Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 20 (23.5.1902)
- Date
- 1902-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. 9tr. 20. liebeln, als auch der Staat, welcher für Strafanstalten und Eorrektionshäuser Millionen auszuwenden gezwungen ist, von Dielen Kosten verschont bliebe und letzterer die Interessen der öffentlichen Moral, der Volkswirthschast und der Volkserziehung Diel wirksamer fördern würde, wenn er das Gebiet der Prae- Dentiou betretend, zur Rettung tausender, schutzlos dem Verderben Preis gegebener armer Gewerbelehrlinge, in den Jndustriecentren die Errichtung von Lehrlingsasylen initiiren würde, deren Erhall ungskosteu durch die Lohnveträge der ausgeuommenen Lehrlinge, durch Strafgelder, Beiträge der Gesellschaft und durch Ersparniße bei den Gesaugeuenhäusern reichliche Deckung fänden, wobei auch der Staat den Großindustriellen und Jndustrienternehmungeu ein nachahmeuswerthes Beispiel geben würde. Auch im Laufe des Vorjahres ward den Zöglingen des Lehrlingsasyls, das mit Rücksicht auf die beschränkten Mittel des Vereines gegenwärtig blos 40 Zöglinge beherbergt, die gütige Fürsorge des Damencomites zu Theil. Dieses Comite hat seiner Aufgabe entsprechend, sich mit den Haushaltungs- Angelegenheiten des Lehrlingsasyls eingehend beschäftigt und auch für dessen Insassen liebevoll Sorge getragen, indem es dieselben an Soun- und Feiertagen zu Tische lud, an den .Ehanuka- und Purimfesten die gesammte 370 Köpfe zählende Zöglingsschaar bewirthete und mit verschiedenen nützlichen Geschenken erfreule. Die Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin, die Pflege des religiösen und palriotischeu Geistes, sowohl"im Lehrtiugsasyl als auch unter den exlernen Zöglingen, bildet einen Gegenstand beständiger Fürsorge der Vereinsleitung, wobei der würdige Lehrkörper der vierklafsigen Religionsschule und der im Institute zur Aufsichtsführung angestellte Lehrer pflichte!frigst mitthätig ist. Der Verein, welcher seine philantropischen Ziele vom Beginne mit kulturellen Bestrebungen verband und auch schon in seinen im Jahre 1842 verfassten Statuten von seinen Handwerkszöglingelt die Kenntnis der Elementarschul-Gegenstände forderte, hat dem Fortschritte der Neuzeit gemäß das Bestreben bekundet, seine kulturelle Tendenz immer mehr zur Geltung zu bringen und durch beffere Ausbildung von intelligenteren Elementen an der Hebung des intellektuellen Niveau's der vaterländischen Gewerbetreibendelt kräftig mitzuarbeiteu. Demgemäß wird bei der Aufnahme der Handwerkszögliuge außer den Gesichtspunkten der Wohlthätigkeit, auch auf bessere Schulbildung und intellektuelle Qualiflkation Gervicht gelegt und dadurch erzielt, dass der größere Theil unserer Handwerkszögliuge aus der Bürger- und Mittelschule hervorgeht und im Besitze einer entsprechenden Intelligenz auch beim Handwerke ein höheres Niveau anstrebt. Zur Unterstützung dieser Bestrebungen unserer Handwerkszöglinge dienen die Vereinstipendien, mit denen wir die Ausbildung von besser befähigten Jünglingen in den Gewerbe-Fachschulen zu fördern trachten. Von den Handwerkszöglingen des Vereines haben im Laufe des Vorjahres 82 ihre Lehrzeit beendet und sind als fachkundige arbeitskräftige Jünglinge ins Leben hinausgetreten. Leider hat die vorjährige Arbeitslosigkeit manchen derselben schon am Beginne feiner Laufbahn in eine kritische Lage gebracht, in welchen wir ihnen nach Kräften Hilfe leisteten, indem wir mehreren derselben durch Empfehlungen zu Arbeit verhalsen oder ihnen mit Reisespesen und zeitweiliger Geldunterstützung behilflich waren. Die Stagnation des Gewerbes und überhaupt die für Kleingewerbetreibenden ungünstigen Berhältniße haben unseren Verein bei der Unterstützung angehender Meister behufs ihrer selbstständigen Etablirung zu einer größeren Enthaltsamkeit bewogen, so dass wir die diesem Zwecke gewidmeten Zinsen der Markus und Babette Pollak'schen, wie auch der Emilie Singer'schen ^Stiftung im verflossenen Jahre nur zum Theile verausgabten und blos 6 Meistern (1 Ledergalanteriearbeiter, 1 Zahntechniker, 2 Tapezierer