Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 17 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 17. Rotterdam expedirt. Die Mitwirkung der „JsraelitifchenMllianz"! beschränke sich bei diesem Theile der Emigration daraus, dass! sie den Behörden gegenüber die ersorderliche Garantie übernahm; und dass wir in Wien die Kosten des Aufenthaltes und der z Verpslegmtg trugen. Durch diese theilweise Entlastung unseres j Hilfswerkes, waren wir in der Lage, unsererseits eine rationelle j Emigration in der Weise zu unterstützen, dass wir solche Her-; Ionen und Familien, welche von ihren bereits in. Amerika! «tablirten und vom eigenen Erwerbe lebenden Anverwandten Schiffskarten erhallen hatten, bis zu den Hafenstädten— nach; Rotterdam, Antwerpen, Hamburg — beförderten. Ferner j übernahmen wir es, die Frauen und Kinder der bereits im > vorhergehenden Jahre nach Frankreich und England ausge-! wandelten Emigranten, zu ihren Ernährern nach Paris, London, i Manchester und anderen Städten zu senden. Der Umstand, \ dass die Grenze nach Norddeutschland für jeden nicht mir voller; Bahnkarte über das gesammte deutsche Gebiet hinaus versehenen! Auswanderer gesperrt ist, erhöhte für uns die Schwierigkeiten j mld Kosten. | Unter den reichsdeutschen Städten war es — wie wir j dankbar hervorheben können — München, wohin wir, als die j nach Paris reifenden Frauen und Kinder immer zahlreicher > wurden, die Emigranten mit Empfehlungen schicken konnten, in J der Sicherheit, dass dieselben ohne Hindernis vorr dort weiter! befördert werden würde». Ferne» hat in Leipzig der Vorstand! der israelitischen Religionsgemeinde nach Ueberwindung großer 1 Hinderniße es bereitwillig übernommen, auf unser jeweiliges telegraphisches Ersrrchen die nach Rotterdam gehenden^ Auswanderer-Gruppen während des dortigen kurzen Aufenthaltes zu verköstigen und vor Ansbeutnng zu schützen. Parallel mit dieser Aufgabe der Weiterbeförderung welche, sich, wie in der dem Berichte beigegebenen Tabelle veranschaulicht wird, auf tausende Personen erstreckte, hat unser Bureau eine zweite, unerlässliche Psticht zu erfüllen, nämlich Familien und Einzelnen, für welche eine Zulassung zur Landung in überseeischen Häfen nicht zu erwarten war und eine Aussicht^ auf Lebensunterhalt in westeuropäischen Ländern nicht bestand, j die zur Rückkehr nach ihrer Heimat, zum überwiegenden Theil bis zu ihren rumänischen Herkunftsorten, erforderliche Unterstützung zu gewähren." In einer übersichtlichen Tabelle theilt der Bericht die statistische»» Daten der. rumänischen Emigration und der Repatriirung mir, aus welcher hervorgeht, dass die „Israel. Allianz" im Jahre 1901 zum Theile aus eigenen Mitteln, zum Theile auf Rechnung der I. C. A. 2647 Personen weiterbefördert und 871 in ihre Heimat zurückgefendet, zusammen also 3518 Personen befördert hat. Die Kosten dieses Hilfswerkes beliefen sich in den Jahren 1900 und 1901 auf 337.037 57 Kronen und die Spenden nur sehr spärlich liefen, hatte die „Israel. Allianz" am Ende des Berichtjahres ein Deficit von 96.316 Kronen. Der Bericht verweist hierauf auf die Verschlimmerung der ohnehin schrecklichen Lage der rumänischen Juden durch das demnächst in Kraft tretende neue rumänische Gewerbegesetz hin, das beu rumänischen Juden die Existenz im Lande geradezu unmöglich macht. ,,Die liberale öffentliche Meinung in Europa hat die Tendenz der neuen drückenden Maßregeln bereits wiederholt verdammt. Und doch ist das aller Menschlichkeit und Gerechtigkeit hohnsprecheude Gewerbegesetz nicht das einzige Verhängnis, das die jüngst verstosfenen Monate über die unglücklichen Juden in Rumänien gebracht haben. Eine zweite Wolke schwbet noch über ihrem Haupte in Gestalt eines neuen Gesetzes für die Dorfgemeinden (police rurale), das nur wegen Vertagung der Kammer auf den kommenden Herbst verschoben wurde, und wenn es, wie sehr zu befürchten ist, zur Annahme gelangen sollte, seinerzeit für nahezu 53.000 in Dörfern und Marktflecken wohnenden Juden den Aufenthalt und die Existenz in Frage stellen würde. Diese neuen drückenden Maßregeln haben in weiten Kreisen der sich noch