Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 25 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Hie Wahrheit. Seite 7. Natur, wie sie über beu gesamiuten Weltenraum vertheilt sind, gebietet. Auf seinen Willen erfolgt ihr einträchtiges Zusammenwirken, oem einzig und allein das Gedeihen der jungen Ernte zu danken ist. Wie sie andererseits aus den Willen Gottes in unheilvoller Weise gegelleinander wirken können, was ihr Mißernten zur unvermeidlichen Folge hätte. — Aus diesem Grunde ward auch das Omeropfer aus Gerste dargebracht, die sonst nur noch einmal für solche Zwecke Verwendung fand. Gerste dient -im Morgenlands hauptsächlich zur Fütterung des Viehes. Es sollte damit bekundet werde«!, dass jene Weise, die die Gaben der Natur ohne weitere Ueberlegung stninpfsinnig hinnilnmt, dem Erkenntnisstande des Thieres nur entspricht. Erst durch die in der ,-isun ausgesprochene Ueberzeugung erhebt der Jude sich zu dem Standpunkt, der dem Menschen geziemt. In dem Sefiragebote legt Israel das Bekenntnis ab, dass Gott sich ihm nach Befreiung aus Aegygten aus dem Sinai vor aller Welt offenbart hat. In dem Gebote der Mesusa bekundet Israel, dass Gott überall waltet, soinit über die Schranke des Rauines erhaben ist. Durch das Gebot der Tefillin bezeugen wir, dass Gott auch die Regungen des Geistes und Herzens im Keime — noch bevor sie in ausgeprägten Gedanken und Begierden bestinnnte Formen gewonnen haben — offenbar sind, dass er somit über die Schranke der Zeit erhaben ist. Die Stiftung des Jobel, vermöge welcher der Israelit nur ein Nutznießungsrecht, niemals ein Besitzrecht am Grund und Boden des heiligen Landes erlangen konntelässt über das leitende Motiv gar keinen Zlveisel besthen. Es sollte damit de«n all-- gemeinen Bewusstsein die Wahrheit stets vor Angen gehalten werden, nrrp anrr D'itPini an: '3 pan 'S ’d „dass das Land Mein ist, dass Ihr nur Fremoliuge und Schutzbefohlene bei Mir seid." Für den Gedanken, dass wir nicht irdischer Natur, sondern dem Himmel angehören, somit unsterbllch sind, gibt es keinen entschiedeneren Ansdruck. Hieraus spricht die Ueberzeugung unserer Unsterblichkeit so überwältigend zu uns, dass ein bloßes Lippenbekenntnis, mit de«n sich anderere Religionen in diesem Belang abfinden, demgegenüber sich wie ein schwacher Schatten kan»! ausnimmt. Es ist sehr bezeichnend, dass der Pflichtenkreis der rvny überall voransteht und dann erst Q'öQtPö und s'pn folgen (so 5. B. M. IY, 45 und VI, 20). Dieselben werden dadurch als die grundlegenden Ueberzeugungen hingestellt. Erst indem der Israelit diese Wahrheiten als die treibenden Kräfte seines Lebens bekennt, davon sich in seinen! Denken und Handeln bestimmen lässt, gewinnt das in den beiden anderen Pflichtenkreisen, den D'aatPö und n'pn dargethane religiöse Thun — einzig und allein Sinn und Werth. Durch diese schlichte Formulirung erhält das jüdische Zeugnis des Glaubens selbst etwas von dem Geiste der Ervigkeit eingehaucht. Indem es an den Vorgängen der Natur sich darstellt, wird es der Unverwüstlichkeit theilhast, von der diese selbst getragen ist. Indem es in die Vorgänge der Zeit sein Gewebe einschlägt, wird ihm etwas von deren Schrankenlosigkeit zu Theil. Hier liegt auch die Bürgschaft von dessen Ewiger Dauer und Giltigkeit. So gewiss, als die menschliche Forschung niemals über die Schranke der Natur und der Zeit hinausdringen wird — so gewiss ist es, dass die Grnndüberzeugungen des Judenthums, welche dieselben weit überragen, aller menschlichen Weisheit gegenüber nicht als widersprechend, sondern als überlegen sich erweisen werden. (Fortsetzung folgt.) Moses und die Mische Gesetzgebung. HI. