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Die Wahrheit · 1902-06-20 · Heft 24 (20.6.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 24 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 24. Gedanken suchen, dessen Ausdruck sie sind, so finden wir, den großen unterscheidenden Grundzug der hebräischen Religion, der sie durch eine so weite Kluft von den Religionen, unter denen fie aufwüchs, trennt, in ihrem Nützlichkeitsprinzip, Anwendung des göttlichen Gesetzes im menschlichen Leben. Das höchste Wesen Moses ist nicht eine Gottheit der grauen Urzeit und der triten Zukunft, die weit außerhalb unseres Bereiches droben in den Wolken thront, — sein höchstes Wesen ist vielmehr „Unser Gott", unser, die wir heute leben, ebensogut als der Gott unserer Urväter, und seine ewigen Gebote bringen Glück denen, die sie befolgen, und Unglück denen, die sie vergessen — in diesem Leben. Inmitten der Formen gänzlicher Entartung, einer einst großen Religion in Egypten, inmitten einer Gesellschaftsordnung, in welcher die göttliche Gerechtigkeit zu schlafen schien, ging Moses die Wahrheit auf : „Ich bin." Und während er im Schweigen der Wüste nachdachte über das ewige, ewige Weben in der Natur, über den Tod, der das Leben begrenzt, über das Leben, das aus dem Tode entspringt, immer verzehrend, nie verzehrt, da war es dieses: »Ich bin", das wie eine erlösende Botschaft in seinem inneren Ohre ertönte. A» Das Fehlerr irgend eines Hinweises auf ein zukünftiges Leben in den mosaischen Büchern ist nur durch die Deutlichkeit verständlich, mit der diese Wahrheit aus ihnen heraustritt. Nichts kann den Hebräern des Exodus vertrauter sein, als die Lehre von der Unsterblichkeit. Das Fortleöen der Seele, das Gericht nach dem Tode, die Belohnungen und Strafen des zukünftigen Lebens waren der beständige Gegenstand egyptischen Denkens und egyptischer Kunst. Aber die eine Wahrheit kann verborgen, oder durch die Stärke, mit der eine andere erfasst wiro, in den Hintergrund gedrängt werden. Und die Lehre von der Unsterblichkeit, Io sehr sie auch in den tiefsten Tiefen der Menschenbrust begründet ist, kann so vermengt werden mit niederem Aberglauben und kann von Schlauheit und Selbstsucht zu einem so mächtigen Werkzeug der Unterdrückung gemacht und so missbraucht werden, Lass sie dem ernsten Geiste des socialen Reformers als ein Mittel zur Unterdrückung, als eine Fessel des Geistes, als ein Hindernis für jeden wahren Fortschritt erscheinen muß — ein Lügengewebe, mit dem die Schlauen die Leichtgläubigen umstricken. (Fortsetzung folgt.) Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. Zn der letzten Zeit haben einige Gelehrte sich darin gefallen, die affyrisch-babylonische Keilschriftsforschung aut den Markt der öffentliche!! Meinung zu tragen. Wie sich denken lässt, konnten hierbei nur die fertigen Ansichten in Betracht kommen. Das Für und Wider musste jedoch nach wie vor dem Gedankenaustausche der berufeiten Fachleute überlassen bleiben. Za, es wurde meist der gewichtige Umstand, dass dieselben wirrem solchen überhaupt noch unterstehen, vollständig verschwiegen. Gs hat sich in Folge dessen weiieren Kreisen, die von der obwaltenden Sachlage keine Ahnung haben, eine erklärliche Erregung bemächtigt. Gesteigert wurde dieselbe noch durch die mehr als kühnen Herausforderungen, die auf Grund dessen von jener Seite erfolgt sind, die jeden religiösen Standpunkt ganz ohne Ausnahme anfeinden. Bei diesem Stande der öffentlichen Meinung glaubte auch Herr Dr. Jakob in Göttingeu eingreise» zu sollen. Am allerwenigsten sollte ihm von unserer Seite aus eine Gegnerschaft daraus erwachsen, vorausgesetzt, dass es ihm darum zu thun gewesen wäre, dem Judenthum in seiner schwer bedrängten Stellung seinerzeit Beistand zu leisten. Er Moch glaubte — man weiß nicht recht, ob in allzugroßer Unter- oder lleberschätznng seiner Fähigkeiten — einen wissenschaftlichen Befähigungsnachweis hierzu vorerst erbringen zu sollen. Er hat denselben in zweifacher Hinsicht geliefert. Zunächst zeigte er alles das, was man vom Standpunkte des Reformjudenthums, de» er vertritt, preisgeben könne. Eine Offenherzigkeit ward hierbei an den Tag gelegt, die in jenen Kreisen, wenigstens bisher, ohne