Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 21 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 21. Eine höhere religiöse Meinung über die Musik konnten auch weder die Juden der alten Zeit noch die Katholiken der Ipäteren Zeit gehabt haben. Dass Luther aber den,roch das. Religiöse dem Nationalen untergeordnet wissen wollte, ersehen wir aus einem anderen Ausspruche. «Ich wollte heute gern eine deutsche Messe haben — so äußerte sich Luther — ich gehe auch damit um; aber ich wollte gern, dass sie eine rechte deutsche Art hätte. Denn, dass man den lateinischen Text verdolmetscht und dazu lateinischen Ton oder Noten behält, lasse ich zwar geschehen, aber es lautet nicht artig noch rechtschaffen. Es muß muß Beides, Text und Noten, Accent, Weise und' Geberde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen, sonst ist alles ein Nachahmen, wie die Affen thun!" l) Wenn nur unsere Rabbiner und Cantoren unseren woderneu Gottesdienst in diesem Geiste reformirt hätten! Da wir nun mit dem Charakter der katholischen und lutherischen Liturgie näher bekannt geworden sind, wird unsere Aufgabe, die jüdische Liturgie in ihrer Entwickelung bis zur Reformation des 19. Jahrhunderts und in ihrer gegenwärtigen Situation am Anfänge des 20. Säculums zu analysiren, viel leichter werden. Bevor aber wir zur eingehenden Besprechung der jüdischen Liturgie gelangen, müssen wir einen allgemeinen geschichtlichen Rückblick machen, um zu sehen, wie sich überhaupt das Judenthum zu den beiden erwähnten Gründen gestellt hat. Lange bevor die Juden noch die mindeste Ahnung von einer nationalen Idee hatten, machte sich schon die religiöse Idee bei ihnen auf Tritt und Schritt sehr wesentlich bemerkbar, und darin ist eine Eigenthümlichkeit der Juden, die sie zu einem besonderen Volke unter den Völkern stempelt, zu finden. Die Genesis des Abrahamismns war zugleich die Genesis des Monotheismus. Die Anerkeuuuug Jehovas als einig einzigen Gott wurde zur Vorbedingung für die Verheißung des zukünftigen Nationalismus gestellt, so dass ohne dieses Credo ihr Nationalismus grund- und zwecklos geworden wäre. Erst das monorheistifche Axiom ihrer Gottheit unter den Göttern verlieh ihnen ihre idiomatische Völksthümlichkeit unter den Völkern. In ihren Phylakterien musste zuerst das fjtf eingeprägt werden, um nachher das TB* 2P in die Phylakterien Gottes einzuschieben. 2j Bevor sie ihr nationales Ideal unter dem Scepter Davids und Salomos erreichten, mussten sie erst durch einige Jahrhunderte religiös erzogen werden Und darum ist es kein Wunder, dass in ihren Liedern, wie überhaupt in der Poesie der heiligen Schrift, mit Ausnahme des rein menschlichen Klageliedes David's über den Tod Saul's und Jonathan's 3), immer das Religiöse hervortritt; wie es auch nicht auffällig erscheinen kann, dass die Pflege der Musik, die Juterpretatiou der religiösen Poesie, bei den alten Hebräern immer mehr Gottesdienst als Kunst gewesen ist, näher der Theologie als der Arithmetik, wie es Luther richtig aufgefasst hat. Auch das primitive jüdische Volkslied jener Zeit konnte keineswegs mit den Volksliedern der anderen Völker verglichen werden, weil es immer den Charakter des Glaubens, aber nicht des Lebens in sich trug. Die Heldenthaten Abrahams, Noahs, Moses, Pinchas, Josuas, Samsons, Gideons. Davids u. s. w. konnten daher keinen jüdischen Homer für sich begeistern, wie die Heldenthaten Agamemuons, Achilles, Hektars, Odysseus u. s. w. Ihre alten Lieder aus dem Buche «8eker Hajasehar“ 4) und die Geschichte der berühmten Heldenthaten der jüdischen. Kriege aus dem Buche ^8eker Nilettamottt Adonai“ 5) enthielten mehr Lobgesänge Gottes, denn der Helden, weil Jahve allein, der auch der Kriegesgott ist, alle Siegespreise gehören. In der Epoche des nationalen Glückes, während der Zeit, als neben dem Tempelgesang auch ein Volkslied im profanen Leben nach Muster der phönizischen Völker unter den Juden 1) Idiot. Bd. I., S. 421. a) Trakt- Berachoth S. 6. s) G. A. Wislicenus, Die Bibel für denkende Leser. Bd. I., S. 326. *) 1VN tdd oder T»n tdd Dr. Ewald'» «Geschichte des Volkes Israel“. 