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Die Wahrheit · 1902-05-09 · Heft 18 (9.5.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 18 (9.5.1902)
Date
1902-05-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Kcsterr.-ungar. Cnntnrrn-Zeitung Nr. 18. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Ichrg. Wir ersuchen die geehrten Herren College» nm L>» sendung der Al»on iiemeniggebiilir für das am 1. April begonnene II. Quartal und um Begleichung der Rückstände. Die Redaktion. Die Eutwickelung -er siMgogale« Liturgie bis «ach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P, Minkowsky, Obercantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa. IH. Der Ursprung aller geistlichen Musik der Welt war das! Volkslied. Es war das einzige musikalische Vermögen, über! das die Völker verfügten mib sie konnten zur Ehre ihrer Götter j keine andere Musik als diejenige, die ihnen so gut zusagte,! weihen. Das Volkslied war keine vorbereitete Arbeit, keine! Frucht des Calküls und dadurch auch keine Kunstschöpfung/ j sondern vielmehr eine unmittelbare Ausströmung des Gefühls j eines Nolkssängers im Momente einer plötzlichen Eingebung j in Folge des -Glückes oder Unglückes. Die allgemeine Musik! der primitiveti Völker war überall, in der Familie wie im! Gotteshause, das exiemporirte Volkslied. Erst mit dem Fortj schritte der allgemeinen Civilifarion sahen sich die Völker oder j deren Priester geuöthigt, eine Scheidewand zwischen dem pro- | sauen und heiligen Gesang aufzustellen. Zu dem tiationalen j Charakter des ursprünglichen weltlichen Liedes mußte ein religii öfer Nimbus hinzugeingt werden. _ j Tie Frage, warum die Kirche vom Anfang an ihre! liturgische Musik der Flemde entlehnt und sie nicht gleich aus! originellen Volksliedern, nach der oben erwähnten Methode, ge- - schaffen har, wird nach näherer Dekanntschaft mit den Anfängen j der christlichen Epoche beseitigt werden. In dieser Bekanntschaft j hoffen wir auch viele Lichtpunkte für die Entwicklung unserer; Liturgie zu fiitden. j Das Chriftenthnm hatte am Anfänge seiner Begründung weder Zeit noch Bedürfnis für die Schaffung einer neuen , Musik. Es herrschte zunächst eine Gährung unter den verj schiedenen Elementen der ersten Gemeinde über die Bedeutung des Christus. Währerrd die Jndenchristen ihn blos als „Davids Sohn" anerkantucn, beharrten die Heidenchristeli auf dem Titel „Gottessohn". Die Heiden waren an Göttersöhtte in psychischem Sinne gewöhltt. Seine Heroen ließ der Grieche ans der Liebe j der Götter zu menschlichen Weibern entspringen, und selbst l seinen großen Plato machte er zu einem Gottessohne: „Zwar j haben wir im alten Testamente bei Gelegenheit der großen! Fluth auch Göttersöhne kennen gelernt, welche ebenfalls wie bei den Griechen Riesen, Helden und Männer von Ruhm! waren; sie traten aber nach der Wiederherstellung, wo sich der! strenge Monotheismus ausbildete, in den Hintergrund, und zur Zeit Jesu hatte diese Vorstellung bei den Juden selbst als üeberlieserung kein Leben mehr"?) Die Ebionuen, welche ohne Zweifel die spater zur Sekte, gestempelten ursprünglichen Judenchristen waren, verwarfen die übernatürliche Geburt Jesu und sahen ihn als wirklichen Sohn Josefs an. Die Juden erwarteten die Rettung aus aller Roth von einem „Gesalbten" aus David's Stamm, weil an diesen König sich die Erinnerung alter Bolksherrlichkeit knüpfte.