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Die Wahrheit · 1902-06-20 · Heft 24 (20.6.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 24 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Adiilinistration: Wien, II/,. Novaragasse 27. K. k. österr. Po'.'varcissa Check-Como Nr. 846.251 Inserate j 20 Heller per Nonpareille-Zeile. ' Abonnements, und Jnserationsbctiäge sind in Wien zahlbar!! und klagbar.! öhängige Heiischrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ i Beptgspreis: i Ganzjährig ... St 12.— Halbjährig .... St. 6.— I Für Cultusbecnute: j I Ganzjährig.... K 10.— Für Ausland: Ganzjävrig . . .3 Mark. 8 Rubel o>er 16 FcL [ .l tlr. 24. Wien, 20. Juni 1902. Inhalt: Moses und die jüdische Gesetzgebung. — Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. — Beitrag z.rr Geschichte der Juden in Oesterreich- Nngarn. — Rahel Varnhagen. — Das Kaddischgebet. — Zur Organisation. — Verschiedene Nachrichten. Moses und die jüdische Gesetzgebung. ii. Die Lehren der neueren Geschichte, die Offenbarungen , der menschlichen Ratur, wie wir sie täglich um uns sehen, ' würden uns in der wesentlichen Abweichung des hebräischen Slaatswesens von dem egyptischen die Einwirkung eines mächtigen Geistes darthun, selbst wenn nicht die hebräische Tradition, sowohl von dem Einfluss eines solchen Geistes Zeugnis ablegte, als auch von der beharrlichen Neigung, mit welcher die gewohnten Ideen in den Gemuthern oes Volkes wiederauferstanden. Immer und immer wieder brichl das Murren aus. Kaum hat Moses den Rücken gewendet, als auch schon der Ruf: „Dies sind Deine Götter, Israel!" das Ausrichten des egyptischen goldenen Kalbes verkündet, während sich die Stärke des monarchischen Prinzips in der Einsetzung eines Königs zeigt, sobald j der weitreichende Einfluss des großen Führers sich etwas geschwächt hat. Es kommtnicht darauf an. wann, oder von wem die . gewöhnlich Moses zugeschriebenen Bücher gesammelt wurden; es kommt nichtdarauf an, wie viel von seinen Gesetzen aus früheren Zeiten übernommen, oder in späteren Zeiten hinzugesetzt wurde; ihre großen Züge tragen einen Stempeleines seiner Zeit j und seinem Volke weit vorausgeeilten Geistes, eines Geistes, 1 ' welcher nach den Ursachen der Dinge forschte, welcher sich nicht j von dem Strome der Ereigniße sortreißen ließ, sondern ein j bestimmtes Ziel verfolgte.! Die tvenigen Züge, die uns die Urkunden von dem Chaj rakler Moses' geben, die kurzen Berichte, die, wo immer j die Bibel gelesen wird, die Einbildungskraft lebhaft be-; fchäftigen, stimmen in jeder Weise mit diesem Gedanken überein. Was wir von seinem Leben wissen, erläutert sein Werk. Was wir von seinem Werk wissen, erläutert das Leben. Nicht ein Reich, wie es in^Egypten zur vollen Blüte gelangt war, oder wie es in vollkommener, patriarchalischer Form bei den Stämmen ringsum bestand, wollte Moses gründen. Es war auch nicht eine Republik, in der die Freiheit! des Bürgers auf der Knechtschaft des spartanischen Sclaven beruhte und die Persönlichkeit dem Staate geopfert wurde. Es war ein Gemeinwesen auf dem Individuum begründet, ein Gemeinwesen, dessen Ideal'es war, dass jeder unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum sitzen sollte, ohne dass einer ihn quälen oder erschrecken dürfte; ein Gemeigwesen, in welchem Niemand zur unaufhörlichen Mühseligkeit verurtheilt sein, in welchem es selbst für den Sclaven eine Hoffnung, für das Lastlhier Ruhe geben sollte. Ein Gemeinwesen, in dem, weil bittere Armuth ans ihm verbannt war, die männlichen Tugenden, welche ans persönlicher Unabhängigkeit entspringen, sich zu einem starken Nationalcharakter stählen konnten; ein Gemeinwesen, in welchem die Familienliebe ihre Ranken um jedes einzelne Glied winden könnte, die Einzelnen, fester als mit stählernen Ketten, zu einem lebenden Ganzen verbindend. Nicht der Schutz des Eigenthnms, sonde-.n der Schutz der Menschlichkeit ist das Ziel des mosaischen Gesetzes. Seine Kraft besteht nicht darin, dem Starken zu helfen, Reichthümer anzuhäusen, sondern vielmehr darin, dass der Schwache vor Ans bentung und Unterdrückung geschützt werde. Auf allen Punkten errichtet es seine Schranken gegen die egoistische Gier, welche wenn ungehemmt, sicherlich die Menschen in Grundbesitzer und Leibeigene, Kapitalisten und Arbeiter, Millionäre und Landstreicher, Herrscher und Beherrschte scheiden wird. Sein Sabbath» Tag und Sabbalh-Iahr sichern selbst dm Niedrigsten Rahe und Muße. Mir dem Schall der .Jubeltrompete geht der Selave frei aus, die Schuld, die nicht bezahlt werden kann, ist aufgehoben, und eine neue Vertheilung des Landes sichert dem Aermsten wieoer seinen gerechten Antheil an den Liebesgaben des Schöpfers Aller. Der Schnitter soll etwas für den Nachleser stehen lassen, sogar dem Ochsen, der da drischt, darf das Maul nicht verbunden werden. Ueberall, in allen Dingen, ist die herrschende Idee die unserer guten Hausregel — „Leben und leben lassen." Und die Religion, mit der diese bürgerliche Staalskuust so eng verbunden ist, zeigt verwandte Züge: aus der Idee der Brüderschaft der Menschen entspringt die Idee der Vaterschaft Gottes. Wenn auch die Formen den egyptischen gleichen mögen, der Geist ist der, welchen Egypten verloren hatte. Wenn auch eine erbliche Priesterschast beibehalten ist, ist doch das Gesetz in seiner Fülle dem ganzen Volke verkündet. Wenn auch der egyptische Ritus der Beschneiduug bestehen bleibt und die egyptischen Symbole in allen Aeußeilichkeiteu des Gottesdienstes wieder auftaucheu, wird die Neigung, das Bild für dies Wesen zu nehmen, auf's Strengste unterdrückt. Wir brauchen nur an an die Stiere und die Geier, an die vergötterten Katzen und an die geheiligten Ichneumons von Egypten zu denken, um die volle Bedeutung deH-, Gebotes zu verstehen: „Du sollst Dir kein Bildnis noch Gleichnis machen! Und wenn wir unter Formen. Symbolen und Geboten den

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