2) Ibiä. auch The Historical Poetry of the ancient Hebrews. By Michael Heilprin. Yolume L sich zu entwickeln begann, fand es gleich Missbehagen und Ironie bei den Propheten3). Die Letzteren hatten einen zu hohen Begriff von der Sublimität der Nusioa saora, die im Dienste ihrer Theologie stand, und von den Instrumenten, die zur Begeisterung der Propheten und Begleitung der Psalmen dienten, um sie auch nur einen Moment der Entweihung der Lebenslustigen preis zu geben. Da aber die monotheistische Conception in ihren extensiven Form nicht so leicht der Masse verständlich werden konnte und darum in der Epoche des ersten Tempels keine allgemeine Sanction beim Volke gefunden hatte, so dass neben Jahve auch allerhand Götzen angebetet wurden, wechselte auch der Gesang, wie der Barometer, mit dem Wechsel der Götter. Trat ein heidnischgesinuter König auf, ersetzten Apistänze4) uud lärmende Gesänge nach egyptischem. Muster, oder Ado'nisklagen und Baalelegien nach phönizischem Vorbild den frommen Davidischen Gesang. Kam aber ein König ans Ruder, der mosaisch durchdrungen war und die Pnrisication des Tempels durch führte, dann blühte der reine Davidische Gesang aufs Neue wieder aus. (Fortsetzung folgt.) Äus der Wiener EulluLgemeinde. (Plenarsitzung des Vorstandes vom 25. Mai 1902, unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Klinger. Beginn der Sitzung um 10 Uhr vormittags). Im Einlaufe wird bekanntgegeben an Spenden: Von Herrn Theodor Ritter von Taussig, anlässlich der Vermählung seiner Tochter, für die israelitische Armenanstalt 300 K., für das israelitijche Blindeninstitut 300 K., für den israelitischen Frauenverein 300 K., für das israelitische Taubstummeninstitilt 100 K., für die TalmudTyoraschule 100 K., für den Verein „Fraueuhort" 100 K., für die israelitische Kinderbewahraustalt 100 K., für den israelitischen Waijenverein 100 K., für den israelitischen Mädchen-Unterstützungsverein 100 K-, für die israelitische Volksküche 100 K., für den israelitischen Handwelkervelein 100 K.. für den „Theresiell-Krenzervereill" 100 K.^ für den Verein «Ferienheim" 100 K., für arme Bräute 100 K., in Summa 2000 K. Von Herrn Moriz Edlen uou Kuffiier, anlässlich der Sterbetage feiner Eltern, für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes 440 K.. anlässlich der Peffachfeierlage für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes 400 K. Von der. „Chewra-Kadlicha" für den XVI. und XVII. Bezirk, für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes 200 K. Von Herrn Philipp Frankl, für Anne 200 K Vpil Frau Rosalie Winter, für Arme 100 K. Von der Firma Brüder Hesky, für Arme im XVI. Bezirk 10 K., für Arme im XX. Bezirk 10 K., zur Beköstigung armer Schulkinder im XV. Bezirk 10 K., im XX. Bezirk 10 K., für zehn arme Männer im israelitischen Versorgungshanse auf Tabak 10 K>, in Summa 50 K. Von Frau Sarah von Stern, Erlös für die Weitervelmiethnng ihres Besitzes, rür die iiraelitiiche Kiiiderbetvahranstalt 20 K. Von Frau Philip.'ine Samion, als Erlös für die Weitervermiethunq ihres Besitzes, für das israelitische Blilldeninstttut 30 K. Von der. Firma Wilhelm Brückner u. Co., für Arme 10 K. Von He-in N. Hoffmann, für einen armen Studenten 10 K. Von Frau Hel, ue Neurath, für eine Insassin oes Siechenhauses 10 K. Bon Herrn kaif. Rath Wilhelm Pollak, anlässlich des Prssachseltes, Wein für Arme der Bezirke XII bis XV. Von Herrn Moritz Weiß,.anlässlich des Pesfachfestes Wein für Alme der 'Bezirke XII bis XV. Von Herrn Dr. Alfred Berger, Rauchrequisiten für das israelitische Alters- Ver-orgungshaus. Von Frau Josef Toffler, Kleidungsstücke für das ij-.aelrusche Altersversorgungshaus. Von Frau Rosalia Goldschmidt, B ltelttrichlullgsgegenstättde für das israelitische Altersverjorgnttgshaus. 3) Jesaj. Cap. V. Arnos Cap. VI. Auch G. A. Wislicenus «Die Bibel für denkende Leser . Äd. I S. 244. 0 Rrch. Boß Der Tanz und seine Geschichte“. Berlin 1861. Auch Swoboda «Jllustrrrre Musikgeschichte“.