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Die Wahrheit · 1902-06-20 · Heft 24 (20.6.1902) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 24 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I Nr. «24 Die Wahrheit. Seite 7. wohl aber im gesellschaftlichen und geistigen Leben, der uns heute nach kaum mehr als 100, Jahren ein Märchen dünkt. Und zwar »licht in den Kreisen des Geldadels, der Börsenjobber,/ sondern in den edelsten Kreisen der Nation, den Kreisen, in denen sich Prinz Louis Ferdinand bewegte, also einer der edelsten Söhne seines Volkes, der die Schmach der Freindherrschaft am tiefsten fühlte und mit seinem Blute bei Saalfeld besiegelte, daneben Mirabeau, Jean Paul, Fr. Richter, Gebrüder Humboldt, Schlegel, Tiek, Schleier»nacher, Gentz, Genelli, Ranke u. a. Den Vorträgen eines Markils Herz wohnten selbst die jüngeren Brüder des Königs Friedrich Wilhelm III. bei, und auch den jugendlichen Kronprinzen brachte dessen Erzieher- Delbrück mit. Zu denjenigen, die a»n meisten dazu beitrugen, die gesellschaftlichen Vorurtheile zu beseitigen, gehörten aber vor allein die jüdischen Frauen Dorothea Mendelssohn, verheiratete Veit- Schlegel, Fanni Jtzig, vereh. von Arnstein, Henriette Herz- Lemos imb Rahel Lewin mit ihren litterarischen Salons. Allerdings haben die meisten von ihnen den Glauben ihrer Väter verlassen, aber nur weil religiöse Gleichgiltigkeit ein Kennzeichei» der damaligen Zeit war, weil sie den» strengen Dogma der positiven Religion sich eittfreinbeiib, reine Deisten | waren. Wir sehen die Rouiantiker ohne große Gewissenss'crupel iyre augestammle Religion verlassen, um sich ihrem Ideale, der Schönheit in Kunst und Leben, schrankenlos hinzugeben. Wurde doch noch von de»n Ro»natiker aus dem Throne der Cäsaren der ernstliche Versuch gemacht, unter dem Zeichen der Union Katholizismus und Protestantisrnus zn vereinigen. Einer der entschieden Bedeutendsten ans diesem Kreise hervorragender und geistig freier Menschen, der als Gattin von Karl August Barn- Hagen vo.» Ense bekannten Tochter des Karlsmaun Levi,» Markus, hat Otto Berdrow eine «ebenso gewissenhafte als liebevolle Biographie gewidnret, welche soeben nach Jahresfrist in zweiter, bedeutend vermehrter Auflage erschienen ist. Der Verfasser theilt seinen Stoff in 14 Capitel, denen eine Einleitung vorangeht und ein Schluss, Aphorismen aus Rahels Briefen und Tagebüchern, folgt. Es ist ein reicher Inhalt, den er uns bietet, der Stoff, den er zn bearbeiten hatte, tvar gewaltig. Geschickt urrd »»»nfassend hat er den bänderreichen Briefwechsel benutzt, der in seiner Weitschweifigkeit und in dem Mangel an Sichtung für das größere Publicum unbenutzbar und dennoch die reichste Quelle für Rahels Geistes¬ und Seelenleben ist. Genau gibt uns B. die Piychologie und Sociologie Rahels r»nd ihrer Zeit. Sein Styl ist, ohne eigenartig zu' sei»», leicht und flüssig. Kaleidoskopartig wechseln die Gestalten, die vor unseren Augen in dem Salon Rahels auftanchten und verschwanden. Denn es gab in dem 1. Drittel des 19. Jahrhunderts kaum eine geistig hervorragende Persönlichkeit, die nicht mit Rahel in irgend eine Berührung getreten war. Der Verfasser hat sich init Liebe und Begeisterung in die Seele seiner Heldin vertieft. Mit wohlthuender Objectivität weist er dke scharfen und und einseitigen Urtheile Treitschkes zurück, der Rahel Weltbürgerthum, Christenhass, ätzenden Hohn und Sprachverderbnis, sowie Gleichgiltigkeit gegen die Großen vaterländischer Geschichte zum Vorwurf »nacht. „Wer Rahel kennt, wird sie lieben" schrieb eben nicht mit Unrecht schon vor eine»»» halben Jahrhunderte ein gewiss unverdächtiger kompetenter christlicher Beurtheiler, Gotth. Oswald Marbach. Der Zweck, welchen das fleißig und vorzüglich geschriebene Werk verfolgt, dein großen Publicum Rahels Gestalt näher zu bringen, ist jedenfalls erreicht. Es kann mit Fug und Recht als eines der so vielen litterarischen Charakterbilder bezeichnet werden, die sich als Bausteine zu einer großen Geschichte des geistigen Lebens zu bezeichnen lieben. Dar Kaddischgebel. Vor» Bernhard Loewenthal. (25. Fortsetzung.) Wohl wusste er, dass er Alice liebte, aber in seiner Geele stiegen