kümmerlich ernährenden, aber vom gänzlichen Ruin bedrohten Judeuschaft des Landes eine Panik und infolgedessen eine verstärkte Emigrationsbewegung hervorgerufen. Da jedoch die Bewegung gegen die Einwanderung in England und die Ueberfüllung der großen amerikanischenZ Städte dahin geführt haben, dass die vpm Wen Willen beseelten Comites in Lostdon, wie in den transatlantischen' Ländern angesichts der bestehenden strengen Bedingungen für die Zulassung der Einwanderer die unvorbereitete und unorgauisirte Emigration als undurchführbar und.für die Auswanderer geradezu verhängnisvoll erklären, so'hielte»! wir es für unsere dringendste Pflicht, durch eindringliche Warnungen und Vorstellungen die Aussichtslosigkeit einer Weiterbesörder»»ng in den Kreisen unserer rumänischen Glaubensgenossen bekannt »verden zu lassen, um hiedurch der drohenden erneuten Massenbewegung einen Da»nm zu setzen. Umsomehr aber erwächst für uns die ernste Obliegenheit, im Laude selbst den Verfolgten wirksam zu Hilfe zu kommen, sie im Rahmen der Gesetze vor Vergewaltigungen zu schützen und die wirthschastlich Ruinirten aufzurichten. Rach dieser Richtung wird sich unser Hilfsiverk fernerhin bewegen müssen und »vir richten die innigste Bitte au unsere Glaubensgenossen, wir richten sie an alle Menschenfreunde, uns ihre Unterstützung in reichem Maße zuwenden zu wollen. De»tn hier gilt es, gegen Verhältniße anzukämpfen, »velche jeden Israeliten lebhaft an den uralten Druck erinnern, der auf unseren Vorfahren in Mizrajim gelastet, an die Knechtschaft und die Misshandltlngen im Reiche der Pharaonen. Gewähren Sie uns die Mittel, um im Verein mit den gleichgesinnten Corporationen in anderen »vesteuropäischen Ländern wenigstens einen Theil des Jammers und Elends zu lindern, in »oelchem Männer und Frauen, Greise ^und Kinder lediglich wegen ihrer Angehörigkeit zum jüdischen Stamme und religionsbekenntniße zu schmachten haben!" Von der Verlesung des »veiteren Berichtes, der detaillirte Angaben über die an Schulen, Gemeiltden unb Vereine ertheilten Subventionen enthält, »vird Abstand genommen und hierauf die Debatte über den Bericht eröffnet. Dr. H e r z l erklärt eingangs seiner Ausführungen, dass er und seine Gesinnungsgenossen keinestvegs in revolutionärer Absicht in die Versanunlung gekommen seien, und er »verde sich freuen, »venu die he»»tige Debatte in streng sachlichem Tone, den er-selbst einzuhalten gewillt sei, verlaufen »verde. Zunächst gibt der Redner seiner Befriedigung Ausdruck, dass mehrere Stellen des Berichtes, besonders jene, die von der Heimatlosigkeit der Juden sprechen uub die Zustände in Rnlnänien mit den Verhältnißen! in Mizrajim in den ersten Zeiten des jüdischen Volksthuines vergleichen, eine zionistische Färbung haben. Die Sache selbst sehen wohl Alle ziemlich gleich an, nur in den Mitteln, die zur Abhilfe der vielfachen Calamitäten führen sollen, könne er mit der Leitung der Allianz nicht übereinstilmnen. Er richtet an den Vorstand die Anfrage, was derselbe zur Abstellung der schrecklichen Nothlage in Rumänien gethan habe, welche Regierungen diesbezüglich angegangen wurden und ob die seinerzeit in Aussicht gestellte Conferenz stattgefunden habe. Dr. Werner tadelt, dass die Allianz dem in § 1 der Statuten ausgesprochenen Ztvecke „Volkserziehung" nicht genügend entspreche. Zur Volks erziehung gehöre unbedingt auch die Unterstützung der körperlichen Pflege, und trotzdem habe der Vorstand die Subventionirung des in Wien bestehenden jüdischen Turnvereines abgelehnt. Wegen verspäteter Zustellung der Einladung zur Generalversammlung sei ihm die Möglichkeit benommen »vorden, einen diesbezüglichen Antrag rechtzeitig einzubringen, und er beantrage daher die Annahme einer Resolution, dass dem jüdischen Turnvereine eine Subvention bewilligt »verde. Dem Redner handle es sich nicht um die Summe, sondern um das Princip, das durch, .die Subventionirung zum Ausdruck gelangen solle? Herr Max B e r n h a r t findet unter den subventionirten Vereinen solche, die erwiesener Maßen antisemitische Tendenzen verfolgen, hingegen wurden den jüdischen Studentenvereinen die