Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 18 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 18. diener war, während nach Gründung derselben der Mono-! Lheismus bei seinen Nachkommen fest begründet war? Waren doch die Israeliten in Egypten nach Josua 24, 14 Götzen-! diener, von dem vielfachen Abfall in der Richter- und Königszeit zu geschweigen! Oder hält Dr. Güdemann die .Person Abrahams für sagenhaft, für ein Produkt des israelitischen Volkes? Mit solchen Wendungen, die aus dem Gebiete der christlichen Bibelkritik stammen, sollte ein hervorragender Veri treter des Judenthums etwas sparsamer umgehen.! Gegen die Behauptung, der Gottesname JITWH habe j ursprünglich einen sinaitischen Gewittergott bedeutet, sagt Dr.! Güdemann: Als ob man, wenn dem so wäre, späterhin, bei! besserer Erkenntnis, diesen Namen, statt ihn mit einer Gloriole! zu versehen, nicht vielmehr a u s g e m e r z t haben würde! Nun z behauptet wirklich Ern st Rena n in seiner Geschichte des! Volkes Israel, ^dass der Name JHWH dadurch, dass man ihn j nicht aussprach, in der Wirtlichkeit ausgemerzt wurde! Ganz verfehlt scheint mir die Ausführung über den Gottes-! name JHWH. Zur Zeit des alten Israel haben die Menschen! viele Gottheiten verehrt. Die heilige Schrift kämpft dagegen > mit aller Kraft und wiederholt nnzähligemal, dass JHWH der I alleinige wahre Gott sei c*«“6sn sin 'n. Was verstand Israel! unter JHWH? Wie hat es diesen Namen ausgesprochen? : Biele christliche Gelehrte behaupten, JHWH sei der National-; gott Israels gewesen. Dies ist nun widerlegt. Israel hat ganz - bestimmt unter JHWH den Gott des Weltalls gemeint. Aber! w i e hat es ihn genannt? und w a r u m hat es ihn so ge-! nannt? Etymologisch hängt es unzweifelhaft mit „Tn sein" I zusammen und kann entweder, wie aus Ex. 3,14 hervorzugehen; scheint, „der ewig Seiende, der Ewige" bedeuten, oder, wie es; mir wahrscheinlicher dünkt, „der i n s D a s e i n R u se n d e, i der Schöpfer". Im letzteren Falle wäre die Aussprache j Jahwe (Hiphil von .Tn) die einzig richtige, während nach der > ersten Bedeutung, der Ewige, eine richtige Form nicht zustande kommt. Zudem ist die Aussprache Jahtve nach alter Ueberlieserung bei Theodore! und Epiphanius bezeugt (Delitzsch zu! Genesis). Nun haben die Juden aus allzugroßer Pietät den Namen nicht ausgesprochen und dafür Adonaj oder Elohim gesagt. Was hiridert aber den Nichtjnden, dieseit Namen eben nach der alten Ueberliefernug „Jahwe" ausznsprechen? Damit! muß sich durchaus nicht, wie Güdemann meint, die Vorstellung j verbinden, dass es sich um einen israelitischen Zeus handle, j Früher,wie noch jetzt in den Kirchenliedern, hat man dafür die j monströse Form „Jehova" gebraucht. Ja selbst Herder thut j es, ohne dass es ihn gehindert hätte zu'erklären: „War Jei hovah der Ewige, der Schöpfer der Welt, so war auch der! Gott aller Menschen, aller Geschlechter." (Vom Geiste der Ebrä- ' ischen Poesie II, 93). Da ist doch Jahwe viel korrekter und! passender. Ihn aber nach Güdemann schlechthin durch „Gott" j wiederzugcben, ist an Stellen, wo neben JHWH noch Elohim j steht, unmöglich, und in den vielen Stellen ovr^sn sin ti wäre es lächerlich zu sagen: Gott ist Gott. Der wissenschaftlich gebildete Nichtjude kann nicht anders als Jahwe sagen. Ju dritten Abhandlung ,,Der Mensch das Ebenbild Gottes" wird die Nächstenliebe nach der Lehre des Jndenthums in ihrer unübertrefflichen Erhabenheit gezeigt und das- Märchen zerstört, als ob das Judenthum von einer jüngeren Religion, die zwar mit schönen Redensarten anftrat, aber in Wirklichkeit sich selten um sie kümmerte, im Punkte der Nächstenliebe hätte korrigiert werden müssen. Hier mochte wohl die Rücksicht auf den Staatsanwalt manches derbe aber wahre Wort unterdrückt haben. Die vierte Abhandlung „Das Diesseits und das Jenseits" tritt in geistvoller Weise der Meinung entgegen, als ob Las alte Israel nur das Diesseits gekannt hätte. Mit köstlicher Ironie wird hier die abergläubische Vorstellung von Hölle und Teufel gegeißelt. Nur wird die Freude an dieser Abhandlung durch die ebenso unmotivirtc wie