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Die Wahrheit · 1902-06-06 · Heft 22 (6.6.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 22 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheu. Nr. 22. Sie, geehrter Herr, und der Präsident des Budapester, Zionistenveleiries geben sich, meiner Ansicht nach, einem wahrhaft idealen Streben hin, und die auch durch Sie vertretene verdienstvolle Weltbewegung verdient — ohne jeden Hintergedanken in Bezug uns Nationalität, Religion und Rare — die wirksamste Unterstützung eines jeden guten Menschen. Der ungarische Zionismus — und dies ist meine unerschütterliche Ueberzeugung — widerspricht nicht nur nicht der patriotischen Auffassung, der nationalen Empfindung der Ungarn, sondern gerade die magyarische Ritterlichkeit ist es eben, die es der ungarischen Judeuheit zur entschiedenen Pflicht macht, eine solche Sache zu unterstützen, die dem ungarischen Juden wohl eine Pflicht auferlegt, aber auf Nutzet! schon deshalb nicht rechnet, weil ja Ungarn zu jenen Ländern gehört, wo die Bürger jüdischer Confeffiou sich der verhältnismäßig größten Freiheit erfreuen. Dies, geehrter Herr,, ist meine Auffassung von der segensreichen Beschaffenheit des Zionismus. Ich begrüße Sie als einen der emsigen und unermüdlichen Arbeiter an dieser großartigen Bewegung und bin, Ihnen viel Glück, Ausdauer und Erfolg wünschend Ihr Sie achtender Budapest, 27. Mai 1902. A r m i n B ü m b v r y. Die Eutwicktuag der synagogalen Liturgie bis nach der Reformatio» des 19. Jahrhunderts. Von P. Minkowsky, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. VI. Nach der Rückkehr aus Babylonien und der Restauration des zweiten Tempels gesellte sich zu dem Religiösen ein nationaler Geist, der bis dahin ganz im Dunkeln geschlummert hatte und jetzt aufgeweckt, zur Schmälerung der alten religiösen Conception beitrug. Die Ursache dieser neuen Erscheinung lag sicherlich in den bitteren Erfahrungen, die das alte Judenthum unter der alten Verfaffung von dem erstell Exil durchgemacht hat, und in welcher die Führer der neuen Gemeinde die Hauprursache der vergangenen Volkskalastrophe sahen. Das. religiöse . Ideal, das mit dem Abrahamismus das Licht der Welt erblickte*), mit dem Mosaismus fortgepflanzt und geordnet wurde und zuletzt durch die Propheten sich gar zu einer Abstraktion verklärt hatte, erwies sich nachher als zu expansiv und fast unausführbar. Der Aürahamismus, >.der die Initiative zu einer Subordination aller Götter unter die Hegemonie des „Laune schomajim woorez“ gab, der Mofaismus, der alle Religionen unter der Jahvereligion unterorcmete und das jüdische Volk als Priester zwischen den anderen Völkern gefetzt har, und besonders das Prophetenthum, das den Juden die hohe Mission auferlegte, das Licht der Völker zu fein (veKojiskv Isaur gojim), brachten einen gewissen Kosmopolitismus mit sich, der jede Minute den Monotheismus aufzulösen drohte. Um fein hohes Ideal zu verwirklichen, musste das alte Judenthum immer qualitativ fortschreiten. Die Schaffung einer himmlischen und irdischen Weltherrschaft für Jahve forderte unbedingt einen Eifer für Proselytenhascherei, eine Seelenjagb (wie bei beu Katholiken nachher) und eine numerische Ueberlegeuheii. Die erste Spur dieser Bekehrungsmission finde» wir schon in Mesopotomien bei den ersten Abrahamisten 2). Und auch Moses fchleppre zu diesem Zweck eine Masse Milchvolk (21 215) aus Aegypten mir sich 3). So wurde dann der Tempet zu Jerusalem als ein internationaler Sammelplatz für Juden und Heiden ausgerichtet^). Das ganze alte Judenthum äußerte sich 9 lieber den Abrahamismus und Mosaismus s. Briefe Luzzatto's an Regio Gerazio, übersetzt im „Hapardes“ HL Odessa von A. Kahane. *} Genesis Cap. XII. Traktat Sanhedrin 8. 92. Abodah Sarah. 8. 9 Schemoth Rabba Cap. 39. 2) Exodus Cap. XII. Siehe dort Raachi unb Iben Esrah. <) Könige, Gap. 8. 