die Zweifel auf/ob er, ein beinahe vierzigjähriger Manu, der in Armut erzogen, bis vor kurzer Zeit noch in den bescheidensten Berhältnißen gelebt hatte, ob es ihm »nöglich sein »oürde, eine Sonnenblume, wie es dieses Kind war. wahrhaft glücklich zu machen. Würde sie nicht eines Tages, wenn er sie wirklich sich erringe,i sollte, aufschrecken aus ihrem Trauin durch eine Kleinigkeit, die er jetzt garnicht voraussehe»» konnte? Wohl wusste er, dass ihr Herz und ihre Seele für ihn lebten, aber eine kleinliche Furcht hatte ihn bis heute abgehalten, zu ihr von seiner Liebe zu spreche,». Als die kühle Winterluft um seine Schläfen wehte »»»»d sie beide unter de»n Eindruck, den Leons Seelenkampf auf ihre Gemüther gemacht hatte, noch iinmer schwiegen, schien es dem Doktor, als ob er Alice über Leon und auch über sich eine Erklärung schuldig wäre. Das Wort des Freundes: „Warum bin ich denn — Jude!" wollte er vor Alice entsch»»ldigen und mit gepresster Stimme, so als ob er selbst an Leons Glaubensseighett die Schuld trüge, unterbrach er das Schweigen. Es ist schwer — für ein junges Herz — sich loszureißen von eitlem — Phantom vo» einem — Ideal — ich weiß es — auch Leon leidet. I» ihin kämpft das Bewusstsein ver Schuld, dass er im Begriffe steht, sich in ein Verhältnis zu stürzen, welches mit seinem Glaube» sich nicht in Einkla»lg bringen lässt. „Sie wissen, was Leo»» drückt? »»»»terbrach Alice ersta»mt den Doktor, „und Sie verstehen seine Liebe? " „Ja", sagte David fest, „ich verstehe sie," dann fuhr er fort: „Stürmt es doch, in u»»serer Seele, »»»»!> »venu wir auch den Sturm einmal. z»oeimal beschwichtigen, um so heftiger bricht er zum anderen Mal in uns hervor, »md »vir müssen uns beugen —•„ Sie Kraft haben, uns aufzurichten oder — »uuergeh'n. Diese Kraft nun, »velche uns innerlich nach euer»» solchen Kainpf wieder gesu»»den lässt, das ist das Vertrauen auf Gott und die — Arbeit. Mit den» Glauben an das Schicksal, dessen Bestimmung »u»s nicht unter»vo»seu ist, frisch aus j Werk gehen, das Herz emporrichten und schaffen, dann »uuß es in uns ruhig werden, die Wn»»de vernarbt, »venn sie selten a»»ch heilen kann. „U»»d das haben Sie einpstlnden?" fragte Alice mit bebender Stimme. „Ich e»npfi»»de es noch jetzt!" und er fasste ihre Hand, die sie ihm »villig überließ, „noch jetzt stürint es in »»»einer Seele, doch ich habe Vertraue»» zn inir", in seiner (Stimme lag eine so hohe Andacht, „Alice, ich bin heute bald 40 Jahre alt, ich habe nichts zu bieten — und wer nichts zu bieten hat, der sollte auch »licht begehren imb doch seh'n Sie, das ist der Sturm, ich liebe Sie." „Doktor!" klang es flehend an sein Ohr — „Ja ich liebe Sie!" ftthr David fort, „seit ich Jh»»en die ersten Lehren mit aus den Lebe»»s»veg gab, schien meine Seele an die Ihrige gekettet zu sein — ich hatte seit der Zeit keinen andern W»»nsch als bei», dass Sie gut werdet» und — stark, und jetzt da — es herunter ist, was ich einpfinde — jetzt muß ich ruhiger werden. — Ich habe eine Mutter — eine alte Frau — und einen Beruf — das »naß mein Lebe»» füllen." Alice sah belvundernd zu ihm auf — „Doktor!" sagte sie kaun» H5rbar,„ur»d an »»»ich, an »nein Herz haben Sie gar»»icht gedacht?" Er beugte sich zu ihr herab. In ihren Augen lag ein Gestäildnis, das die Lippen des holden, klugen Mädchens nicht verrathen wollten, in ih»n schien sich ein Alp zu lösen — „Alice", jubelte er, — „und ich bin Dir genug, ich könnte Dir Alles sein — wirklich Alles? ich danke Dir!" Sie hatte sich an ihn geschrniegt, feucht schiinmerte es in ihren Auge» — ja sie wollte ihn glücklich mache» — sie wusste — sie würde es könne»», denn sie liebte ihn.- „Und Leon?" fragte sie leise. „Ich werde ihn führen!" alltwortete der Doktor, „auch er soll noch 'glücklich werden. Dann, als sie un» die Ecke der Allee kamen, wurde das große steinerne Ha»»s sichtbar und auf die hohen Feilster deute»»d, bemerkte Regun — „der Kainpf, den der alte Salomon Gutkind, Dein Großvater, dort gekämpft, der muß Deinem .Vater erspart bleiben. — Leo» sucht das falsche Glück —Hetzt schon zweifelter — später würde er dara,» zu Gr»»nde gehen." (Fortsetzung fotzt-)

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