Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-05-23 · Heft 20 (23.5.1902) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 20 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063133--01924-3068556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 20. Me Dahrhett. Seite 5. Tmtglieben», 1. Secretär Dr. Lieben und Secretär Dr. Adler -mit zahlreichen Beamten der Cultusgemeinde, der Generaldirektor der Donau-Dampfschiffahns-Gesellschaft Hofrath Ritter won Uttmann, der Direktor des Erzherzog Rainer Gymnasiums im 2. Bezirke, Leopold Eysert, Professor Dr. Conrad Kirfchner, der Rector des theol. Seminaes Dr. Schwarz, fast sämmtliche Rabbiner und Religionslehrer Wiens, die Vertretungen zahlreicher Tempel- und humanitärer Vereine rc. Der Knabenchor des Max Freiherrn v. Springer'scheu Waisenhauses sang ein; Traue, lied, worauf Obercantor Jurberger, vom verstärkten S Tempelchor begleitet, einen Trauerpsalm anstimmte. Rabbiner! T>r. Schmiedl hielt sodann seinem Amtsnachfolger einen tiefempfundenen Nachruf, und hierauf wurde die Leiche, nach Beendigung der Trauerfeier im Tempel, nach dem Centralfriedhofe I überführt. In der Ceremonienhalle sprachen Oberrabbiner Dr. Güdemaun, der die hohen Tugenden des Verblichenen rühmte, ferner Dr. Langfelder namens der Mittelschullehrer, Obmann Steiner namens des Bethausvorstandes in Fünfhaus, rmd Lehrer Wiesner in Vertretung der Fünfhauser Talmud- Thora, welcher Dr. Wolf seine besondere Sorgfalt zugewendet hat. Das ausgezeichnete hingebungsvolle, im Dienste der Religion geheiligte Wirken des Verblichenen wird im Andenken der Wiener Cultusgemeinde stets hochgehalten werden, rmtyn Weshalb hat die Chewra-Kadischa dr« Namen „Heiliger Verein"? Diese Frage suchte Dr. Biach, Rabbiner und Prediger in Brüx, in einer Rede zn beantworten, die er bei der gottesdienstlichen Vorfeier der Gelieralversammlung der „Chewra- Kadischa" und „Chewras-Noschim" gehalten hat und der wir folgendes entnehmen: Heilig ist die Majestät des Todes, und wer auch sonst chocheu mag auf Geld und Gut, auf Wissen und Macht, auf Ruhm und Ehre, — vor der Majestät des Todes muß schweigen jede Hoffart und jeder Stolz sich beugen. Gleichwohl können wir bei Bekennern anderer Religionen gar oft sehen, wie selbst im Tode noch dem Armen die Armuth folgt, lvährend den Reichbegüterten Glanz und Pracht zum Grabe geleiten, bis erst dort die Mutter Erde still und lautlos ans der Tiefe flüstert: „Ich kenne keinen Unterschied» wir sind Alle gleich, hier hört auf jeder Glanz, hier schwindet jede Pracht". Wir Söhne des jüdischen Stammes aber dürfen rühmend von uns sagen, und höher darf das Herz uns bei dem Gedanken schlagen: Die „Chewra-Kadischa" im Judenthume kennt keinen Unterschied zwischen Arm und Reich; in einfacher, aber würdiger Weise werden Jedem, ob Fürst oder Bettler, die letzten Ehren erwiesen, und keinen Vorzug geriießt der Reichbegüterte vor dem, der mit des Lebens Noth gerungen und als Charakter sich bewährt hat. Darum darf wohl in erster Linie die „Chewra-Kadischa" ein heiliger Verein genannt werden. Doch die „Chewra-Kadischa", wie der wohlthätige Frauenverein, der sich dieselben Ziele gesetzt, widmen ihre aufopferungsvolle Thätigkeit nicht allein den Todten, sondern auch den Lebenden, die mit Kummer, Noth und Sorge stets zu kämpfen haben. ^Oui choschub kemeth“. „Der Arme", so sagen unsere Waisen, „ist einem lebendig Todten zu vergleichen." Ja der Arme, der noch einen Funken Selbstgefühl besitzt, ist ein lebendig Todter, denn er zittert davor, dass der Gifthauch der Armuth fein Selbstgefühl vernichten und zerstören könnte. Solch' würdigen Armen, die Todten zu vergleichen sind, wieder neues Leben einzuhauchen, das ist die heilige Ausgabe der „Chewra- Kadischa" und der „Chewras-Noschim". Wenn einer der bedeutendsten modernen Dichter (Tolstoi) erklärt: „Nicht Almosen schulden wir dem Armen, sondern persönliche Theilnahme", so hat er damit nur ein Wort ausgesprochen, das der jüdische Prophet vor Jahrtausenden verkündet hat: „wesofek leroew nafscheclio.