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele muß in -großer Deutlichkeit unter dem hebräischen Bolke bestanden -haben. Aber die Wahrheit, die Moses so entschieden in den Vordergrund stellte, auf welche sein Können conceutrirt war, ist «ine Wahrheit, die oft von der Unsterblichkeitslehre beiseite geschoben worden ist und welche vielleicht manchmal auch aus sie zurückwirken mag. Er lehrt, dass die Handlungen der Menschen > ihren Lohn finden in dieser Welt und dass ein Nemesis existirt, die mit niinmer müdem Fuß und erbarmungsloser Hand jedes nationale Verbrechen verfolgt und die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern — wenn es auch dein Einzelnen in seiner beschränkten Einsicht oft scheinen mag. dass das Unrecht belohnt wird und die Böse«» straflos ausgehen. Erj lehrt den engen Zusammenhang zwischen Individuen und der Gemeinschaft, von der er einen Theil bildet, er zeigt, wie in eine»» gewissen Grade alle leiden unter der Sünde des Einzelnen, und das Leben eines jeden beherrscht ist von Bedingungen, «velche die Gesainmtheit ihn, auferlegt. Die hohe Werthschätzung dieser Wahrheit gibt den mosaischen Einrichtungen einen so praktischen und lebenswahren Charakter. Ihr Genius, wenn ich so sagen darf, verlässt die abstracten Speculationen, in denen der Gedanke sich so leicht verlierr und vergeudet, oder nur in Symbolen Ausdruck findet, die schließlich den Aberglauben begründen, er beschränkt sich vielmehr auf die Gesetze, die das Glück oder das Elend der Menschen auf dieser Erde bestimmen. Ihre Lehren haben nie dem Egoisrnus des Einstevlerthums gedient, der einen so hervorragenden Grulldzug des Brahlnaisums und des Buddhis»n«!s bildet und von welchem das Christenthum und der Jslain sich sich nicht freigehalten haben. Sein Gebot war ni emals: „Frage nichts nach der Welt, um Deine eigene Seele zu retten", sondern vielmehr: „Erfülle Deine Pflicht in der Welt, dass Du glücklicher seiest und die Welt besser". Er verschmäht auch die gejnndheitlichen Vorschriften nicht, die zum Wähle des Leibes dienen. Seine Verheißungen lauten auf Frieden und Ueberfluss und Länge der Tage, auf stattliche Söhne und anuruthige Töchter. Es mag sei«!, dass Moses' Empfindung in Bezug auf ein zukünftiges Leben in der Sprache des Stoikers ausgedrückt werden könnte: „Es ist Jupiters Sache, nicht die meine". Es ist auch «nöglich, dass sich bei ihm schon damals die Reaetio» zeigt, die wir in der Gegenwart beobachten können, nämlich, dass ein tief religiöser Geist sich gegen die Formen der Religion wendet, rveil diese Formen zu Waffe«! und Bolllverken der Tyrannei ge«nacht «vnrden. Sind doch selbst Name und Lehre des Zimmer,nannssohnes umgewandelt «vorden in Stützpfeiler der socialen Ultgerechtigkeit. Wie sehr'auch solche Gefühle Moses beeinflusst haben »lögen, ich kann unmöglich glauben, dass ein Geist, wie der seine, der ein solches Lebenswerk vollbrachte, der die Erhabenheit großer Gedanken, die Last großer Sorge, die Bitternis großer Enttäuschungen fühlte, dass er sich nicht zur Hoffnung des Jenseits aufgeschlvuugen haben sollte. Er sollte, in dem feste«! Glauben, dass der Tod des Körpers nur die Befreiung des Geistes ist, nicht Kraft und Ruhe gefunden, er sollte die Ueberzeugung nicht gehabt haben, dass es eine Macht i«n All gibt, auf welche er sich vertrauensvoll verlassen könne, trotz aer Zerstörung der Materie und des Zusammenbruchs von Welten? oses sah seine Pflicht in der großen Aufgabe, die klar vor ihnr lag: einen Soeialstaat zugründen, in dem tiefe Arrnuth und entwürdigender Mangel unbekannt sein sollten, wo der Mensch frei von niedrigen Sorgen, welche seine Energie zwecklos aufbranchen, Gelegenheit hätte zu geistiger und sittlicher Bervollkommuug. Hier tritt die Größe des Mannes hervor. Welche Weisheit und Voraussicht dazu gehört, schon in der Wüste gegen die Gefahren eines geeinten Staatswesens Vorsorge zu treffen, davon möge dieGegenwarr Zeugnis ablegen. Im vollen Lichte des 19. Jahrhunderts, wo jedes Kind in unseren Schulen Dinge, von welchen die egyptischen Weisen niemals träumten, als Gemeinplätze lernt, wo die Erde aus» gemessen und die Sterne gewogen, wo Dampf und Elektricität zu unserem Dienst gezwungen werden und die Wissenschaft der Natur Geheimnis um Geheimnis «bringt, ist es nur zu natürlich, auf die Weisheit der vergangenen Jahrtausenden zurückzublicken, wie der Manu, aus das Verständnis seiner Kindheit zurücksteht. (Fortsetzung folgt.).