Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 17 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063130--01890-3068519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 17. Die Wahrheit. Katzau, Heinrich N ir enste i n, Dr. Alfred Stern, Dr. Sigmund Wahr mann neuerdings in den Vostand. Nach Erschöpfung der Tagesordnung schloss der Vorsitzende die Versammlung, deren oft dramatisch bewegte Episoden nachher in einzelnen Conventikeln noch lebhaft besprochen wurden. Orsterreichisch-ÄsraMische Anion. Samstag, den 19. April fand im Restaurant Khuner die siebzehnte ordentliche Generalversammlung der Oefterreichisch- Zsraelitischen Union statt, welche überaus zahlreich besucht war. Unter den Anwesenden bemerken wir de» Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Herrn kaiserl. Rath Heinrich Klinger, den Biceprasidenten, Herrn Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, die Vorstandsmitglieder Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, Oberingenieur Arthur Edler v. Mises und kaiserl. Rath Wilhelm Pollak, ferner Herrn kaiserl. Rath Adolf Ruzicka, Docent Dr. Josef Grünfeld und Consul Marek u. v. A. Nachdem der Präsident, Herr Maximilian Paul-Schiff, die Gäste begrüßt hatte, erstattete der Leiter des Rechtsschutzbureaus, Secretär Siegfried Fleischer, folgenden Rechenschaftsbericht : „Geehrte Versammlung! Die allgemeine politische Lage hat auch im ubgelaufeneu Jahre keine derartige Wandlung erfahren, dass wir Ursache gehabt hätten, aus der seit Jahren beobachteten Reserve herauszutreten. Inmitten der leidenschaftlichen nationalen Kämpfe, die unser Vaterland durchtobten, halten wir den Standpunkt der Defensive noch immer für den allein richtigen und den Interessen der österreichischen Judenfchast zweckdienlichsten, und wir haben daher nach wie vor das Schwergewicht unserer Vercinsthätigkeit in unser Rechtsschutzbureau und in den weiteren Ausbau seiner Organisation verlegt. Wenn wir im Vorjahre mit Befriedigung constatiren konnten, dass unsere Bemühungen, Recht und Ehre unserer Glaubensgenossen zu schützen, bereits im ganzen Reiche Zustimmung und Würdigung finden, und dass der Titel: „Oester- - reichisch-Jsraelitische Union" endlich zur Wahrheit zu werden beginne, so dürfen wir heute mit erhöhter Genugthung ans die weiteren Fortschritte, die unsere Bertheidigungs-Organisation im Bereinsjahre 1901/1992 gemacht hat und durch welche die „Oesterreichisch-Jsraelitisch Union" zur numerisch stärksten Vereinigung Oesterreichs emporgewachsen ist, Hinweisen. Erneu gesonderten Bericht über die Thätigkeit des Rechts schutzbureaus glauben wir Ihnen angesichts der Thatsache, dass alle wichtigeren Fälle in unserer Monatsschrift eingehend mit- Hetheilt wurden, nicht vorlegen zu sollen. Auch der Journalauszug, der an die Theilnehmer der heutigen Versammlung veriheilt wurde, gibt eine zwar eine knappe, aber umfassende Darstellung dieser Thätigkeit. Der erwähnte Journalauszug ist in letzter Zeit von christlich-socialer Seite zum Gegenstände hestigrr parlamentarischer Angriffe gemacht worden. Wir haben keine Veranlassung, uns mit diesen Angriffen naher zu befassen. Die Erbitterung der Gegner beweist nur, dass wir uns auf dem richtigen Wege befinden und dass sie unsere rastlose und ronsequente Ausnützung aller Rechtsmittel bereits zu spüre» beginuen. Was wir unternehmen, vollzieht sich im vollen Lichte der Oeffentlichkeit. Wir haben nichts zu verschweigen und zu verschleiern, denn wir stehen nicht auf dem Standpunkte des Schutzjudenthums, sondern auf jenem vollberechtigter Staatsbürger, die nichts verlangen, als die gerechte und gleichmäßige Anwendung der Gesetze. Den stetigen Ausbau unserer Organisation mögen Ihnen die nachfolgenden Ziffern veranschaulichen: Bei der vorjährigen ordentlichen Generalversammlung hatten wir einen Stand von 2477 Mitgliedern, von denen 139 in Folge Ablebens rc. ausschieden. Es verblieben sonach 3338 Mitglieder. Am 31. Deceurber 1901'- erreichte der Stand 4503 und am 15. April 1902 die Zahl von 5690 Mitgliedern. Wir haben sonach seit der vorjährigen Generalversammlung einen Zuwachs