23. in allen seinen Details und Nuancen in dem Gebete, welches Salamon M der Einweihung des ersten Tempels vorgetragen hat. Däs GeVet. lautet nämlich so: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott, weder droben im Himmel noch. unten auf Erden, der .... . Wenn auch ein Fremder nicht deines Volkes Israel ist, kommt aus fernem Laude um deines Namens Willen, so wollest du hören im Himmel, im Sitze deiner Wohnung, und thun Alles, darum der Fremde dich anruft; aus dass alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, dass sie auch dich fürchten wie bein Volk Israel rc. . . .5 6) Auch der Prophet Jesaja spricht - in diesem Sinne, indem er sagt: „Und der Fremde, der zum Herrn sich gethan hat, soll nicht sagen: Der Herr wird mich scheiden von seinem Volk . . . Die Fremdlinge, die sich an Jahve anschließen, um ihm zu dienen uub Jahves Namen zu lieben und seine Knechte zu sein . . . die bringe ich zu meinem Heilgen Berge und lasse sie fröhlich sein ... in meinen Bethaus; ihre Brandopser imb Schlachtopfer sind wohlgefällig ani meinem Altar, denn mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker genannt. Das war das hohe Ideal/nach dem das alte Judemhum strebte, das es aber fast nie erreicht hat! Der Monotheismus war im Volte noch zu schwach, als dass er sich gar der Ideale der anderen Völker bemächtigen konnte, vielmehr wurde er selbst durch die Berührung mit fremden Cnlturen jedesmal entkräftet und im Kampfe besiegt. Nicht nur im Volke war dieses hohe Ideal schwankend, sondern auch die meisten Könige der beiden Reiche inclusive Salomo .in den letzten Tagen seiner Regierung wurden, anstatt zu bekehren, selbst zum Götzendienst bekehrt. Auch trug der zeremonielle priesterliche Gottesdienst mit dem Opferkultus mehr zur Verdummung als zur geistigen Hebung des Volkes bei. Zwischen den beiden Extremen des allzu abstrakten Provheteilthum und des allzu concreten Priesterthum standen die Psalmen und Gesänge Davids als Medium, als Vermittler zwischen Geist und Sinn. Und darum hat die mindeste Abweichung von ven Davidischen. Gesängen im Tempel oder die Entweihung der Tempelinstrumente im Dienste des profanen Volksliedes den Groll der Propheten und aller fromm gesinnten Juden hervorgerufen. Die Propheten, denen der Opsercultns ein Dorn im Auge lvar, wurden selbst zu Protektoren des besseren Theils der Liturgie, der Poesie und Musik. Durch diese Erfahrung belehrt, sahen sich die Leiter der Zurückgekehrten gezwungen, dem neuen Judenthnm eine ganz andere Richtung zu geben, die die ' itte einhalten ' sollte zwischen dem unerreichbaren Ideal der Propheten und dem allzu tief stehenden Cultus der Priester. Das Religiöse, im Sinne des alten Judenthums, musste unbedingt limitirt werden, um das Nationale anfblühen zu lassen. Esra, Serubabel, . Nehemja und alle Vorsteher der netten Gemeinde gehen nicht darauf aus, Weltbekehrungen für ihre Religion und Proselyten für ihren Glaubeit zu machen, fern ist es von ihnen, ihren Jahve, den sie blos als „Elohim schomajim“ tituliren, den anderen Völkern auszubürden. Ihre jetzige Angabe ist mehr qualitativ denn quantitativ. Jahve soll sich vorläufig blos als nationaler jüdischer Gott begnügen, dafür aber, soll das Volk Israel seinem Gott näher treten, und das neue Judenthum, anstatt eine unausführbare Extensität anzustreben, mehr iuteustv sich entwickeln. Nicht nur dass sie keinen „Erew Rawa aus Babylonien, wie einst ausj Aegypten mit sich schleppten; nicht blos, dass sie sich weigerten, die Samaritaner, die den Gott * Israels zu bekennen Anspruch erhoben, in ihrem Bunde aufzunehmen, wie ihre Antwort lautet:7) „Nicht euch und uns ziemt es, das Haus tmseres Gottes zu bauen, sondern wir zusammen wollen bauen Jahve, dem Gotte Israels so wie uns gebotenKoresch, der König von Persien'" — sondern sie unternahmen 5) Jbid. 6) Jesaja Cap. 56 7) Jbid, Cap. 4.

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