“ „D eine Seele mußt Du theilen mit dem Hungrigen und dem Darbenden". Und weil die „Chewra- Kadischa" und der wohlthätige Frauenverein diese heilige Ausgabe haben, sich in die Seele des Bedürftigen hinein zu versetzen und den lebendig Todten neues Leben durch echte und innige Nächstenliebe einzuhanchen, darum führen sie den Name» „Heilige Vereine". . Die Entwicklung der synagozalen Liturgie bis nach der Nesorinalion des 18. Jahrhunderts. Von P. Minkowsky, Obercantor der Brodher Gemeinde zu Odessa IV. Wie bekannt, lag eine der Ha »ptursachen der Gründung des Christenthums in der stetigen Zunahme einer Kastenentwicklung des jüdischen Volkes und der Abstufung der einzelnen Tbeile in Classen nach römischer Manier, die mit dem Aufblühen des Talmud Hand in Hand ging. Das biblische Indenlhum des ersten, und noch mehr des zweiten Tempels, nachdem es durch die öffentliche»» Vorlesungen unter dem Volke stark verbreitet worden war, kannte feine andere Furcht außer der Furcht Gottes. Zwar machte sich neben dem religiösem Geiste des alten Judenthums durch Ena, Nehemja und Serubadel auch ein nationaler Geist in den Verhältnißen der Juden zu den Heiden nach Außen gellend, aber im Junerert wurden durch die Offenbarungen der Bibel und der Propheten auch dem gemeine»» Volke die strengsten demokratischen Prinzipien gelehrt. Diese Thalsache fiubet erst dann die richtige Würdigung, »venn wir die diesbezüglichen Berhältniße bei den alten Völkern der damaligen Epoche i.n Betracht ziehen. Das Aufblühen des Talmud brachte nun eine Kluft in die Egalität des Volkes, eine Scheidltng nach Classen, eine überladene schrvulstige Titulatur, eine Ueberhebung der Gelehrten gegen den Pöbel, kurz, eine Furcht vor dein „Talmud chacham" lvie vor Gott. Durch den Talm»»d bildete sich eine in Classen getheilte synodale Aristokratie ar»s, die alles ^Geistige nicht wie EsraZ unter dem Volke verbreitete, so»»dern in tiefer orientalischer Abgeschlossenheit, wie einst die Priester in Egypten und die Rischi in Indien es thaten, für sich behielt, un» dadurch ihre Gesetze von der Höhe dem untergeordneten Volke ohne Appell dictireu zu können. Sie schufen nach und nach eine abfolute Diktatur der Gelehrten über das Volk. Haben schon Jes»»s und die Apostel nicht genug Worte der Verachtung finde»» können gegen die Aristokratie des Geldes, gegen die Besitzer der Wechseltifche in» Hofe des Tempels '), , gegen das Aus schreien der Spenden beiin öffentlichen Gottesdienste * 2) und alle übrigen Seuchen, an »velchen da^ damalige J»lde»»thu»n krankte; so tvendete ihr Tadel sich noch dhr gegen den Stolz .der religiösen Aristokratie, gege»» die »»nbeschrärlkte Hegelnonie der geistigen Patrizier, nämlich der Pharisäer (die „Abgesonderte»»"). Wie die Propheten der alten Zeit gegen das ceremouielle Judenthum der Priester und die Missbräuche der despotischen Könige demonstrirt haben, so traren jetzt die Evangelisten gege»» das dogmatische Jlldenthum, die Buchstabenzähler oder Schreiber (anaio) und gegen die unbeschränkte Gelvalt der Abgesonderten (a'LNiL) a»»f. Die Waffen »»»»»ssten den Buchstäblern (nach der Meinung der Evangelisten) »»»»bedingt entrissen »oerden, damit auch die Buchstabenhelden ihre Autorität beim Volke einbüßen sollen. „Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde — so lassen das erste uns dritte Evangrliuin Jesu sprechen — dass Du dieses vor den Weise»» und Klugen verborgen und den Uninündigen offenbart hast" 3) In demselben Sinne spricht sich auch Paul»»s in seiner ersten Epistel au die Corinther (Cor. 1, 26) aus, er sagte »»ämlich: „Setzt an beide Brüder, euer»» Beruf, dass es nicht viele nach dern Fleische sind, nicht viele Mächtige, »»icht viele Vornehme, so»»dern das Thörichte der Welt hat Gott erwählt, dainit er die Weisen beschäine; und das Schwache der Welt hat Gott ge»vählt, damit er die Starken beschäme." Um zu ihrein Ziele zn gelangen. *) Matth. Cap. VI. *) Das Leben Jesu, S. 81, Renan. 3) Matth. Cap. XI, 25.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.