Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 18 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 18 Die Wahrheit. Bund kann aber -auch nicht ein bloßes Uebereinkommen bilden, das von bestimmten Bedingungen abhängig wäre. Die Moglichkeit eines Bruches bliebe alsdann nicht ausgeschlossen und seine ewige Dmicr wäre durch nichts verkürzt. Der Bund wird vielmehr als ei« freies Gnadengeschenk Gottes hingestellt. Ermöglicht wird dies alles jedoch nur dadurch, dass Gott sein Heiligth.nn in unser Innerstes verlegt. Dem Geschlechte der Zukunft soll also ein geläutertes und erhöhtes Gottesbewusstfein verliehen werden. Durch das menschliche Bewusstsein klafft noch immer der Zwiespalt mit Gott. Die Erkenntnis Gottes und die unserer Plichten müssen wir daher auf mühsamem Wege erst erringen. Jenen dagegegen wird das alles unmittelbar ans dem eigenen Herzen quellen. So wird denn das Menschengeschlecht zu der Vollendung gediehen sein, dass die Herrlichkeit Gottes unmittelbar darüber wird thronen können. Oben V. 23 heißt es: „Sie werden mir zum Volke und ich ihr Gott sein", hier tritt derselbe Gedanke aus — nur in umgekehrter Folge. Dari» besteht auch die ganze Errungenschaft. — Was dort verheißen wird, bedeutet noch immer das Ringen und Sehnen des unvollkommenen Menschetl nach der Heiligkeit des Schöpfers. Hier dagegen bewegt sich das Streben in entgegengesetzter Richtung, — denn es bezeichnet die Freude des heiligen Schöpfers au dem zur Vollendung und Freiheit gediehenen Geschöpfe. Sachlich betrachtet, sind die Verheißungen unserer beiden Verse von der größten Wichtigkeit und von entscheidendem Werthe für die Erkenntnis desien, was das Wesen unserer Religion .ausmacht. Fast bei allen großen und edlen Geistern in der -ganzen Well kehrt die Erscheinung wieder, dass sie an dem, was diese gegebene Welt an Schönem, Großem und Beglückendem bietet, — keine andauernde Befriedigung zu finden vermögen. Ob das Leben unter den Mühsalen der größten Entbehrungen verläuft, oder durch die launenhafte Gunst des Geschickes mit allem, was es zu beglücken scheint, überhäuft, — das Gefühl der Nichtbefriediguug überwältigt schließlich alles andere. Nichts beweist so sehr, wie gerade dieser Umstand, dass wir göttlicher Natur sind und mit dieser Erde nur wenig gemein haben. Eine mehr oder minder entschiedene Weltverneinung ist daher bei allen wahrhaft großen Geistern der Gru idzug des Lebens. Selbst in den mythologischen Anschauungen edlerer Völker tritt diese merkwürdige Erscheinung auf. Die Juden bezeichnen als das höchste Ziel, das der Mensch erstreben soll, das Nirvana, d. h. der Eingang in die Auflösung und Ruhe des Nichts. Auch die germanische Mythologie verherrlicht etwas Aehnliches in dem Nisi- oder Nebelheim. Die Beweggründe, welche zu solchen Phantasiegebilden geführt haben, sind ohne weiteres durchsichtig. Auch der Prophet cheilt hier den Standpunkt der Weltverneinung, — jedoch nur bis auf einen gewissen Grad. Neichthum, Ueberflnss, Schwelgerei bilden nicht die Elemente, aus denen er den Glückstand der Zukunft aufbaut. Selbst das Leben hat ihm nur insoferne und insoweit einen Werth, als es die Grundlage abgibt, auf welcher sich die höchste, rein geistige Sittlichkeit entfalten könne. Diese aber ist ihm von der lebendigen Gemeinschaft Gottes untrennbar. Menschliche Weisheit von dem Treiben dieser Welt augewidert, konnte an deren Stelle nur das öde Nichts — als höchste Errungenschaft setzen. Nur dem Propheten blieb es vergönnt, zu dem Aufbau einer wahrhaft erlösenden Wcktanschauung emporzudringen. Das aber führt uns gleich aus einen zweiten entscheidenden Grundzug unserer Religion. Es wird unseren Propheten nicht selten der Vorwurf gemacht, dass sie keine Seligkeit und, — was damit in unauflöslicher Wechselwirkung steht, — keine Verdammnis des Jenseits gelehrt haben. Es wird ihnen infolge desien der Glaube an ein Jenseits grundsätzlich abgesprochen und ihre Lehre infolge dessen als eine minderwerthige hingestellt und auf