Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 23 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Die Dahrheü. Seite 9. Dolmetschern, die in der Entwicklungsepoche des Talmud sehr oft eme ansehnliche Zeit des Gottesdienstes für sich in Anspruch nahmen, war dem Publikum lästig geworden, dagegen wurde dessen reicher Inhalt in einer neuen Form (ava) gerne gehört. Poesie und Melodie wetteiferten miteinander, um den Inhalt der Halacha und Hagada durch Sang und Klang zu Verschönern. Nicht unbeeinflusst blieb die Synagoge von der arabischen Poesie, die in dieser Zeit unter der Herrschaft der Khalifeu ihren Höhepunkt erreichte, wie sie auch einigermaßen von der Kirche angespornt wurde, die seit Karl dem Großen, in der Epoche der Karolinger, eine . schwungvolle Poesie und ein Aufblühen der Musik in ihrer Liturgie bekundetet7). Rasch verzweigte sich der Piut in verschiedenen Formen, Gattungen und Benennungen, wie z. B. Jozer, Selicha, Pismon, Geulah, Sulath, Tochacha, Meorah, Keroba 2c. . . . Es wurde in jeder dieser Formen viel, vielleicht zu viel gearbeitet und mit aller Gewalt in die Liturgie hineingeschoben. Die Gemeinden, die bald des Guten zu viel hatten, geriethen dadurch in Conflict, da jede Gemeinde ihren Piut nach eigenem Geschmacke wählte. Aus der Freiheit der Wahl, die der Gemeinde ganz und gar überlassen war, resultirte ein vollkommener Bruch der Einigkeit innerhalb der jüdischen Liturgie. Wenn ein Durchreisender in eine ihm fremde Gemeinde kam, stand er ganz verblüfft während des Gottesdienstes inmitten der Synagoge, ohne die mindeste Ahnung davon zu haben, welcher liturgische Stoff hier gebraucht wurde. Sehr oft entstanden auch über einen neuen Piut Zänkereien in einer und derselben Gemeinde, die zur Störung der Andacht und zur Spaltung der Gemeinde führten. Um diesem Nebel ein Ende zu machen, sahen sich die Gemeinden gezwungen, an die Autorität der Gaonim zu appelliren. Saadija, Schrira, Amram, Rabbi Mosche Majora, Eliha Hasakan 2c. übernahmen die Einrichtung jener zweiten Ordnung oder Reformatio». Sie verfolgten jedoch einen ganz anderen Zweck als die erste große Synode. Jene suchten nach Möglichkeit den heiligen Stoff auszudehnen, diese aber — zu beschränken; jene wollten einen Vorrath von geistiger Nahrung für das arme Volk im Exil vorbereiten, diese aber suchten, die unermesslichen synagogalen Schätze des Volkes, die schon jetzt unverdaulich waren, und die in Zukunft für die Synagoge verhängnisvoll werden kpnnten, zu beschränken. _ „ (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. .(Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk. Sonntag, den 15. Juni 10 Uhr vormittags findet die erste Prüfung dieser Religions- und Bibelschule statt, wozu alle Freunde und Gönner eingeladen werden. Wien. Sonntag den 8. d. M. fand in dem neuerbauten Gotteshause des XX. Wiener Bezirkes, Kluckygafse, zum erstemnale eine solenne Confirmationsfeier statt, bei welcher 58 Mädchen unter Führung ihrer Religionslehrer, Dr. Oehler, Weiß und Faltischeck, den Eid der Glaudenstreue und des unentwegten Festhaltens an die angestammte geheiligte Religion leisteten. Der weihevolle Akt nahm folgenden Verlaus: Herr Obercantor Oesterreicher intonirte mit prächtiger Stimme, afsistirt von seinemausgezeichneten Chor, unter Orgelbegleitung das „Ma.towu“ worauf Herr Rabbiner Dr. Abeles aus dem III. Bezirk die Kanzel betrat, um. ^ine begeisterte und begeisternde Ansprache an das zahlreiche distinguirte Auditorium zu halten. Anknüpfend an' das bevorstehende Wochenfest citirte der Redner einen Midrasch, nach welchem Gott Bedenken trug, den Israeliten, die am Berge Sinai standen, das kostbare Kleinod „die Thora* anzuvertrauen, worauf die Israeliten riefen: , Unsere hier versammelten Frauen und Kinder sollen jür uns bürgen!* Dann wandte sich Dr. Abeles gegen die Anfechtung des Confirmationsbrauches bei den Mädchen. Ja! sagte er, früher, wo jede jüdische Behausung für sich ein Gott gerechtes Heiligthum bildete, war dies allerdings nicht nöthig; da empfing bas Kind im elterlichen Hause schon die mächtigsten unverwisch- 17) Ambros, Geschichte der Musik, Bd. Ü, S. 92. . Die Zeit der Karolinger. baren Eindrücke des Glaubens; heute aber ist es eine nnabweisliche Nothwendigkeit, der israelitischen Jugend au geweihter Stätte den Glau» benseid abzunehmen. Nach Ertheilung des Segens sprachen noch die Mädchen Goldner und Zimmer das Glaubensbekenntnis, woraus mit der Absingung des Liedes „Gepriesen sei die Stunde* die Feier ihren Abschluss fand. N. CH. Asaritzsdorf. Sonntag, den 3. d. fand im festlich decorirte« Tempel zu Floridsdorf die Trauung des