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Die Wahrheit · 1902-06-13 · Heft 23 (13.6.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 23 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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KMrr.-ungar. Cantoren-Mtnng. Ar. 23. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Ial,rg. Mir ersuchen Höstrchst um freundliche Einsendung der MounemenLsrückstände. __ Aie Administration. Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis «ach der Urfsrumtüm des IS. Jahrhunderts. Do« P, M i n k o w s k h, Obercantor der Brodher Gemeinde zu Odessa. VN. Schon filihzeitig bildete das Gebet einen Tbeil des Gottesdienstes, aber die meisten Gebete sind dennoch Produkte späterer Zeiten. Im Anfänge war die Tephila sehr kurz, nicht für Jeden obligatorisch, und es fehlte ihr auch eine universelle Form, so dass, abgesehen von einigen überlieferten Gebeten, die schon einigermaßen den Charakter einer pp nban hatten, jeder ad libitum, nach dem Bedürfnis seines Herzens') und der Notwendigkeit des Moments, eine Art men i£an betete. Hauptsache war der Opferculius, der schon im grauen Atterthum lange vor Ausbildung der Sprache im Volke tiefe Wurzel geschlagen hatte So war das Zelt in der Wüste wie auch der Mischkan zu Schilo blos ein Opferherd, und erst das Mrkdasch in Jerusalem ist auch als Bethaus rfran n'2 eingeweiht worden2). Kam irgend eine Noch, eine Seuche, eine Belagerung, eine Niederlage, oder mangelte es an Regen u. f. w. so wendete sich der Pöbel an einen angesehenen Repräsentanten, der als Nabi, Priester oder sonst als ein heiliger Mann bekannt war, damit derselbe neben den vielen Versöhnungsüpseru, die bei solchen Gelegenheiten geschlachtet wurden, auch ein kleines Gebet verrichte. Jedoch konnte auch jedes einzelne Individuum eine derartige Function nach Belieben ausüben So beeten außer Moses Pinchas 3) und Hanna 4), so sangen Miriam 5), Debora 6) und die Psalmisten der davidischen, hesekianischeu und makkabäischen Perioden. Ans diese Art vermehrte sich der heilige Stoff nach und nach, bis er zu einem bedeutenden Umfang anwuchs. Nur in der Zeit des ersten Tempels, als das Volk ganz und gar im Ochsenthum versunken war und für etwas Höheres kein Verständnis hatte, spielte die Tephila eine ganz untergeordnete j Rolle. Dieser Stand der Dinge konnte aber im zweiten Tempel, in Folge der früher erwähnten Ursachen, nicht weiter fortgesetzt werden. Der alte überlieferte synagogale Stoff, wie auch der neue, musste zu einem abgeschlossenen Ritus für ganz Israel fixirt und in verschiedene Titel vertheilt werden, von denen jeder, je nach Inhalt und Form einen anderen Namen erhielt 7) nfrnm xrnf'np n£>an maia üpnntonn nou nws Es war auch für jeden Theil des synagogalen Stoffes eine gewiffe Zeit des Jahres, des Monats, des Tages und der Stunde aus das genaueste präcistrt8). Damit machte die erste jüdische Synode den Anfang mit der ersten Ordnung ttd oder Reformation ppn der synagogalen Poesie, die ihren Abschluss mit dem Abschluss des Talmud fand. Die Leiter der 2) Bamidbar Rabba. Cap. IL 2) Weiß, vor dor v'dorsobov, Theil I. Cap. HI. 3) Talmud Sanhedrin, S. 82 und 44. Psalm, Cap. 110. ■*) Samuel I., Cap. I. 5) Genesis Cap. XV. . ’ «) Richter, Cap. V. 7) Talmud Berachoth S. 33. 