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Die Wahrheit · 1902-07-04 · Heft 26 (4.7.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 26 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite H Me Wshrtzeü. m 26: schiefe und ungleiche Entwicklung gibt, so finden wir etwas, waH dieser jüdische Staatsmann schon vor 3000 Jahren erkannte und zu verhindern suchte. Moses sah, dass die wahre Ursache der Versklavung der Massen in Egypten dieselbe war wie die, welche überall de« gleichen Zustand zur Folge hatte: das Eigenthumsrecht einiger Weniger auf das Land, auf dem und von dem das ganze Volk leben wusste. Wo immer das unbedingte Besitzrecht, das nach natürlichem Recht sich bei Arbeiisproducteu von selbst versteht, auch auf das Land ausgedehnt wird, da theilt sich unbedingt das Volk in die zwei Classen der sehr Reichen und der sehr Armen, — da wird die' Arbeit versclavt, — da werden die Wenigen die Herren der Vielen, gleichgiltig unter welcher politischer Form — da entsteht Laster und Niedrigkeit, gleichgiltig unter welcher Religion. Und mit der Umsicht des philosophischen Staatsmannes, welcher Gesetze nicht für das Bedürfnis eines Tages, sondern für die Zukunft gibt, suchte er auf eine seiner Zeit und ihren Bedingungen angemessene Art gegen diesen Jrrthum Vorsorge zu treffen. Ueberall in den mosaischen Institutionen ist das Land als die Gabe des Schöpfers für alle feine Geschöpfe angesehen. Niemand hat das Recht es zu monopolisiren. Ueberall heißt nicht: „Dein Grundstück", oder .Dein Besitz", nicht „das Land, welches Du kauftest", oder „das Land, welches Du erobertest?-, sondern: „das Land, welches der Herr, Dein Gott, Dir gibt", .das Land, welches der Herr Dir leiht." Und durch praktische Gesetzgebungen durch Verordnungen, welchen er die höchste Weihe gab, suchte er gegen das Unrecht Vorsorge zu treffen, welche alte Despotismeit umformte — das Unrecht, welches in späteren Jahrhunderten am Herzen Roms nagte, welches die vertierende Leibeigenschaft Pölerts und das dürre Elend Irlands hervorbrachte, das Unrecht, ivelches heutzutage in dieser Stadt ganze Familien in einem Zimmer zusammendrängt und welches unsere Landstraße mit Vagabunden bevölkert. Er sorgte nicht nur für die gerechte Vertheilung des Landes unter das Volk und die Einhüllung der Brache in jedem siebenten Jahre, sondern er sorgte auch durch die Einrichtung des Jubelfestes für eine Neuvertheiluug des Landes alle fünfzig Jahre, und machte so das Monopol unmöglich. Ich sage nicht, dass diese Einrichtungen, was ihren endgilligeu Zweck anbelangt, die besten gewesen seien, welche selbst damals hätten ersonnen werden können; denn Mojes hatte wie alle großen Staatsmänner, mit den Werkzeugen zu arbeiten, die ihm zur Hand waren, und um dem Material, das er vorfand. Noch weniger will ich damit sagen, dass die Formen, wie sie für jene Zeit und für jenes Volk passend waren, für jede Zeit und für jedes Volk passend wären. Ich verlange nicht Verehrung der Form sondern Anerkennung des Geistes. Und doch, wie allgemein ist es, die Form zu verehren und den Geist zu verleugnen. Es gibt Viele in der sicheren Ueberzengung, dass die mosaische Gesetzgebung buchstäblich vom Höchsten diktirt worden sei, die aber irgend welche Anwendung ihres Geistes auf den heutigen Tag als irreligiös und kommunistisch rügen würden. And dennoch, wie viel danken wir diesen Einrichtungen selbst heute noch! Heute noch ist das Einzige, das zwischen unserer arbeitenden Classe und unaufhörlicher, schwerer Arbeit steht, eben eine dieser mosaischen Institutionen. Keine Lehre der Bolkswirthschaft steht fester, als die, dass unter den jetzt herrschenden Umständen die arbeitenden Klassen nicht mehr für sieben Tage Arbeit erhallen würden, als sie jetzt für sechs bekommen, «nd dass es ihnen bei den sieben ebenso schwer fallen würde, ihre Arbeitsstunden zn verringern, wie bei unfern sechs. Wie groß auch der Jrrthum derjenigen sein mag, welche senken, dass der Mensch für deu Sabbath gemacht fei und nicht htc Sabbath für den Menschen — dass es einen Tag in der Woche gibt, welchen der Arbeiter sein eigen nennen darf, einen Tag, <ui welchem der Hammer ruht und