unwahre Behauptung getrübt, die Juden hätten als „Nation" längst zu existireu aufgehört. Nation ist doch eigentlich eine Familie im weiteren Sinne, und wenn man das Wesen des Judenthums im Familiensinn erblickt und das ganze Judenthum aus der Familie hervorgehen lässt, sollte man doch den Juden ihre Nationalität nicht absprechen. Als Stütze führt Dr. Güdemann Steinthal an, der gesagt hat, Israel sei niemals ein Volk, sondern eine Religionsgenossenschaft gewesen. Mag Steinthal seine Verdienste haben und Autorität sein für wen immer, für einen gläubigen Juden — niemals! Hat doch Steinthal in seiner „Ethik" den lieben Herrgott aus der West eliminirt und aus der Ethik eine glänzende Seifenblase gemacht, die wir uns und der Welt vormachen! Auf solche Autoritäten können wir billig verzichten. In der fünften Abhandlung „Die Lehre und das Leben" liefert Verfasser eine glänzende Apologie des Talmud und des jüdischen Lebens, das sich keineswegs durch die Gesetze beengt, sondern vielmehr verschönt und geadelt fühlt. Nur scheint Dr. Güdemann (S. 74) der Kritik znzugeben, dass das Deuterononium erst 622 geschrieben wurde, was mir sehr auffallend tvar. In der letzten Abhandlung „die Hoffnung für die Zukunft" hat Verfasser unsere Gebete herangezogen, uw den Standpunkt des Judenthums zum Messiasreiche klarzulegen. Wenn jeder gewissenhafte Jude diese Auseinandersetzung kennen und beherzigen würde, so könnte er durch nichts auf der Welt dazu gebracht werden, öffentlich zu bekennen und zu beschwören, dass das Messiasreich, freilich griechisch ausgedrückt, längst gekommen sei. So ist die ganze Schrift Dr. Güdemanns sehr dazu geeignet, nicht nur Licht über das Judenthum zu verbreiten, sondern jedem Juden Achtung vor seiner Religion einznflößen. Dr. Kahan-Znaim. Rumänische Verlogenheit. Der neueste Akt der Brutalität, der durch das Handwerkergesetz gegen die jüdischen Handwerker in Rumänien begangen wurde, hat endlich auch die westeuropäische Cnltnr ans ihrem bisher der rumänischen Barbarei gegenüber bewahrten Gleichmuth anfgerürtelt, und in den großen französischen, englischen und deutschen Blättern — die österreichische Tagespresse ist natürlich auch jetzt noch über derlei Dinge erhaben — 'wird das empörende Treiben der rumänischen Machthaber entschieden missbilligt und gebrandmarkt. Das kann natürlich die rumänische Regierung nicht gleichgiltig lassen, da bei Besprechung der Judenfrage auch auf die miserablen, immer geldbedürstigen rumänischen-Finanzen ein schlechtes Licht fällt, und sie macht alle möglichen Versuche, nicht nur die Juden im Lande zu beruhigen-, sondern auch die öffentliche Meinung im Auslände zu täuschen und irrezuleiten. Die Präseclen wurden angewiesen, die Inden jetzt besonders gut zu behandeln, aber um so schärfer gegen diejenigen vorzugehen, welche man im Verdacht hat, die Auswanderung zu unterstützen. Die Distrikts-Präsecten lassen unter den Juden ihrer Bezirke ein Manifest in hebräischer Sprache verbreiten mit der Unterschrift: »Oowitetul de assistence al aliantei diu Bucuresci“. In diesem Manifest werden die Inden gewarnt vor der Auswanderung, weil sie nirgends Unterstützung finden würden, dagegen sollen sie sich dem Haudweikergesetz unterwerfen, das gegen die Juden garnicht so schlimm sei, wie man behaupte. Nun gibt es aber gar kein derartiges Comite in Bukarest, also charakterisirt sich die ganze Sache als ein eigenartiges Manöver der Negierung zur Vertuschung der Wahrheit. Ferner legen in sämmtlichen Provinzen Agenten der Negierung ein Manifest den dortigen Juden zur Unterzeichnung vor, in dem alle Behauptungen wegen befürchteter Schädigung durch das Handwerkergesetz und wegen angeblicher Auswanderungsgelüste der jüdischen Bevölkerung widerrufen werden sollen. In diesem Manifest werden alle derartigen Behauptungen der ausländischen Presse als Lügen erklärt. Die Juden weigerrl sich jedoch an den meisten Plätzen, trotz der Pression der Regierung, dieses Manifest zu unterschreiben. Man wird sich erinnern, dass im Jahre 1900 die damalige rumänische Regierung denselben Kniff anwandte, um die Wahrheit zu verschleiern.