8} Ibid. S. L .iwb. S. XXVL, Maimonides üilchoth Tephila Cap. I., auch Jerußcbalmiju Traktat Aoseb Hasebana. Cap. I-, Sukka e. 38., Taanith Cap, v. Restauration, die Votanleu der ersten großen Versammlung,welche ihr neues Heim und die Freiheit durch die Gnade der Völker zurück bekommen hatten, ,waren sich der schwachen politischen Lage ihres kleines Völkchens unter den Völkern wohl bewusst und da sie immer die Gefahr einer zweiten Volks katastrophe und der damit verbundenen Folgen für das ganze Jndeuthum nach dem Untergänge des Staates, des Tempels, des Opfercultus und der ganzen ceremoniösen Liturgie vor Augen hatten, verbreiteten sie nach und nach geistige Nahrung für das etwaige nächste Exil, damit die Exilanten nicht demielben Los, wie einst die 10 Stämme Israels anheimfielen. Und so wurden die Synagoge apv und die heilige Poesie indirect die gefährlichsten Gegner des großen Tempels nnd seines Opfercultus. Der Priester, der einst auch außer seiner Tempelfunction als einzige Autorität der Lehre gegolten hatte9), wurde ganz und ganz von dem Sofer abhängig. Er hatte, das Programm, welches der Sofer für ihn aufzustellen geruhte, auf das Genaueste auszuführen l0 *). Die Gebete dieser Zeit bestanden aus drei Theilen: aus alten überlieferten Gelegenheitsgebeten, die zu verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten von irgend Jemandem vorgetragen worden; ans zusammengesetzten Phrasen von verschiedenen Quellen, aus dem'Pentateuch, den Propheten und Hagiographen, die durch ein Verbindungswort airw oder tsnjip11) u. s. w. zusammengekettet wurden; und aus dem neuverfassten Stoff. Der erste Theil war naiv und objectiv; der zweite und besonders der dritte Theil" subjectiv und tendenziös. Außer dem religiösen und nationalen Geiste, der hier gepflegt wurde, inspirirten sie in ihren neu verfassten Gebeten einen Defensivkrieg zuerst gegen die griechisch-persische Cültur, und dann gegen die Sectanten der neuen Aera, die dem Judenthume des zweiten Tempels so viele Schläge versetzten und dasselbe beinahe zum Untergänge brachten. So enthält zum Beispiel un* nro einen Protest gegen die Zendische Docti'iu vom Dualismus des Ormnzd und Ahriman, wie auch die neunzehnte Eulogie, die Samuel Hakatan aus Befehl des Patriarchen Rabbr Gamliell2) (Gamliel war Enkel des ersten Hillel und Lehrer des Apostel Paulus13) verfasst hat u), eine Verwünschung gegen die Sectanten, die in der ersten Zeit der christlichen Epoche wie Pilze emparwnchseu, enthält. Fäst jeder der Tanaiten hielt es für seine Pflicht, ein kleines Gebet zu verfassen, welches nachher von der Synode canonisirt oder verworfen wurde. Rach dem Abschluss des Talmud gelangte die reichhaltige Liturgie zu einer neuen Krisis. Der altgewordene Gottesdienst mit seiner Drascha zeigte Symptome der Ermattung ,5), fortwährende Reibungen zwischen Rabbinen und Karäern verursachten im Volke Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, und überall war ein gewisses Sehnen nach Erfrischung zu bemerken. Um diesem Verlangen nachzukommen, entstand eine ganz neue Epoche von Paitanim, mit Janai und Kalir an der Spitze"), die eine sehr bedeutende Umwandlung ln der synagogalen Poesie hervorbrachte. Der Vortrag der Rabbinen mit ihren 9) LevitieuB, Cap. X., XIII. 10) Talmud Juma S. 18. 11) Zunz. Die synagogale Poesie. 12) Traktat Berachoth S. 28, Megilla S. 17, Tosifta Berachoth Cay. UI. 13) Apostel-Gesch. 22. 14) Wislicenus. Die Bibel für denkende Leser, Bd. II, €>.[245, 252. 15) Geigers nachgelassene Schriften. V 1«) Der synagogale Ritus, Zunz.

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