Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 26 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Die Wahrheit. Seite 5. mag. Beides zeigt sich im Verlause der ersten Periode der israelitischen Geschichte mit einer überwältigenden.Deutlichkeit. Der Feind, mit dem sich, die "Lehre Möses auseinanderzusetzen hatte, war damals das mit allen Mächten der- Sinnlichkeit im Bunde stehende Heidenthum. Dieses nimmt eben den Menschen so hin, wie er sich in seiner natürlichen Rohheit gibt. Was es ihm bietet, ist nichts, denn ein Cnltus der ungebändigten rohen Triebe. Immer von neuen Seiten dieselben in Aufruhr zu-setzen, bildet das einzige, aber doch so unerschöpflich vielseitige Mittel, wodurch es den Menschen zu fesseln vermag. Ans solchem Boden bewegen sich die Menschen zwar eine Zeitlang in dumpfer Sicherheit, bis er plötzlich in jähen' Verheerungen seine vulkanische Natur offenbart. Anders gestaltete sich die Sachlage, als Alexander der Große siegreich in das Morgenland vorgedrungen war. Die Schlagbäume, welche den Westen und Osten bis dahin von einander getrennt hatten, waren mit einemmale niedergerissen. Die Juden wurden auch mit den materialistischen Theorien der griechischen Weltweisen bekannt. Die Gegnerschaft gegen die offenbarte Lehre gewann nunmehr eine neue Gestalt. Aus dem weiten, unabsehbaren Gebiete dumpfer Instinkte wurde sie jetzt ""sauf das scharf umgrenzte der Erkenntnis hinübergestellt. Die Sadduzäer wareu die ersten, welche diesen Einflüssen nachgaben. Sie behaupteten zwar, ursprünglich jüdische Ueberzeugung zu vertreten. In Wahrheit waren es jedoch heidnische Philosopheme, denen sie blindlings folgten. Wenn sie zwar der schriftlich überkommenen Lehre auch fernerhin so zu sagen ihre Geltung zugestanden, so war das trügerische Spiel, tu dem sie sich bewegten, für jeden, der etwas tiefer blickte, ohne weiteres klar. Schon Maimonides hat diesen Sachverhalt mit voller Deutlichkeit erfasst. Er meint, dass auch das schriftliche Gesetz Sadduzäern ebensowenig etwas galt, wie die Ueberlieferuug. Allein politische Rücksichten geboten ihnen, ihre Ansichten nicht ohne Vorbehalt verlantbar zu machen. Sie hatten sich hierbei desselben trügerischen Spieles bedient, wie es etwa Jerobeam seinerzeit angewendet hatte, als er den Kälberdienst unter dem Wahrspruch' 2^12 p«ö *pSyn ms "[vtas mn „da hast du, Israel, deine Götter, die aus Eghpten dich geführt", mundgerecht machte. (1. Kg. XIII., 28) Die dem Heideuthum Ergebenen hatten mit der Sache selbst, das was sie erstrebt, auch erreicht, die dem Alten Anhangenden waren durch beu eine Milderung in sich schließenden Beisatz „die dich aus Egypten geführt", wenigstens nicht gänzlich vor den Kopf gestoßen. Hier gerade zeigten unsere Weisen, wie sie der neuen Gestaltung der Dinge sich als vollkommen gewachsen erwiesen. Den Ersordernißell der Zeit entsprechend, trafen sie ihre Maßregeln. Wie anders hatten sich doch die Dinge jetzt im Gegensätze zu dem letzten Zusammenstoß mit einer dem Judenthum feindlichen Richtung unter Serubabel gestaltet! Damals wollten die Samaritaner sich in die in der Gründung begriffe-en Gemeinde eindrängen. Das wareu die eigentlich „verheideten Juden", von denen Herr Dr. Jakob so viel zu fabeln versteht. Diesen Sachverhalt weiß unsere biblische Urkunde durch eine einzige Wendung schlagend an's Licht zu rücken. Jene behaupteten dvut12N28 1^>1. „Ihm gelten unsere Opfer" (Esr.4, 3), indess die Massora in höchst verblüffender Einfachheit an Stelle dessen das K'tib setzt: DM2T um« i6l. „Nicht ihm gelten unsere Opfer." Damals beschränkte man sich darauf, die unberufenen Eindringlinge kurzer Hand zurückzuweisen. Zu einer grundsätzlichen Stellungnahme dagegen lag keine Veranlassung vor. Anders jedoch lag die Sache, als Sadduzäer den Streit auf das Gebiet der Erkenntnis verlegten. Hier mussten Grundsätze gegen Grundsätze ausgespielt werden. In diese neugeschaffene Lage der Dinge versetzt uns die letzte Mischna des Traktates Berachoth. tiöki