den gleichen günstigen Erfolg wie die erste Ordnung; denn es ist viel leichter, die Zufriedenheit eines einzelnen Menschen oder eines ganzen Volkes, das gar nichts hat, für etwas Geschenktes zu erlangen, als die Production eines im Ueberfluss schwelgenden Menschen oder Volkes zu beschränken oder gar zu vernichten. Zur Verminderung des Erfolges der zweiten Ordnung haben auch noch andere Momente beigetragen. Zunächst ging diese- Ordnung nicht voil einer synodalen, allgemein anerkannten Versammlung aus, sondern von einzelnen Individualitäten, die noch dazu sehr oft unter einander uneinig waren. Ihre Sidurim konnten vielleicht eine vorübergehende Verminderung der Production bringen/ stabile Einigung aber niemals. Weiters waren die Männer jener Epoche von flammender Leidenschaft erfasst, alle Missethaten des Mittelalters, denen das Indenthum preisgegeben war, durch Wort und Ton in ihrer Liturgie zu verewigen. Die Verfolgungen und rohen Willküracte der mittelalterlichen Völker gegenüber den Juden verursachten eine fieberhafte Aufregung der begabten Geister, für die das Gesäß des geordneten Textes nicht hinreichen konnte. Jede Gemeinde, die den bitteren Kelch eines unverdienten Unglücks geleert hatte, oder von einem Verdacht, Ueberfall rc. zur äußersten Verzweiflung getrieben wurde, suchte unbedingt durch eine Elegie (na'p) oder Beichte (Tn), und ebenso die Rettung durch ein Tedeum (nblitt) oder Gloria (püta) rc. die Situation des Tages zu verewigen. Diese Producte der Leiden und Freuden einer Gemeinde wauderten von Gemeinde zu Gemeinde und dienten bald hier bald dort für ähnliche Gelegenheiten,. bis' sie zum Eigenthum mehrerer jüdischen Synagogen oder eines ganzen Landes wurden. Diesen innerlichen, religiösen und nationalen Drang konnte eine Ordnung unmöglich zurückhalten. In Folge der peitanischen Fruchtbarkeit entwickelte sich in der jüdischen Liturgie ein vierfacher Antagonismus zwischen den Rabbinen, Etymologen, Vorstehern und der Plebs. Jede Partei hatte für ihre Richtung einen ganz ve.schiedenes Leitinoliv. Religiöse, nationale, grammatikalische, patriotische und mnfikalifche Gründe wirbelten sehr viel Staub lluter den Gemeinden der peitanischen Periode ans. Die Peitanim waren vor Allem Nationalisten; sie beweinten die Leiden und besangen die Freuden ihres Volkes, wie echte synagogale Troubadours. Sie rivalisirten untereinander über die äußere Form und den inneren nationalen Werth ihrer Schöpfungen. Die Rabbinen polemist'ten miteinander blos über den religiösen Werth dieser Pintim und ihrer Melodien; einige fanden sie religiös anstößig und andere religiös zulässig. Die Etymologen protestirteu aus grammatikalischen Gründen gegen die Uncorrectheit der Piutim, hatten jedoch an gut stilisirten Schriften nichts anszusetzen. Und die Vorsteher der Gemeinden ließen sich mehr vviu Pseudopatriotismns als von religiösen, nationalen und clyinologischen Gründen bestimmen. Sie wollten immer die Unübertroffenheil der von ihnen adoptirten Landesproduction anderen Länder gegenüber beweisen, und darum spielte bei ihrer Wahl der Gebnrlschein des Peitan eine größere Rolle als die Qualität der Piutim. Wie sollte z. B. eine sephardische Gemeinde ihre Hidalgo'sche Grandezza so tief herabsetzen und ihren Gott mit Liedern aschkenasischer Herkunft loben? Sie vergaßen, dass lötpö pm mSy Stt> taipö rm Ihrer Eitelkeit ist es zu verdanken, dass ein großer Theil der jüdischen Liturgie nach Ländern nominirt wurde. Die herumreisenden Chasouim waren dadurch sehr oft gezwungen, die Herkunft ihrer Schriften, oder vielmehr der Verfasser der Piutim, zu verleugnen, damit sie die Erlaubnis zum Vortrage erhalten. Selbstverstänvlich hat dieser gekünstelte Pseudopatriotismus der echten Dichtkunst viel Schaden j zugefügt. Die Plebs aber wurde immer — und sehr oft auch gegen alle Proteste der genannten Parteien — durch ein musikalisches