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Die Wahrheit · 1902-05-23 · Heft 20 (23.5.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 20 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Rcdactkon und AdminIstratiLN: > Wien, II/,. Novaragaffe 27.! K. k. österr. PostkvLrcassa Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ahrheil Seiifchrist für jüöifch Inlere^en. Erscheint jeden Freitag. Giotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: j; Ganzjährig. . . K. 12.—; i Halbjährig . ... ff. 6.— [! — I t i Für Cultusbeamte: , Ganzjährig.... ff- 10.— j , Für Ausland: | ' Ganzjährig . . .3 Mark. : i 6 Rubel oder 16 Fe»! Nr. 20. Wie». 23. Mai ' 1902. Inhalt r Förderung der Handwerke und des Ackeraues bei den ungarischen Juden. — Dr. Jonathan Wolf. — Ist der Prophet Jeremias i» Irland gewesen? — Weshalb hat die Chewra-Kadischa den Namen „Heiliger Verein"? — Die Entwicklung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts — Verschiedene Nachrichten. — Hilsscafse für isr. Cultusbeamte in Deutschland. — Neues Cantorat und Kirschner's Trauungsgesänge. — Das Kaddischgebet. Förderung der Handwerke und des Äckerbaues | bei den ungarischen Inden. j Im Jahre 1842 wurde iu Budapest von wackeren und j mit weitschauendem Blicke begabten Männern der „u n g. i s r. Handwerks- und A ck e r b a u v e r e i n* begründet, der in den 60 Jahren seines Bestandes eine große und edle Mission erfüllt hat, indem er dem ungarischen Judenthnm das demselben bisher verschlossene Handwerk zugänglich machte und durch das! Beispiel seiner zahlreichen zu Handwerkern herangebildeten j Zöglinge die durch einseitige Erwerbsthätigkeit verursachten! Gegensätze zu bekämpfen bestrebt war. Aus dem Gebiete des Ackerbaues harrt jedoch die Ausgabe, die dieser Verein bei seiner Gründung sich gestellt hat, noch immer ihrer Lösung. Und dieselbe erscheint jetzt dringlicher als je, denn was in der Vergangenheit nur als ideales Ziel vorschwebte, erweist sich heute als eine immer mehr fühlbare Nothwendigkeit. Bereits vor einem Jahrzehnte hat der Verein darauf hingewiesen, dass sich die althergewohnten Erwerbsquellen der jüdischen Volksmasseu j mit der Veränderung der wirthschaitlichen und der allgemeinen j Verhältniße immer mehr vermindern, und die seither einge-! tretenen Erscheinungen bestätigen vollkommen die von ihm jederzeit vertretene Anschauung, dass gegenüber dem in den jüdischen Volkskreisen um sich greifenden Elend das traditionelle Almosenvertheilen nicht mehr genügen kann und eine radikale Abhilfe nur in der richtigeren produktiven Bethätigung der Volkskräste, insbesondere in dem Hinlenken der jüdischen Jugend zum Handwerk und zum Ackerbau zu suchen ist. Wie der Verein seine vom philanthropischen und kulturellen Standpunkte gleich bedeutsame Thätigkeit im abgelausenen Jahre ausübte, ersehen wir aus dem uns vorliegenden Jahresberichte, dem wir folgende, die weiteste jüdische Oeffentlichkeit in vollem Maße interessirenden Daten über die Ausbildung der Handwerks- und Ackerbauzöglinge entnehmen: „Die zu Ende 1901 unter Fürsorge des Vereines verbliebenen 372 Handwerkszöglinge theilten sich in 63 Branchen auf. In größerer Anzahl waren unter denselben die folgenden Gewerbe: Schlosser (46), Ti ja l (34), Mechaniker und Elektrotechniker (28), Goldarbeiter und Bijouteriften (28), Spengler und Installateure . (19), Tapezierer und Dekorateure (17), Metallgießer und Metalldrechsler (17), Ledergal anterieärbeitör (13), Silberschmiede (11), Metalldrucker (6) rc. vertreten. Wie ersichtlich, hatte der Verein seinen ursprünglichen Intentionen gemäß bei der Bestimmung der Handwerke vorzüglich die Verbreitung der schweren Handwerke vor Augen, dabei werden auch jene Gewerbe bevorzugt, bei welchen sich der Bedarf heimischer Arbeitskräfte bemerkbar macht. Leider muß mau die bedauerliche Thatsache constatire», dass in Folge der ungünstigen Gestaltung der Gewerbeverhältniße, insbesondere mit dem Niedergang des Kleingewerbes, zwischen Meister und Lehrling an Stelle des einst bestandenen patriarchalischen Verhältnißes sich immer mehr Interessen-Gegensätze und Lieblosigkeit offenbaren, welche die Ausbildung der gewerblichen Jugend empfindlich beeinträchtigen und immer mehr erschweren. Ans den meisten Plätzen, wo man noch Lehrjnngen mit ganzer Verpflegung aufuimmt, werden diese Kinder zu den schwersten Lastträgerdiensteu, zu Hausknechtsverrichtnngen verwendet, ihr Schulbesuch wird verhindert, es wird aus ihre Ausbildung nichk geseyeu und obschou sie bereits als Gehilfen entsprechend bezahlt werden sollten, werden sie, kaum freigesprochen, sofort entlassen, so dass die aus solchen Werkstätten hervorgeheuden, ungenügend ausgebildeten Knaben nach ihrer Freisprechung iu die prekärste Lage gerathen. Anderseits müssen die ohne Verpflegung aufgeuommeueu Lehrlinge, insbesondere die sich selbst überlassenen verwaisten und die vorn Lande zugekommenen Kinder, ans einen Wochenlohn von 2—3 Krone» hingewiesen, den größten Entbehrungen ansgesetzt, unter den traurigste,! Wohnungs- und Ernährnngsverhältnißen, ohne jede kö'perliche und moralische Pflege entweder verkümmern oder zn Feinden der Gesellschaft werden. Um diesen immer mehr fühlbar werdenden Uebeln entgegenzutreten, gründeten wir im Jahre 1893 unser Lehrlingsheim mit der Bestimmung, in demselben unseren Zöglingen, die des Elternhauses entbehren, eine Heimstätte zu bieten. Beredter als alle Worte spricht für die segensreiche Wirksamkeit unseres Lehrlingsheims die Erfahrung, dass während wir von den externen Zöglingen jährlich 15—20% (wegen Verlassen des Meisters, grober Pflichtverletzung, Disziplinarvergehen uni» gesetzwidriger Handlungen) entlassen müssen, die internen Zügmit geringen Ausnahmen sich bewähren und als gutausgebildete Gesellen das Institut verlassen. In Anbetracht dieser heilsame» Resultate glauben wir im Interesse der Lehrlingsausbildung eine Pflicht zu erfüllen, indem wir der Ueberzeuguug Ausdruck verleihen, dass sowohl die Gesellschaft von vielen sozialen ■i j

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