Frl. Gisela Vodicka, Tochter des in der hiesigen Gemeinde hochgeachteten Herrn Ignaz Wodicka, mit Herrn Arnold Pollak, Kaufmann hierorts, statt. Dein Trauungsacte, den Bezirksrabbiner Dr. Rosenmann und Obercantor Löwy vollzogen, wohnten ein zahlreiches Publikum, sowie der Gesammtvorstaud der Cultusgemeinde nrit den Präsidenten Dr. König und Emanuel Grünwald bei. — Am selben Tage fand auch die Trauung des Frl. Jeni Hirsch, Tochter des Herrn Moritz Hirsch, mit Herrn Ingenieur Hugo Wertheim aus Maros Basarhely statt, wobei ebenfalls in Anwesenheit zahlreicher Hochzeitsgäste die genannten Functionäre sungirten. — In der am 15. Mai stattgehabten Plenarsitzung des Cultusvorstandes wurde der Vertrag des hier sehr beliebten Obereantors uni» Seeretärs, Herrn M. Löwy, erneuert und erhielt derselbe gleichzeitig eine entsprechende Gehaltsaufbesserung. Aspern a. A. Bor Kurzem führte der hiesige Religionslehrer Cantor I. L. Rabinowitsch seine Schüler zur Religionsprüfung vor dem Bezirksrabbiner Dr. Rosenmauu nach Floridsdorf, wobei ihm seine außerordentlichen Leistungen als Religionslehrer großen Erfolg brachten. Besonders überraschte der erst 9jährige Schüler Edmund Politzer, ein Enkel des hiesigen Vorstehers, Herrn Fabian Gallia. Herrn Lehrer Rabinowitsch wurde sowohl vom Herrn Dr. Rosen »rann als auch von Zeinen Mitgliedern besondere Anerkennung für seinedurch die aus gewiesenen Erfolge bewährte Unterrichtsmethode ausgesprochen. Presde«. Am 22. Mai feierte der verdienstvolle Obercantor und Lehrer der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde. Adolf Wolssohn, das silberne Ehejubiläum unter weitester Antheilnahme. Die Fülle von Verehrung, Liebe und Werthschätzung, die Herr und Frau Obercantor Wolssohn in der hiesigen Gemeinde im Lause der Zeit sich erworben haben, gelangte an diesem Tage zur deutlichen Ausprägung. In den Vormittagsstunden erschien Herr Rabbiner Dr. Winter und beglückwünschte das Silberpaar. In längerer, von warmer Empfindung getragener Ansprache feierte der hochgeschätzte Redner das Wirken und Schaffen des Ehepaares im Dienste der hiesigen Gemeinde. Herr Justizcath Gustav Mayer. Vorsteher der israelitischen Religionsgemeinde, sprach in herzlichen Worten den Glückwunsch der Gemeinde aus. Herr Oscar Lesser sprach namens des Synagogenvorstandes. Ein« silberne Fruchtschale mit Widmung wurde dem Jubelpaare als Geschenk der Gemeinde überreicht. Als Vertreter der hies. Fcaternitas-Loge erschienen der Präsident Dr. mvd. Alfred Cohn und der Vicepräsident Dr. med. Zimmermann und überreichten nach längererer, tief empfundener Ansprache eine» silbernen Pokal mit Widmung. Bis spät in den Nachmittagsstunden gingen dem Jubelpaare von allen Seiten Ehrungen zu. Möge es dem verehrten Jubelpaare noch lange vergönnt sein, in gleich segensreicher Weise wie bisher zu Nutz und Frommen seiner Gemeinde zu wirken. London. (Das Judenthum und der Liberalismus.) Die angesehene englische Vierteljahrsschrift ,Quarterly Review* schreibt in ihrer letzten Nummer in einem über „Zionismus und Antisemitismus^ handelnden Artikel: ..Wenn England in den letzten 40 Jahren fast allein unter allen Nationen die Standart« der Freiheit hochgehalten hat, so hat es dies theilweise den Juden zu danken, den Männern, die wie Moses Montefiore, David Salomons und Liouel Rothschild, mit beträchtlichen Opfern und nicht ihren persönlichen Boriheilen zuliebe die Standarte der Freiheit in die widerstrebenden Hände der britische» Conservativen drückten und ihnen das allumfassende Ideal der bürgerliche» Freiheit einflößten, für welches sie in Südafrika kämpften. Dies ist der historische Standpunkt und er enthält eine tiefe Leetion für die Zukunft. Russland, Rumänien und andere Länder sind in der Werthschätzung dev Segnungen der Freiheit viel mehr zurück, als England vor mehr als einem Jahrhundert war. und für denjenigen, der' die Geichichte studirt, ist es klar, dass die Juden das, was sie für England thaten, auch jetzt noch für andere Staaten zu thun haben." Aew-Hork In Rew-Orleans haben die diesjährigen Rabbinerconferenzen in Amerika begonnen. Aus der Tagesordnung standen außer den Referaten über verschiedene jüdische WohlsahrtSMMchtunge» einige Vorlesungen, welche auf die Wünsche und Bestrebungen der amerikanischen Juden ein sehr schiefes Licht werfen. De» größten Theil der Zeit nahm der Bortrag und die Discussion über „die Sabbathsrage-- in Anspruch. Den Vortag hielt der berühmte amerikanischer Resormrabbiner Vorsänger. Rabbiner I. Sale sprach über „die Bibel und das moderne Denken^ und Rabbiner L M. Franklin über ,<Ae me indethäligkrit außerhalb der Kanzel und Schute. -