Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-07-04 · Heft 26 (4.7.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 26 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063139--01992-3068630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 JJie Wahrheit. Seite 7. Noch mehr zu bewundern ist der Optimismus der Juden. Denn die Talmudlehrer haben nur ein 700jähriges Martyrium, aber die Juden hingegen ein 1500jähriges durchgemacht, and was noch schmerzlicher berührt — von Religionsangehörigen, der jüdischen Tochterreligion. Die Lösung dieser räthselhaiten Erscheinung ist in mannigfachen Umstanden zu finden. Zunächst die frühzeitig uns eingeflößte Lehre von Gottes „Allgüte", der daher nichts absolut Schlechtes schaffe» konnte. Daun die Lehre von unserer „Kindschaftzu Gott, der uns, wie ein Vater seine Kinder, langsam straft, um uns zu bessern, aber uns nicht, wie andere Völker, ganz vernichtet. (Proph. Jerem. 46. 23.) Die Lehre, dass wir durch unsere religiöse Standhaftigkeit in den Leiden für die Religion den Namen Gottes heiligen. „Kidusch- Haschem". Die von der Religion oft befohlene religiöse Freude, besonders an Sabbat und Festtagen, lassen auch in uns eine freudige Stimmung zurück, was man besonders bei den armen Juden wahrnimmt. - „Dienet dem Ewigen mit Freuden, kommet vor ihn mit Jubel". (Ps. 100. 1.) Daher rührt auch die freudige Stimmung der Juden beim Gottesdienste. „Der Geist Gottes ruhet nicht aus dem Menschen, nur in seiner Freude." -(Broch. 30.) Auch das Talmudstudinm versetzt den Lernenden in freudige Stimmung. Der allgemein bekannte jüdische Familiensinn, die große Freude der Eltern beim Anblick ihrer Kinder und die Hoffnung, sie zu beglücken, entschädigte sie für die vielen Leiden von Außen und bewahrte sie vor pessimistischer Melancholie. Ebenso die stete Hoffnung auf Erfüllung der meffianischen Prophezeihungen, nach welchen ihre Leiden in Freuden werden verwandelt werden. Endlich der frühzeitig eingeflößte Glaube an die Unsterblichkeit der S»ele und an Lohn und Strafe im Jenseits, wo wir sür unsere irdischen Leiden im Jenseits reichlich belohnt werden. Dieser Glaube an' die Unsterblichkeit der Seele und an Belohnung im Jenseits wird zwar im Pentateuch blos mehrmals angedeutet, aber nicht ausdrücklich gelehrt, weil Moses dies nicht für uöthig erachtete. Aber in den anderen biblischen Schriften, besonders in den- Psalmen, wird er vielmals gelehrt. Er war schon im alten Israel so sehr heimisch, dass Juda Makkabi dem Volke befahl, sür das Seelenheil der im Kriege gegen die Syrer als Märtyrer für die Religion Gefallenen zu beten. Auch wir beten an Sabbaten und Festtagen für das Seelenheil der als Märtyrer für die Religion Gestorbenen. Die meisten jüd. Religionsmärtyrer waren in den Kreuzzügen 1096—1296. Während dieser 200 Jahre sind in den sieben Kreuzzügen über 50 jüdische Gemeinden am Rhein „zur Ehre Gottes" vernichtet worden, und ähnliche Massacres haben die Kreuzzügter in anderen Ländern angerichtel. Um diese Zeit lebte der als Talmudist und Kabbalist berühmte Rabbi Jehudah Ha Chassid im Regensburg, Verfasser des inhalts- und umfangreichen ethischen Werkes: „Buch der Frommen", „Sefer-Chassi'oim". In demselben befinden sich über das Verhalten der Jttden gegen Christen folgende Paragraphe: 1. Wenn man sieht, dass ein Christ im Begriffe ist, Unrecht zu thun, so soll man ihn, wenn mau kann, davon abhalten. Nr. 1085. 2. Man belüge keinen, auch einen Christen nicht. Nr. 1085. 3. Wie man ehrlich gegen Juden verfahren soll, so soll es auch gegen Christen geschehen. Ibiä. 4. Ist ein Jude noch so arm, so soll er lieber betteln, als christliches Geld sich aneignen und entfliehen; denn dadurch würde der Name Gottes entweiht, weil die Christen sagen würden, die Juden seien Diebe und Betrüger. Nr. 661. 5. Gott verschafft dem Beleidigten Recht, er mag Jude vder Christ sein; deshalb bestehle mau weder Juden noch Christen. Nr. 1091. 