^) *) G. A. Wislicenus, die Bibel für denkende Leser Bd. 2, S. 16a) Zbid, Auch herrschte ein Streit zwischen den Aposteln und unter, der Ui gemeinde über die Rangfrage, wer nach dem. Tode Jesu als Primus anerkannt werben solle, und es entstand ein Zwist zwischen den Anhängern des Petrus und jenen des Paulus, der die Gemeinde in tiefstem Grunde erregt hat. Es herrschte auch eine Uneinigkeit unter den Aposteln über die Person Christus, über die Details seiner Geburt, Herkunft, Leben, Lehre, Tod, Auferstehung^) und über die Tragweite ihrer ResormenZ) Sie waren auch mit der Versöhnung des Jndenthmns und Heidenthums allzusehr beschäftigt, nm schon gleich am Anfang an eine neue Musik zu denken. Abgesehen davon, dass die traditionelle Musik der beiden klassischen Völker, die damals ihren Höhepunkt erreicht hatte, vorläufig der neuen Gemeinde genügen konnte, waren noch keine christlichen Volkslieder vorhanden, wie das ganze Chriftenthnm. damals überhaupt seine echte ^Physiognoch nicht präcisiren konnte. Ihre Liturgie der ersten Zeit war noch so beschränkt, dass sie für neue Musik gar keinen Platz hatte. Die Psalmen David's, die den Kernpunkt ihrer Liturgie bildeten^) wurden nach dem Zeuguiße der Kirchenväter in ihrer alten Weise, wie im Tempel zu Jerusalem, entweder antiphonisch oder homophonisch — der höchste Styl jener Zeit — vorgetragen.ANach kirchlicher Tradition stimmten die Apostel nach dem letzten Abendmahle, nach der Einsetzung der heilig mystischen Gedächtnisfeier, ehe der Heiland seinen Leiden entgegen auf den Oelberg ging, eine,; Lobgesang, den 3. Psalm an, welcher bei der Passahseier gesungen werden pflegte. Nach den dem Clemens Romanns, einem Gefährten des heil. Paulus, zngeschliebenen apostolischen Constitutionen wurde bei der Abendmahtseier der Psalm 23 angestimmt. Außer den eigentlichen Psalmen wurden auch die in der heiligen Schrift vorkommenden Psalmodien (Canlica) gesungen; der Triumph - gesang Moses (Exodus 15), der Gesang der drei Jünglinge im Feuerosen.6) (Daniel, Cap. 3.) Die Liebe zu den jüdischen Psalmen und Lobliedern war so in hohem Werlhe, dass alle Apostel keine Gelegenheit vorübergehen ließen, ohne den Gesang der Psalmen und Loblieder dringend zu empfehlen. Erst nachdem das Christenthnm sich befestigt hatte und durch die Taufe des Kaiser Constantin auch politische Triumphe errungen hatte, und die Perspektive der Kircheneinigkeit, wie schon früher erwähnt worden war, durch den nationalen Antagonismus eine sehr düstere geworden war, begannen die Väter den Bau einer originellen christlichen Musik in ihrer Kirche anzulegen. Jerusalem, und noch mehr Athen, mussten den Platz für den Cantus Romanils räumen. Die neuen Legenden, welche sich in dieser Zeit über die Apokalypse Johannes im Volke verbreiteten, die übernatürlichen Erzählungen über den Gottmenschen, über seine Geburt, Leben, Wunder - thaten, Heilkünste, Gleichniße, Thesen, Anserstehung, und seine Verherrlichung im Himmelreich; der bedeutende Antheil, den das schöne Geschlecht an der Gründung des Evangeliums genommen hat, die Errichtung einer Hierarchie auf Petris Stuhl, ») Jbid. * 4) Histoire critique du Gnosticisme. 1828 2 d. Ed. 1843. Matter. Auch Gnostische Entwickelung der vornehmsten gnostischen Systeme 1818. Neander. 5) Die ersten Zeiten der christlichen Welt und Kunst. Ambros, Gesch. d. M. B. 2, S. 4. e) Ephes. V. 19. Col. III. 11. Jakob V. 13. Matth. 26. 30., Markus 14. 26., Luk. 22. 39., Joh. 18, 1. .

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