eilte niedrige Stufe religiöser Erkenntnis herabgedrückt. Aus derartigen Behauptungen spricht jedoch nur der blödeste Unverstand. Nur das Maß voll Kühnheit, mit welchem er auftritt, darf billig unsere Verwurtderung erregen. Genau das Gegentheil trifft das Richtige. Alles, was andere Religionsstifter über die Freuden des Paradieses und die Qualen und Peilt der Hölle gelehrt haben, trägt durchaus die Farbe des Irdischen an sich. Es ist demnach nichts anderes als die Verlegung desien, was das Glück und Unglück dieser Erde ansmacht, — auf einen Schauplatz jenseits derselben.. Solche Lehren können niemals'göttlichen Ursprungs sein. Es ist für jeden Denkenden vielmehr ohne weiteres klar, dass sie der menschlichen wohlberechnenden Spekillation ihre Entstehnng verdanken. Der Prophet dagegen hatte von der erhöhten und geläuterten Moral unter Menschen eine* unermeßlich hohe Meinung. Diese galt ihm als die einzige und. ausschließliche B e d i n g u u g, d i e u u § d i e Selig.; feit nicht blos im Jenseits verheißt, sonder n. n n s derselben schon hier auf Erden t h e i l h a f t i g in acht. Was lässt sich denn Anderes oder Höheres von der Seligkeit anssagen, als dass sie die Verklärung des Lebens durch, die gnadenvolle Gegenwart Gottes bilde? . Undenkbar jedoch,, scheint es, dass die Seele dieser Auszeichnung schon hier auf Erden^theilhastig werden, aber nach ihremZScheiden von derselben^ dem Nichts verfallen solle. Eine seelige Gemeinschaft mit Gotr,, wäre dann weder im Diesseits noch im Jenseits denkbar. Diese Lehre tragt aber schon in sich selbst die Bürgschaft,, dass sie göttlichen Ursprunges ist. Die höchste Wonne, die der Prophet anderen Sterblichen gegenüber voraus hat, hesteht eben darin, dass ihm unmittelbare göttliche Erleuchtung zu Theil wird. Dass er diese allen Menschen verheißt, entspricht eben so sehr dem Wesen des prophetischen Berufes, als den höchsten Vorstellungen, die wir von einer höheren Welt zu gewinnen vermögen. „Erkennen sollen die Völker, dass ich der Ewige bin, der Israel heiligt, indem mein Heiligthum in ihrer Mitte weilt." (V. 28.) Nach dem hohen Schwung der letzten Verse möchte einem der vorstehehende fast wie eine Ernüchterung erscheinen. Recht gesehen, wird hier erst dem Gedanken die vollendete Rundung gegegeben. Israel, das nach Vers 21 bisher in allen Himmels-! gegenden versprengt war, soll hiermit in die Stellung gerückt! werden, die ihm für seinen dornenvollen Weg durch die Jahrtausende gebührt. In den Mittelpunkt des Menschengeschlechtes gestellt, werde Israel dessen Her; — Gott dessen Geist und die Völker den Leib bilden. verband;nr tlnlerstntzung armer israelitischer Wöchnerinnen. Bei dem ausgeprägten Familiensinnn des jüdischen Volkes und der Hochhaltung alles dessen, was zur Festigung und Heiligung der Familienbande beiträgt, war die Unterstützung armer Frauen, die der schweren Stunde ihrer Entbindung entgegensehen, seit jeher ein stark bebautes Feld jüdischer Wohlthätigkeits-Pflege. In den engen Grenzen des Ghetto und bei dem frommen Eifer, den irr früheren Zeiten Gemeinden und- Private bei jedem Gebote der Religion und Humanität an deir Tag legten, war dje Ausübung dieser Mizwah nicht besonders erschwert, und die vorhandenen Bedürfniße konnten leicht bebefriedigt werden. Als aber die jüdischen Gemeinden an Ausdehnung gewannen und besonders in den Großstädten durch der» immer schwerer werdenden Existenzkampf weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung der Verarmung anheimfielen, konnten die bestehenden Humanitären Institutionen mit den immer größer werdenden Ansprüchen nicht gleichen Schritt halten. Aehnlich lagen auch die Verhältnis;e in Wien, bis durch den vor zwei Jahre unter der Aegide der Israel. Cnltusgemeinde von den israel. Frauen-WohlthLtigkeitsvereinen gegründeten „Verband zur Unterstützung armer israel. Wöchnerinnen", der eine rationelle und centralisirte Hilssaetion aus diesem Gebiete anbahnte, ein Wandel zum Besseren eintrat. Leider, findet das