der Webstuhl stille Oeht, das danken wir dem Judenthum, dem Gesetz, welches in der sinaitifchen Wildnis verkündet worden ist. (Schluß folgt.) Die Juden mid der Talmud. Von Israel Singer, emerit. Lehrer in S. A. Ujhelh..: II. Beide, die Juden und den Talmud, versuchte mau oft mit Scheiterhaufen ganz zu vernichten, was sich aber sttets als fruchtlos erwies. Im Jabre 1242 wurden in Paris allein 24 Wagen Talmudfolianten öffentlich verbrannt. Dennoch blühte in Frankreich viele Jahrhunderte das Tatmudstudium weiter fort, und die großen Talmudisten Frankreichs, die Tossafisten, glänzen noch heute als Sterne erster Größen am Talmudbimmel. Geradezu bewundernswerth ist der fromme Eifer der damaligen Juden, die mit Lebensgefahr Talmud-Exemplare abschrieben und weiter lehrten. Alljährlich am 9. Ab wird unter den Klageliedern über die Zerstörung Jerusalems und des heil. Temvels auch eine Elegie nöntP über die Verbrennung der Thora unter Weinen und Schluchzen angestimmt. So tief fühlen wir noch heute diese Wunde. Unzählig sind die Namen jener unglücklichen' Glaubeusgenosfen, die wegen angeblichen Ritualmordes oder wegen Hostienschänduug beschuldigt und ans dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Ihr Andenken ist in den Gememdebüchern mit Elegien verewigt, und in vielen Gemeinden wird alljährlich an den Tagen an denen sie den Märtyrertod starben, ein Trauer-Gottesdienst abgehalten. .Wenn Du auch ins Feuer gehst, wirst Du doch nicht verbrannt, und die Flamme wird Dich nicht vernichten". (Jes. 43. 4.) .Alle diese Leiden haben uns Juden — betroffen, und dennoch haben wir Dein — Gott! nicht vergessen, und haben Deinen Bund nicht verleugnet". (Pf. 44. 18.) „Die Thora wurde deshalb Israel gegeben, tveil sie D'?y asiin-muthig, standhaft und ausdauernd in ihrer Religionstreue sind". (Talm. Bezah. 25.) Von Beiden glaubte und glaubt man, dass sie auf dem Aussterbe-Etat liegen, dies war und ist immer ein Jrrthum, und beide bekunde»!,. wie der Phönix, (Jjob. 29. 18. Tr. Sanhedrin 109.) stets neue und verjüntge Lebenskraft. 'Bei den Juden der Gegenwart zeigte sich wohl mehr als ehedem ein gewisses Assimilationsstreben durch Aneignung der Landessprachen und Landessitten, durch Pflege und Verbreitung gemeinnütziger Kenntniße. Künste und Wissenschaften, durch Unterstützung allgemeiner humanitärer Vereine und Lehranstalten zu Nutz und Frommen des Vaterlandes und der menschlichen Gesellschaft, aber all dies ist ja dem jüdischen Religionsgesetz entsprechend, und so bleiben sie auch weiter treue Juden, wie unsere Vorfahren vor Aufhebung der Emanzipation es waren. Es entstehen auch immer wieder neue Lehrstätten für den Talmud, nur dass diese nebst seinem gesetzlichen, halachischen Theile auch seine wissenschaftlichen Seiten pflegen, wie dies im Sinne des Talmud geschehen soll und in früheren Jahrhunderten auch geschehen ist. „Ich, der Ewige, verändere mich nicht, und Ihr. Söhne-Jakobs, werdet niemals aufhören. (Maleachi, II. 6.) „Siehe die Worte der Thora, die ich in Deinen Mund gelegt, sie werden niemals von Dir und von Deinen Nachkommen weichen." (Jes. 59. 21.) Beide, die Juden und der Talmud, sind im höchsten Grade Optimisten. Zwar waren schon die Verfasser der biblischen Schriften Optimisten auf Grund der Lehre: Und Gott sah Alles, was er gemacht hat, und siehe es ist sehr gut. (I. M. 1. 31.) Hiezu gehört auch der Tod. (S. Midr. z. St.) Aber diese hatten zumeist noch nicht jene erschütternden persönlichen Leiden und die Leiden ihrer ganzen Nation so erfahren, wie sie die Talmudlehrer durch 700 Jahre unter den Wütherichen der Syrer, Egypter, Römer, Perser und von anderen Völkern schmerzlich empfunden haben. Und dennoch liest man von den Talmndlehrern keine pessimistischen Aeußerungen. Manche freuten sich sogar ihrer Leiden, nannten sie ihre „Wohlthäter", weil sie die Sünden sühnen. (Sabb. 33, Tanit. 21., B. Mez. 83. Sanhedr. 101 u. n. m.) „Diejenigen, die beleidigt werden und nicht zürückbeleidigen, die Schmähungen ruhig anhören, die sich ihrer Leiden freuen, deren Freunde sind so wie die Sonne bei ihrem Aufgange." (Sabb. 88 u. Joma, 23.)

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