und 2 Schlosser) insgesammt 3600 Kronen zur Einrichtung^ihrer Werkstätten bewilligten, die nicht vertheilteu Zinsen aber zur Vermehrung der Stistungsfonds verwendet haben. Indem wir im Obigen ein Bild unserer, die Heranbildung von Handwerkern bezweckenden Thätigkeit geboten, fühlen wir uns veranlasst, unserer Ueberzeugung Ausdruck zu verleihen, dass mit Rücksicht auf-die gegenwärtige Gestaltung der Gewerbeverhältniße die wohlthätige und culturelle Tendenz unserer auf diesem Gebiete entwickelten Thätigkeit nur dann zur vollen Geltung gelangen wird, insbesoudere dass wir an.dendem Handwerk zugeführten Kindern nur daun eine wirkliche Wohlthat ausüben und hiedurch der vaterländischen Industrie und der nationalen Cultur nur dann einen wahrhaften Dienst erweisen werden, wenn wir durch eine erhöhte Sorgfalt bei der Auswahl des Kindermaterials sowie der Berufsbestimmung, durch eine bessere physische und moralische Fürsorge arbeitskräftigere, intellegentere und besser ausgebildete Arbeiterelemente erziehen. Hierin, vorzüglich in der Qualifikation, in der Erhöhung des moralischen und intellektuellen Niveaus unserer Zöglinge, suchen wir auf dem Gebiete der Handwerkerausbildung die neue Mission unseres Vereines." l Ir. Jonathan Wolf. I Montag, den 19. d. ist der Rabbiner der Wiener Cultusgemeinde und Jnspector des israelitischen Religionsunterrichtes für die Wiener Mittelschulen, Dr. Jonathan Wolf, nach schwerem Leiden im 62. Lebensjahre gestorben. Von reinstem Idealismus beseelt und mit seltener Gemüthstiefe begabt, war der Verblichene für den Beruf eines jüdischen Religionslehrers geradezu wie geschaffen, und wie er es einerseits verstand, durch sein zu Herzen dringendes Wort in der jüdischen Jugend die Liebe zum Judenthume zu erwecken, so hat er anderseits durch seine edle Gesinnung, durch die erhabene Auffassung seines Berufes und durch seine mustergisti ge Lebensführung den Stand der jüdischen Religionslehrer gehoben und zu Ehren gebracht. So wirkte Dr. Jonathan Wolf mehr als dreißig Jahre in der Wiener Cultnsgemeinde zuerst als Religionsprofessor und später als Jnspector für den Religionsunterricht, und als er vor mehr als einem Decennium vom Katheder auf die Kanzel stieg, war es nicht profunde Gelehrsamkeit und glänzende Beredtsamkeit, die die Gemeinde an seinen Vortrag bannte, sondern seil» vornehmes, abgeklärtes und sriedeathmendes Wesen, das ihm Aller Herzen eroberte, und seine nimmermüde, von hohem Pflichtbewusstsein getragene Arbeitskraft, die ihm allseitige Hochachtung und Anerkennung brachte. Als Dr. Jellinek den Bürden seines Amtes nicht mehr gewachsen war, wurde ihm Dr. Jonathan Wolf als Stellvertreter zur Seite gegeben, und es mag wohl dem Verblichenen als Krönung seines Lebensganges erschienen sein, Jahre hindurch, und auch einige Zeit nach dem Ableben Jellineks, an der vornehmsten Stätte der Wiener Cultnsgemeinde, in der Seitenstättensynagoge, wo Mannheimer und Jellinek zahllose rednerische'Triumphe feierten, mit dem Aufwande seiner ganzen gewinnenden Persönlichkeit wirken zu können. Nach dem Amtsantritte Dr. Güdemanns im Tempel der inneren Stadt wurde Dr. Wolf als Prediger und Rabbiner nach Fünfhaus berufen, woselbst er durch acht Jahre neben der Jnspection des Religionsunterichtes an den Mittelschulen, die an und für sich allein schon die Arbeitskraft eines ganzen Mannes absorbirte, das seelsorgliche Amt iu ausgezeichneter Weise verwaltete. Ein schweres Leiden hat den edlen Mann frühzeitig ins Grab gebracht und er fftarb, wie Rabbiner Dr. Schmiedl in seinem dem Verblichenen gewidmeten Nachrufe treffend bemerkte, als frommer Dulder, über dessen Lippen nie Klagen kamen, bis ihn der Tod erlöste. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch, den 21. ds. Mts. unter überaus zahlreicher Theilnahme statt. Die Leiche war im israel. Tempel, Fünfhaus, Turnergasse 22, aufgebahrt. Hier waren anwesend: . Der Präsident der Cultnsgemeinde, kais. Rath Heinrich Klinger, mit den beiden Vicepräsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav Kohn und fast sämmtlichen Vorstands-