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Die Wahrheit · 1902-05-02 · Heft 17 (2.5.1902) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 17 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 17. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg^ Wir ersuchen die geehrte» Herren College» um Einseudung der Aboiineiiieiitsgebühr für das am 1. Aprit öegonueue II. Quartal und um Begleichung der Rückstände. Die Redaction. Die Entwickelung der synagogalen Liturgie bis uach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P. Minkowskv, Obercantor der Brodher Gemeinde szu Odessa. II. Die christliche Religion, die in ihrem Anfänge einen Compromrss zwischen dem Göttlichen und Menschlichen geschlossen hatte, tonnte auf keinen der beiden Grund«' in ihrer Kirchenmusik verzichten. Die christliche Musik musste das Organ des Göttlichen sowohl wie des Menschlichen werden. Sie musste die Jncarnation des Erhabenen in dein Schönen, die Verkörperung der Ethik in der Aesthelik präsentiren, wie j es der Sprache eines Gotrmenschen ziemt. Jedoch, um dieser Vereinigung eine christliche Färbung zu verleihen, und besonders nachdem das Christenthum sich stark genug fühlte, eine selbständige religiöse Evolution durchführen zu können, konnte es nicht mehr beim Alten bleiben. Die erste christliche Gemeinde begnügte sich mit einer Art Zwittermnsik, die zur einen Hälfte Judenthum mid zur zweiten Heidenthum darstellte. Auibros sagt: „Wir werden gleich in den Anfängen der christlichen Zeilen die Elemente ans Palästina und aus Hellas wie zwei Ltröme zusammen und ineinander fließen sehen. Von der Nu8iea sacra der Hebräer holte sich die Musik des Ehrisrenthums die Heiligung, von der Tonkunst der Griechen holt sie sich Form, Gestalt und Schönheit?) Dieser Stand der Dinge konnte nicht lange dauern. Nachdem die ersten Prüfungen und Drangsale der neuen Gemeinden überstanden und die Zahl der Bekenner des neuen Glaubens mit der Zahl der christlichen Triumphe gewachsen war, begann der alte Contraft der beiden Conceptionen aufs Neue sich wieder fühlbar zu machen. Der religiöse Eompromiss erwies sich als zu schwach, um eine gründliche und definitive Vereinigung zwischen zwei feindlichen Elementen, zwischen dem! Leben des Geistes der Juden und * * Geiste des Lebens der! Heiden, die sich in ihrer Musik so treu abspiegelten, auf lange zu treffen. Die alte Feindseligkeit der Beiden, welche eine kurze Zeit ftillgeftanden harte, brach mit neuer Kraft in der Kirche aus, so dass jeder der Beiden in der Vernichtung des Zweiten die einzige Rettung seiner eigenen Existenz sah. Es war Sitte, dass außer dem traditionellen Gesänge der Psalmen Davids dieser oder jener aus der Gemeinde aufftaud und das Lob Gottes sang, wie es ihm eben die augenblickliche Begeisterung eingab. (Aehnliches hat Schreiber dieser Zeilen bei dem Gottesdienste der Quäcker in ihren „Homes of f'riends“ gesehen.) Das ist, was der Apostel Paulus „Geistcsgesäuge" oder „Gesänge begeisterten Anhauchs" nennt, im Gegensätze zu den mündlich oder schriftlich aufbewahrren Psalmen und Hymnen. „Wenn das Wasser zum Handwäschen herumgereicht und Licht gebracht worden" schreibt Tertuüian, „so wird ein Jeder aufgefordert, mitten unter den ») Ambros Geschichte der Musik Bd- I. S. 196. Andern Gott mit Gesang zu preisen, entweder nach Worten der heiligen Schrift, oder aus eigener Erfindung, wie er esvermag?). Machte eine solche Improvisation Eindruck aus die Hörer, so wurden ohne Zweifel ihre Gedanken und Wendungen bei nächster Gelegenheit wiederholt, und so mögen die allerersten specifisch christlichen Gesänge als echte Volksdichtungen wie von selbst entstanden.sein"?) Eine neue Gefahr drohte der Kirche aus den freien Liedern, aus den Improvisationen der vielfarbigen und kosmopolitischen Gemeinden in Folge des allzufreien Gottesdienstes. Jede Partei strebte darnach, unbedingt ihren Nationalismus der Kirchenmusik auszubürden; jedes triviale Lied drängte sich mit Allgewalt in den Gottesdienst hinein. Je mehr die neue Gemeinde anwuchs, je größer die Zahl der Kirchen in den verschiedenen Ländern und mit ihnen auch! die Zahl der wiederkehrenden Gedächtnisfeiern der Hauptmomente der heiligen Geschichte, oder der zum Andenken an geopferte Glaubenshelden veranstalteten Feste und Ceremonien wurde, desto mehr wuchs auch die Gefahr der Kirchenzerrüttung , in Folge des allzu großen nationalen Antagonismus. In Kurzem, die neue Religion und mit ihr die Kirchenmusik lief Gefahr durch den Nationalismus. Um diese Gefahr zu vermeiden, sahen sich die Väter der Kirche gezwungen, eine Trennung zwischen Judenthum und Heidenthum in ihrer Kirchenmusik einzurichten, und zwar musste das Nationale im Sinne der alten Völker weichen, um dadurch das Religiöse mehr gedeihen zu lassen. Es konnte dem einzelnen Gläubigen füglich nicht überlassen werden, wie er Gott im Gesänge nach dem Drange seines Herzens preisen wolle. Die Kirche musste auch für die Gesänge. eine bebcftimmte Norm, einen gewissen Ritus vorschreiben. Man musste daher auch einige Sänger zur Verfügung haben, welchen jedesmal genau vorgeschrieben war und welche genau wüssten, was und wie sie zu den geheiligten Ceremonien zu singen hätten. Schon das Concil zu Leodicia im Jahre 367 ordnet an: „es solle kein Anderer in der Kirche singen, als die dazu verordnelen Sänger von ihren Tribünen"?) Anstatt des politischen Nationalismus der Heiden, die das Menschliche über das Göttliche erhoben und zur Differenzierung der Klassen führten, gründeten die Kirchenväter ein neues Kirchenemblem unter dem Titel „Katholicismus", unter dessen Banner alle Bekenner des Glaubens, ungeachtet der Verschiedenheit i der Grenzen, Sprachen, Abstammung re. sich die Hände reichen i sollten. In der Kirche sollte die Musik, wie sie einst im Tempel zu Jerusalem gewesen, ethisch, religiös, vereinigend und concentrirend wirken, dagegen sollen für den Hellenismus mit seinen ästhetischen Aspirationen ganz andere Stätten, in denen der Geist des Lebens mit allen seinen Leidenschaften zur Geltung kommen solle, errichtet werden. Schon der' heilige Ambrosius hebt ganz ausdrücklich den tiefen Unterschied zwischen dem Kirchengesang und der Theatermusik der Heiden hervor/indem er sagte: „Diese chromatische Theatermusik verweichliche und reize zur sinnlichen Liebe, jene andere singe im Einklänge der Stimmen das Lob Gottes.") (Fortsetzung folgt.) 2) Tertull. Apolog. 39. s) Die ersten Zeiten der christlichen Welt und Kunst Ambrot Geschichte der Musik. Bd. 2, S. 4. *) Conc. Laodic. Can. XV. Auch Ambros Geschichte d. SK» Bd. 2, S. 12. 5) Hax&meron VI.

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