pan lSp^pira nSiyn iy a'ivirr vn ■ inpoiip nmi MN Ä cbiyn iyi oSiy.i ja onaix 'nw irpnn i.irr nbiyn p» „Ursprünglich wurde im Heiligthum bei jedem Segen —■ Gott als Der von Ewigkeit her gepriesen. Als die Abtrünnigen (die Sadduzäer) Unheil anstiftete». indem sie behaupteten, dass es nur ein Erdenleben gäbe, ward die Einrichtung beschlossen, dass man Gott als Den Preise, der sowohl über diese als jene Welt regirt." Hier haben wir das erste Beispiel dafür, dass eine religiöse Ueberzeugung grundlegender Natur, welche bisher nur durch das fromme Pflichtenleben zum Ausdrucke kam, aus seiner ursprünglichen Form losgelöst- und als ein Grundsatz religiöser Erkenntnis verkündet wurde. Von diesen Gesichtspunkten aus fällt auch auf den unmittelbar sich anschließenden Bericht der angezogenen Mischna ein helles Schlaglicht: '121 nt?2 itjt 718 Skup dik 8W irpn.il „Es wurde weiters die Anordnung getroffen, dass man seinem Nächsten unter Anrufung Gottes den Friedensgruß entbiete." Offenbar gehören beide Einrichtungen derselben Zeit an. Für die erste ist die Veranlassung ersichtlich, für die andere dagegen fehlt jede Handhabe. Geben wir jedoch zu, dass es sich von Anbeginn darum gehandelt hatte, die Irrlehren der Sadduzäer vom Standpunkte der Erkenntnis zu bekämpfen, so leuchtet die Folgerichtigkeit des des Verfahrens sofort ein. Die Weisen wussten wohl, dass die Sadduzäer mit ihrer Leugnung eines jenseitigen Lebens nur die eine Hälfte ihrer Ueberzeugung zum Ausdrucke gebracht — die andere dagegen — aus sehr durchsichtigen Gründen — wohlweislich verschwiegen hatten. Andererseits wäre denn doch gerade von ihrem Standpunkte die Annahme gar zu ungereimt, dass die Seele nur, nachdem sie durch den Tod vom Leibe sich loslöst, von der Fürsorge Gottes aufgegeben werde — indess sie hier auf Erden derselben stets unterstehe! Die Folgerung ist unabweisbar, dass mit jener Leugnung gleichzeitig das Walten einer göttlichen Vorsehung in diesem Leben bestritten ward. Durch die Anordnung jedoch, dass nunmehr jeder Friedensgruß im Namen Gottes entboten werde, sollte die Ueberzeugung von der über alles und jedes waltenden göttlichen Vorsehung zu um so entschiedenerem Ausdruck gelangen. (Fortsetzung folgt.) Moles und die jüdische Gesetzgebung. IV. Und doch, trotz dieser wunderbaren Zunahme der Erkenntnis trotz all' dieses enormen Zuwachses von productiver Kraft, wo ist das Land in der civilisirteu Welt, in dem heute keine Noth und kein Leiden wäre, wo die Massen iticht verdammt sind, ohne Unterlass zu arbeiten und alle Klassen nicht von jener Gewinnsucht verfolgt sind, die das Leben zu einem unwürdigen Kampf um das Verdienen und das Erhalten macht? Dreitausend Jahre des Fortschritts, und immer noch ertönt die Wehklage : „Sie haben unser Leben durch harte Knechtschaft verbittert mit Mörtel und mit Backsteinen und dllrch alle Art von Arbeit." Dreitausend Jahre des Fortschritts — und die mitleiderregenden Stimmen von kleinen Kindern tönen mit in das Wehklagen! Wir schreiten vorwärts und vorwärts; wir umgürten Kontinente mit Eisenbahnen, verbinden Städte durch Tetegrphennetze. Jeder Tag bringt irgend eine neue Erfindung, jedes Jahr einen weiteren Fortschritt, vergrößerte Productionskraft und weitere Absatzgebiete. Un die Klage über „harte Zeiten" ist lauter und lauter, und überall sind die Menschen bedrückt von Sorge und verfolgt von der Furcht vor dem Mangel. Unaufhaltsam und mächtig schreitet das Vermögen der der Menschenhände, menschliche Bedürfniße zu befriedigen, vorwärts. Und dennoch wird der Kampf um die bloße Existenz immer intensiver, und menschliche Arbeit wird zur billigsten aller Waaren. Neben überfüllten Magazinen fallen Menschen zusammen vor Hunger und beben vor Kälte; und im Schatten der Kirchen haust das Laster, das aus dem Mangel geboren ist. Elend inmitten des Ueberflusses, Unwissenheit inmitten dr * Cultur, Schwäche inmitten gewaltiger Kraft,-und suche" wir die erste Ursache von all dem, das unserer Civilisation ein*