Gegenstück dasteht. Um derentwillen allein hätte er auf volle Anerkennung den geringsten Anspruch. Denn damit hätte dann das bisher immer noch undefinirbare Reformjudenthum eine greifbare Gestalt gewonnen, die es ermöglicht, dass man dasselbe in das Kreuzverhör des wissenschaftlichen Gedankenaustansches stelle. Ob nun gerade von meiner Seite aus dies unternommen worden wäre, lasse ich dahingestellt. Wenn jedoch Herr Dr. Jakob bei diesem Anlasse die Gelegenheit sozusagen vom Zaune bricht, um die heftigsten und maßlosesten Angriffe gegen das überlieserungsmäßige, von ihm als orthodox bezeichnte Judenthum zu schleudern, so hat er sich dadurch allein schon sein gutes Recht verscherzt, mit Stillschweigen übergangen zu werden. In dem Zusammenhänge seiner Aeußerung nimmt es sich fast noch wie eine Höflichkeit aus, wenn er für sich und die Vertreter seines Sandpunktes — die Wissenschaft in Anspruch nimmt, unser Einem jedoch großmüthig genug — die Gelehrsamkeit zugesteht. Welcher Art die für sich in Beschlag genommene Wissenschaftlichtkeit ist, das wird sich bald zeigen. So leistet er sich die ganz unerhörte Behauptung, dass der Talmud im wesentlichen eine heidnische, beziehungsweise christliche Geistesart darstelle. Diese Behauptung, die alles, was bisher vom Talmud bekannt ist, geradezu auf den Kopf stellt, wird mit einer durch nichts zu beirrenden Sicherheit vorgetragen, ohne dass er auch nur die Verpflichtung verspürt hätte, hiefür den Schatten eines Beweises beizubringen. Mau sollte glauben, ein solches Vorgehen richte sich selbst, zumal wenn es mit einer nicht zu verkennenden Gespreiztheit unter dem Namen der Wissenschaft Deckung sucht. Allein in jüdischen Dingen ist das ganz was anders. Es genügt schon, dass einer nur den Mund recht voll nimmt. Er hat dann sofort die Aufmerksamkeit aller Welt auf sich gelenkt! Was Wunder dann, wenn orthodoxes Judenthum von ihm als ein widerspruchsvoller Unsinn hingestellt wird, von der Art, wie wenn Jemand von hölzernem Eisen reden wollte. Orthodoxes Judenthum ist ihm nichts denn „verheidetes Judenthum". Das Heidnische in demselben ist ihm aber nicht blos das talmudische Element, welches es in sich birgt, wir werden auch das andere, woraus es sich gründet, die Lehre Moses dazu rechnen müssen. Denn das Gesetz als Norm für das Leben ist ebenfalls ein heidnischer Greuel. Glaubt nun Jemand etwa, der Midrasch mit seinen erbaulichen Betrachtungen, seinen sinnigen Parabeln, seinen lehrreichen Erzählungen, werde vielleicht eher vor seinem gestrengen Urtheil Gnade finden? Weit gefehlt! Auch in dieser sieht er nichts denn Heidenthnm und wieder einmal Heidenthnm. Fragt nun Jemand, ja, was ist denn nun eigentlich das Judenthum, für welches Herr Dr. Jakob glaubt, in jdie Bresche treten zu sollen, so wird ihm der tiefsinnige Ausschluss: „Judenthuiu ist überhaupt keine konstante Größe, sondern muß seine Form nach den außerjüdischen Faktoren, mit denen es sich auseinanderzusetzen hat, von Fall zu Fall wechseln." ,, Keine konstante Größe," das ist das einzige Merkmal, welches di^Wissenschaftlichtkeit des Herrn Dr. Jakob dem Jndenthnme als Kennzeichen noch allenfalls belässt. Selbst der Glaube an einen einzigen Gott wäre für ihn etwas zu Starres, düs er in diesem Zusammenhänge nicht mehr brauchen könnte. Denn wie. er darüber keinen Zweifel lasst, ist auch dieser Glaube durchaus nichts Abgeschlossenes, das über jeden Zweifel erhaben wäre. So stellt sich -ihm denn das ganze Judenthum als eine Art Schlackenprodukt eines chemischen Processes dar. Nur bleibt es einem unerfindlich, woher er denn die dazu erforderlichen Zersetzungskräfte nimmt. Die scheinen. sich ihm^ geradezu aus dem Nichts zu ergeben. Haben wir noch ein Recht, uns über Rücksichtslosigkeit christlicher Gelehrten auszuhalten, die das Judenthum als ein wesenloses Nichts ohne jede geschichtliche Bedeutung hinstellen?! Jüdische Gelehrte — Pardon Wissenschaftler, suchen sie ja hierzu noch bei weitem zu überbieten. Solchermaßen ließen sich nnn die Dinge vortrefflich schlichten. "Doch plötzlich zeigt sich Herrn Dr. Jakob eineKlippe. Es ist dies die 1.ischna tut letzten Abschnitt in Synhedrin, die da lautet:

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