Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 18 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063131--01900-3068530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nedactkon und Administratici: Wien, H/i. Novaragaffe 27. K. l. öfterr. Po"nv-rc2sia Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements, und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige itfchrift für Bezugspreis: Ganzjährig . . . K 12.— Halbjährig . . . . K. 6.— Für Cultnsbeamte: Ganzjährig.... K. 10.— , Erscheint jeden Feeitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit V* Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS. Nr. 18. Men. 9. Mai 1902. Zn«,alt r Das Judenthmn in seinen.Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen. — Rumänische Verlogenheit. — lieber den hebräischen Unterricht an den Oberclafsen der Gymnasien und Realschulen. — Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. — Aus der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. — Die Entwickelung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen höffichst um freundliche Kinsen- ' düng der AöonnemenLsrückstände. Die Administration.! Das Äudenlhum in seinen Grnndzugen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen?) u. Die Frage, was das Judenthmn sei, beantwortet Dr. j Güdemann in sechs Abhandlungen, die ebensoviele Verherr-! lichungen des Judeuthums bedeuten. Und wie einst Sokrates! immer von dem ausging, was auch der Gegner zngeben musste,! so beginnt Dr. Güdemann nicht, wie man erwarten sollte, mit; dem Gottesglauben, sondern mit der Familie. Ans der! Familie ist das Volk Israel hervorgegangen, die Familie wird! in der Bibel unzähligemal verherrlicht, und der ausgeprägte; Familiensinn bildet noch jetztjdeu Grundzng des jüdischen Wesens.! Was verschlagt es nun, wenn im alten Israel die Polh-! gamie nickt verboten war und tvenn noch jetzt das Judenthum j die Auflösung der Che gestattet? Thatsächlich ist die! Heiligkeit der Einebe nirgends so begründet, wie im Judenthum, - und die Auflösbarkeit der Ehe mussten fast alle christlichen Staaten, im Gegensatz zu ihrer Religion, zum Gesetze erheben! j hat das Leben der Lehre des Judenthums Recht gegeben,! weil sich eben hier Lehre und Leben decken. Die zweite Abhandlung gilt dem G o t t e s g l a n b e n.! Aber wie? Must auch dieser erst verherrlicht oder gar ver- § therdigt werden? Leider ja, weil unsere guten Freunde es ver-! standen haben, auch diese erhabene Grundlage des Judeuthums! zu verleumden und in den Korh zu zerren. Israel, sagen sie,! hat vor den heidnischen Völkern nichts voraus. Jene hatten ihre Nationalgötter, Israel hatte auch seinen Jehowa oder Jahve, der keineswegs mit dem erhabenen Wellengott der Christen identisch sei, sondern eben nur der Nationalgott der Juden! Erst die späteren Propheten hätten den Nationalgott! zum Universalgott umgestaltet. Gegen diese von Asterweisheit! gestützte Behauptung kämpsl Dr. Güdemann mit Geschick und *) »Das Judenthum" in seinen Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen, dargestellt von Dr. M. Güdemann, Ober- Rabbiner in Wien. 110 Seiten, elegant broschirt 3 Kronen 50 Heller — 3 Mark. Verlag R. Löwit, Wien, 1. Bez., Rothenthurmstraße 22. Wärme und zeigt, dass der Gottesbegriff von Abraham bis zum letzten Propheten derselbe geblieben und der Gott Abrahams kein anderer sei als der einzige Gott des Weltalls, den aber nur Abraham gekannt und verehrt hat. Ebenso sei der Ausdruck „Gott Israels" zu verstehen. Bei Behandlung dieses Gegenstandes ist es nicht leicht, angesichts der vielen Verdrehungen, die man widerlegen must, kaltes Blut zu bewahren. Daher mag es kommen, dass gerade in dieser Abhandlung manches steht, was der Berichtigung bedarf, manches aber fehlt, was man hier erwarten musste. — So ist für die Identität der Ausdrücke „Gott Abrahams" und „Gott des. Weltalls"' nichts schlagender, als das 24. Capilel der Genesis. Abraham beschwör! seinen Sclaven bei „JHWFI, dem Gotte des Himmels und der Erde" (P. 3), der Sclave aber betet (B. 12) zu ,.JHWH, dem Gotte seines Herrn Abraham". Ebenio schwört Abraham selber (14. 22) bei „JHWH, dem höchsten Gott, dem Herrn des Himmels mtb der Erve." Diesen, sedem Laien verständlichen Beweis lässt sich Dr. Güdemann entgehen und operirt statt dessen mit dem Tranmgesichl Abrahams, da rhu Gott ans die Straste führt, ihm den gestirnten Himmel zeigt und ihm versichert, dass seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne sein weraen. Darin sei angedeuter. dass Abraham vurch den Anblick des gestirnten Himmels zur Erkenntnis deS Weltengottes gekommen sei! Dieser Gedanke ist geistreich und schön, aber sein richtiger Platz wäre in einer Predigt, und nicht in einer Auseinandersetzung mit den Verkleinereru des jüdischen Gottesglaubens! In Josna Cap. 24 beistt es: Und Josna sprach zu dem ganzen Volke: So spricht JHWH, der Gott Israels: Jenseits des Stromes wohnten eure Väter von je, Terach, der Vater Abrahams und der Vater Nachors, und dienten fremden Göttern. Da nahm ich euren Vater Abraham von jenseits des Stromes, führte ihn durch das ganze Land Canaan u. s. w. — Was folgt aus dieser Stelle? Nichts anderes, als dass die Vorfahren Israels bis Abraham Götzendiener waren, und dass Abra ham wegen seiner wahren Gotteserkenntnis der erste Stammvater seiner Nachkommen genannt wird. Dr. Güdemann folgert aber daraus „die Herrschaft des Götzendienstes im Volke Israel in dessen frühesten Zeiten!" Hat denn ein Volk Israel schon vor Abraham existier? Oder wenn G. sagt, der Monotheismus sei erst aus dem Schoße der Familie hervor gegangen, meint er damit, dass Abraham vor Gründung seiner Familie Götzen