Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 19 (16.5.1902)
- Date
- 1902-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Es gibt wohl kaum eine mit Kindern gesegnete Familie, in der diese Frage nicht aufgeworfen und ventilirt wird, es j gibt aber auch nur wenige Familienkreise, in denen die - Lösung dieser Frage nicht auf Schwierigkeiten, Differenzen und! Meinungsverschiedenheiten stoßt. Die Gegenwart, in welcher nebst! den vielen modernen Lebensanschauungen auch noch die Frauen» Emanzipation sich geltend macht, hat dieser Frage mehr denn je einen actnellen Character versieben und dieselbe ist z darum in den Vordergrund der wichtigen Familieninteressen l getreten. Die Zeiten, in denen die zukünftige Lebensstellung > der Kinder den Eltern nur wenig Sorgen und Kopfzerbrechen j verursachte, der Sohn fast instinktiv den Berns des Vaters wählte, , und die Tochter, nach km Vorbilde der Mutter, in der i Häuslichkeit und Wirtschaft ihren Lebensberuf erblickte, sind eben längst vorüber, und der fortschrittliche Geist, der in das cnlturelle und wissenschaftliche Leben gedrungen, hat sich auch aus das Gebiet der Kindererziehung verpflanzt und für dieselbe neue, den modernen Verhältnißen anpassende Normen ausgestellt. „Was sollen unsere Kinder werden? Welchem Beruf soll unser Sohn sich widmen? Welche Nebenbeschäftigung soll unsere Tochter erlernen?" So hören wir Hunderte von Vätern und Müttern in ehrlicher Ueberzeugung ausrufen, sobald einer der Sprötzlinge der Familie sich dem Alter nähert, das ihn der Schulpflicht enthebt und in die ersten Stadien des praktischen Leben führen soll. Natürlich in den Augen der Eltern ist jedes ihrer Kinder ohne jedwede Uebertreibung ein Genie, ein Talent, ein Wunder, in das sie sich nicht genug verschauen können. Und hat man sich schließlich ini Rathe der Familie über die Berufswahl geeinigt, dann werden alle Anstrengungen gemacht, alle möglichen Opfer gebracht, um dem hoffnungsvollen Sohne oder der vielversprechenden Tochter die Wege zu bahnen, die dem bestimmten Ziele zuführen sollen. Und doch gehört es zu den täglichen Erscheinungen, dass so manche dieser Berufswahlen ein unerwartet ungünstiges Resultat zutage fördert. Forscht mau nach der Ursache dieser Erscheinung, so muß man unfehlbar darauf zurückkommen, dass dieselbe in der mangelhaften Erziehung liegt, die der Sprößling in seiner Jugendzeit genossen hat. Der heutigen Erziehung fehlt nämlich in den meisten Fällen der eigentlich nothwendige Untergrund, jene feste Basis, deren sie bedarf, um dem Kinde dereinst, wenn es seine Selbstständigkeit erlangt^ die ans ihm ruhende Last des Lebens leicht und erträglich zu machen. Alle Fragen werden in der Familie ventilirt und erörtert, am fettesten aber die: ,.Wre sollen wir unsere Kinder religiös erziehen? Wie sollen wir unseren Sohn zum zum gläubigen Inden, unsere Tochter zur gläubigen Jüdin heranbilden?" Ja, es ist leider so weit gekommen, dass man bei der Kindererziehung aus alles Andere, als aus den Kern derselben Gewicht legt, nur aus die Bildung des Geistes, nicht aber auch ans die Bildung des Herzens, ans die Religion Bedacht nimmt, mit einem Worte, dass man nur jene Getstesrichtnng im Auge behält, die dem Sprößling eine materiell günstige Zukunft und eine ans materielle Vortheile und Erfolge berechnete Lebensstellung in Aussicht stellt. „Ja, bei der jetzigen Strömung", so hört man häufig die Eltern sprechen, „muß der Jude, will er nicht seine Existenz und Stellung gefährdet sehen, alles, was ihn zum Inden stempelt, ab streifen, in gewissen Fällen sich sogar von der Gemeinschaft des Judeluhums loslösen, in erster Linie aber die Erziehung der Kinder darnach einrichten." Fürwahr, eine Theorie, wie sie nicht falscher ausgebaut, eine Entstellung der Thatsachen, wie sie nicht crasser in die Welt gesetzt werden kann! Lehrt uns doch unsere tausendjährige Geschichte, unser vielhnndertjähriger Aufenthalt in der Diaspora, dass je mehr wir uns infolge des Druckes seitens unserer Gegner von unserem Glauben entfernen und entfremden, diese uns um so heftiger anfeinden, und liefert uns doch auch die Gegenwart der Beweise genug, dass jeder Abfällige und Ueberläufer aus unserem Lager von den gegnerischen Elementen geradezu als. fahnenflüchtiger Heuchler, als ehrloser Renegat hingestellt und. behandelt wird. Und da sollten wir eine so augenscheinliche Corruptionstheorie schon bei der Jugend, bei der Erziehung unserer Jugend in Anwendung bringen wollen?! Da sollten wir der zarten Pflanze schon im ersten Stadium ihrer Entwicklung jene Substanz entziehen wollen, deren sie so dringend bedarf, um zu gedeihen, emporzuschießen und gegen die rauhen Stürme des Lebens Stand halten zu können?! Nein, nie und nimmerk Das Judenthum darf keine Religionspolitik treiben, es darf nicht auf Kosten der Religion Streberthum züchten und verlockender Carrieren halber seinem angestammten Glauben