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Die Wahrheit · 1902-04-18 · Heft 16 (18.4.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 Die Wabrkeit Seite 9. Das Laddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (21. Fortsetzung.) Frau Munk machte heute bei der verwittweten Gerichts- .räthin Schröder ihren längstversprochenen Kuffeebesuch und so hatte Else wohl nichts Besseres zu thun, als die Erlebniße des gestrigen Saisonballes an ihrem Geiste vorbei passieren zu lassen. Da war der blonde Leutnant v. Wlitzingen. „Potz - tausend, hatte der ihr den Hos gemacht!" j Sie lachte leise vor hin, so als ob sie sich im tiefinnersten j .so recht amüstrte. Ihre Gedanken spannen sich weiter, der! brünette Hüne Baron v. Grasholm, ein Attache, kam an die! Reihe, dann Eduard Struensee „der schöne Geli" „der Löwe! der Residenz" — ah! wie sie alle an ihrem Triumphwagen zogen, wie sie so gern sich unter ihr Joch beugten, und wie sie alle ihr so gleichgiltig waren, ja so banal erschienen, so fade, fast langweilig mit ihren ewig lächelnden Gesichtern, ewig complimentirenden Reden. Und dann der — — Else schüttelte wie abwehrend das schöne Haupt — „Ach tvas, das wollte sie nicht, nein, nein, das durfte nicht sein, das hatte keinen Sinn!! Sie wollte nicht mehr an den Ball denken. „Minni", ries sie wie hilfeflehend — das Mädchen eilte herzu. „Leg' bitte noch etwas Holz auf, es wird kalt, glaube ich!" Ja, es ist bitter kalt draußen, gewiß Fräulein Munk — ja — natürlich." Das Mädchen, dem Else mit Mühe das „gnädige Fräulein" und „Gnädige befehlen?" abgewöhnt hatte, holte schnell einige trockene Scheite herbei, die auch bald Feuer fingen, um die! Glut noch zu verdoppeln.! „So, ich danke Dir Minni, und zu halb 7 Uhr besorge j einen Wagen und lege den Pelzmantel zurecht!" t Habe ich bereits erledigt, wusste ja, dass Sie heute noch I singen würden, trotz der Absage, aber Fräulein erwarten doch j noch Besuch, wie ich weiß, oder ist abgesagt?"! Nein Minni, die junge Dame kommt. Führe sie dann! in den Salon, doch warte, der ist so kalt, so nüchtern, — nun l ja — also führe sie in den Salon!" — So geräuschlos, wie sie es betreten hatte, verließ Minni das Zimmer, und Else Munk starrte wieder unablässig wie; vordem in die blaurothen Flämmchen. „Wie sie sich um das! Holz züngelten und so langsam aber doch so sicher es verzehrten, - diese kleinen blitzenden Flammen, wie sie anfleuchteten, um dann! -wieder in der dunklen Glut säst zu ersterben. Wie das Holz in sich zusammensank, und wie die kleinen Aschenstückchen noch langsam in weißlicher Färbung nachglühten. Ein ganzes Menschenleben, dieses Holz, dieses Feuer. — So wird auch das Herz umzüngelt von den gleißend, blitzend verheerenden! Flammen, von Liebe, Hass — Missgunst — und so, wie das! Holz da in sich zusammenfinkt, verzehrt von der Glut, und wie! die Asche noch nachglimmt — so auch ift's um das menschliche j Leben bestellt — so sinkt es 'zusammen in sich selbst, in 'Nichts."! Else zuckte zusammen, — „in ein Nichts!" flüsterte sie — dann war es ihr, als ob die summende Glut ihr Märchen erzählen wollte und als sie lauschte, da kam ihr die Stimme so bekannt vor. „Ich möchte ihr Freund sein, glauben Sie mir!" Else lächelte selbstvergessen. Einen Augenblick aber umgab sie sich diesem Flammenmärchen, diesen - glutgeborenen Erzählungen hin, im nächsten schon dachte sie darüber nach — über ihn, über — „Ja, weshalb war er so plötzlich verschwunden — so ganz ohne auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, mit ihr noch zu plaudern? Weshalb dachte sie eigentlich über ihn mehr nach, wie über die anderen