6. Fragt ein Christ einen Juden, welcher Jude an einem Orte, an den er sich begeben will, verlässlich in Geschäften sei, und welcher nicht, so soll der Jude ihm gewissenhaft sagen, vor Mein er sich in Acht zu nehmen habe. 1022. 7. Haben Juden und Christen ein Schutz- und Trutz- Lündnis geschloffen, und die letzteren es treulich beobachten, so «üssen es auch jene gewissenhaft halten. 832, 8. Hat ein Jude eine» Christen über Feld geschickt, so soll er für seine gesunde Wiederkehr beten, denn wenn er nicht lebendig zurückkommt, so ist Gefahr für alle Jude» zu befürchten. 793. 9. Bon Frommen, die Gutes gethan, seien es Juden oder Christen, darf man sagen: sie seien zum Guten gedacht. 377. 10. Hat ein Christ Juden Wohlthateu erwiesen, so darf man beten, dass Gott mit ihm milde im Gerichte verfahre. 987. Es ist gewiss, dass der fromme Rabbi diese seine ethischen Lehren nur dem Geiste des Talmud entsprechend ertheilt hat. (Fortsetzung folgt.) Var Ka-dischgedel. Bon Bernhard Loewenthal. (27. Fortsetzung.) „Er hat sie ja für mich geschrieben!" lag es Else auf den Lippen und ihr Herz krampfte sich zusammen, fast tonlos aber gab sie zur Antwort: „Es ist eine herrliche Musik, und ich werde mit Freuden die Partie studieren." „Hoffen Sie auf einen Erfolg für meinen Freund?^ „Die Oper wird seinen Ruhm begründen, erwiderte Else, „er wird groß werden durch das Werk. Es liegt in der Musik eine tiesinnerliche Glut, eine ganze Seele, ebenso wie in dem Liede vom gebrochenen Herzen!- Sie lächelte bitter — David drückte ihr verständnisinnig die Hand, daun sagte er, wie begütigend — „Nicht wahr — Sie geben ihn frei, es würde doch nicht gut werden — sein Vater ist daran zu Grunde gegangen — und er — er ist so jung." Die Sängerin lachte hell auf. — Es klang, als wenn die Taite eines Instrumentes gesprungen wäre. „<^ie haben recht Doktor — es darf nicht fein — aber — denken Sie mein Theurer", sie presste die Hand auf das das Herz, „es ist schwer, sehr schwer, denn Sie sollen es wissen, Sie werden mich ja nicht aus lachen, ich liebe ihn, — ich liebe ihn mehr wie mein Leben — aber ich weiß es — er würde unglücklich werden, und darum ist es besser so. — Ich will entsagen." Als der Docror sie durch den Saal führte, musste er sie stützen — Leon sah mit nassen Blicken zu ihr herüber. — Als sie verschwunden war, murmelte er unter Thränen lächelnd — „Wie sagt doch Doctor Reguu — ach so — ja „gam su letauwo“ — auch das ist zum Guten." — Er biss sich die Lippen wund — daun als die letzten Gäste das Haus verlassen hatten, ging er langsam hinüber in das Zimmer, wo das Bildnis seiner Mutter hing. „Verzeih' mir", bat er emporblickend, „ich halte dich vergessen — ich habe so lauge nicht „Kaddisch" gesagt. — Ein leises Schluchzen durchzitterte das Gemach — dann wurde es still. Else Munk-sollte Recht behalten. Mit der Oper „Vera" hatte sich Leon Wild den Meisterschaslslorbeer geholt. Stürme des Beifalls rauschten allabendlich durch das Theater, und die Zeitungen brachten spaltenlange Artikel über ben Künstler und seine Musik. Else, die in der Hauptfigur nur sich selbst zn spielen brauchte, nahm die Huldigung des Publikums wie etwas Selbstverständliches, etwas ihr Gebührendes entgegen. Der Intendant wollte ihren Coutrakt ans Lebenszeit verlängeren, da überraschte sie den alten Herrn mit einer kleinen Mittheilung, welche dem guten Mann bald einen Schlagstuss zugezogen hätte. „Ich verheirate mich demnächst", sagte sie, „und mein zukünftiger Gatte, Baron v. Qloen hat, die Absicht, mich aus seine Güter zu entführen lieber Direktor, — Sie müssen also verzeihen!- „Sie — Sie wollen der Bühne Balet sagen — i Kindchen — na, das ist doch stark — und de» alten Baron heirate» — mit der Gicht und dem Rheumatismus — i nu — ach, ich nehme so was nicht an — liebes — liebes —" Forts, f.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.