von 2213 Mitgliedern zu verzeichnen. Bei der vorjährigen Generalversammlung belief sich die Zahl der Cultusgemeiuden und Ortschaften, in denen ' wir. vertreten, waren, auf 126, am 31. December 1901 auf 247. Diese Ziffer hat sich bis 15. April auf 313 erhöht. Wir zählen gegenwärtig in Wien 2047, in der Provinz 3620 Mitglieder, und dieses Verhältnis bestätigt neuerdings die Thatsache, dass wir in der Reichshauptstadt mit einer starken Indolenz unserer Glaubensgenossen gegenüber ihren eigenen, vitalsten Interessen zu kämpfen haben. Umsomehr erkennen wir es als unsere Pflicht, rastlos an der Erweckung der Geister und an der Propagierung unserer gemeinnützigen Bestrebungen zu arbeiten. Der Leiter unseres Rechtsschutz-Bureaus hat im abgelanfenen Jahre weitere 52 Wanderversammlungen abgehalten. und zwar 4 in Wien (Mariahilf Neubau, Fünfhaus- Rndolssheim-Meidling, Landstraße und Margarethen-Wieden), 1 in Niederöstcrreich, ferner 24 in Mähren. 3 in Schlesien und 20 in Böhmen. Mit innigem Danke gedenken wir hier der ehrenvollen und herzlichen Aufnahme, deren sich unser Deligirter beim Prager Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten und seitens der Vorsteher aller von ihm besuchten Cultusgemeinden zu erfreuen hatte. Unter den Provinzstädten sind derzeit Budweis mit 108, Graz mit 105, Prag mit 117, Pilsen mit 139 und Teplitz-Schönau mit 156 Mitgliedern vertreten. Mit lebhafter Freude erfüllte uns ein Zeichen der Theilnahme, das wir von jenseits des Weltmeeres durch den Beitritt und die Anerkennung unseres Landsmannes Herrn Kauderer in Rio de Janeiro erhielten." Der Bericht hebt sodann die umfassende Geschäfts-Thätigkeit des Vereines hervor, verweist aus die einzelnen im Laufe des Jahres abgehaltenen Vorträge, aus den Vortheil der Monatsschrift des Vereines und das Erträgnis der Herausgabe des „Union-Kalender" und wendet sich hieranf mit folgenden Worten dem vor einiger Zeit stattgehabten Wechsel in der Vereinsleitung zu: „Das markanteste Ereignis in unserem inneren Vereinsleben war der im Laufe des Berichtsjahres eingetretene Wechsel im Präsidium. Mit lebhaftem Bedauern haben wir Herrn kaiserl. Rath Ruzicka, der sich um unseren Verein so hervorragende Veridenste erworben hat, scheiden gesehen, und wir konnten dem trefflichen Manne nur einen Beweis unserer dankbaren Anerkennung durch seine Ernennung znm Ehrenmitgliede und Beirath der „Union" gegeben. — In der am 12. October 1901 stattgehabten außerordentlichen Generalversammlung wurde Herr Maximilian Paul-Schiff einstimmig zum Präsidenten gewählt, der in einer viel beachteten Antrittsrede nicht nur die Zusage ertheilte, den Verein im Geiste seiner verdienten Vorgänger fortführen zu wollen, sondern auch eine Reihe von programmatischen Gesichtspunkte entwickelte, welcher die kraftvolle Zusammenfassung der gesammten österreichischen Jndenschaft betreffen und die Zustimmung auch solcher Kreise fanden, die den Bestrebungen der „Union" bisher fernstanden. Zum Schluffe, nehmen wir mit Vergnügen Anlass, allen jenen Herren, welche als Abgeordnete, als Beiräthe und als Vertrauensmänner unsere Rechtsschutz-Thätigkeit mit Rath und That unterstützten, unseren wärmsten Dank auszüsprechen. Ebenso danken wir der gesammten freisinnigen Presse, insbesondere der „Oesterreichischen Wochenschrift", der „Neuzeit" und der „Wahrheit", für die Förderung unserer Bestrebungen. Geehrte Herren! Die consequente und energische Zurück- Weisung jedes Unrechtes mit allen gesetzlichen Mitteln, die von uns rastlos geübte politische Erziehung der österreichischen Jubenschaft, die unermüdliche Propaganda, die wir für die Taktik der fruchtlosen Selbsthilfe entfalteten, haben uns manche, nicht unbedeutende Erfolge gebracht. Aber noch immer sind Kleinmuth und Gleichgiltigkeit im eigenen Lager unsere schlimmsten Feinde, die wir nur dann besiegen können, wenn Sie affe mithelsen, um jeden uns noch serüsteheubeu Gläubensgenoffen.. an seine Pflicht gegen die. GesammtheitM errinnern. Die Erkenntnis muß eine allgemeine werden, dass nur derjenige wexth', ist, ein Recht zu besitzen, der auch den Muth und die Kraft^