alle wie über Wlitzingen oder Strunnsee? Eigentlich! — Es war wohl der Wohllaut seiner schönen Stimme, und dann, sie hatte ihn in ihr Herz blicken lasten! — Wie hatte er sich so schnell ihr Vertrauen erworben?!" Sie kannte sich selbst nicht mehr — aber — sie wollte sich kennen. Es war wohl die Glut des Kaminseuers, deren Wiederschein auf ihrem Antlitz spielte, als sie daran dachte, dass dem ihr noch fremden Manne, dem Componisten ohne großen Namen, ohne Bedeutung — ja, wie hieß er doch — ach so — ganz, recht — Leon Wild — Dr. Leon Wild, dass sie ihm sich gleich so aus ihrem Innersten heraus zeigen konnte. — — „O mon Dienl Sie würde ihn vielleicht nie Wiedersehen, und wenn, dann würde sie ihm ausweichen. sich ihm kalt zeigen, lknd doch — sollte er wirklich?-Wie er sie ansah — wie er so zu ihr sprach — so eigenartig — nein, nein!", sie. stampfte leicht mit dem Fuße, „das war nicht Lüge, der war anders wie die Andern, der musste anders sein! — Oder doch! — Weshalb hatte er sie so völlig ignoriert, sollten ihn die vielen Fracks, die Uniformen abgeschreckt haben?! Unsinn — wenn er gewollt hätte, so hätte er wie so viele — die anderer! alle — in ihrer Nähe bleiben können — mit ihr plaudern — aber so — ach was, der hat längst vergessen". Sie wollte auch vergessen. Aber in der Glut stiegen ein paar rehbraune Kinderaugen auf — ja Leon Wild hatte Kinderaugen — so mild und so feucht. — Sie schürte das Feuer — aber die Augen blieben vor ihrer Seele — — „Fräulein Munk!" Else zuckte zusammeu. — Die Stimme ihres Mädchens hatte den Zauber gelöst. „Was ist's Minni?" Fräulein Gutkind, nicht wahr? Else strich sich die Haare aus der Stirn, dann sprang sie hastig auf.-— — — — — —-— — —- Alice hatte die Künstlerin um eine Unterredung gebeten, und als Else aus das junge Mädchen znlrat, ahnte sie sofort, was in der jungen Seele da vorging. „Ein Schmetterling, der das Licht umflattert, den die Sonne anzieht", dachte sie, und ihr herzlich die Hand entgegenstreckend, begrüßte sie so ganz sans gene die Tochter des reichen Bankiers. „Treten Sie näher mein Fräulein! Hier plaudert es sich nicht gut, in dem großen Raum kommt man sich so gezwungen vor, bei mir drin ist es gemüthlicher und auch wärmer." Als Alice der Künstlerin gegenüdersaß und die großen strahlenden Angen Else Munks ans sich ruhen fühlte, hob sie langsam den Blick. „Ich möchte Sängerin werden!" Else lächelte fein, „ich dachte mir, dass Sie mich deshalb aufsnchen, mein Fräulein, Sie werden aber unbefriedigter, als Sie gekommen sind, von mir gehen. Fühlen Sie denn wirklich die Kraft in sich, das Bühnenleben mit all' seiner Freude, mit all' seinem Leid ertragen zu können? Glauben Sie wirklich, zufrieden zu werden und glücklich? Dort oben auf den Brettern, „die die Welt bedeuten sollen", größtentheils aber nichts weiter, bedeuten, als, wenn das Leben dort ernst genommen, wird. „Arbeit" unb im Gegentheil ein „Abgrund"; Ja, mein Fräulein der Schauspieler hatte Recht, der da sagte: „Aus der Bühne ein König, drei Stunden lang ein Wahn — dann ein Bettler. „ Es braucht dies Wort nicht stets auf die Leere oder Fülle des Geldbeutels angewandt zu sein, es gibt auch eilt Herz und eine Seele, die sich in Illusionen wiegen, und dann eines Tages aus diesen Träumen aufgeschreckt werden durch ein häßliches Wort da hinter den Coulissen. Wenn es Ihnen jedoch keine Ruhe gibt, wenn Sie nicht anders können, wenn Sie wirklich glauben, sich heraussingen zu müssen, so widmen sie sich der Arbeit unserer Kunst, vielleicht wird es für Sie Illusion bleiben, auch außer den drei Stunden des Spiels, dann wohl Ihnen. Ich glaube nicht mehr daran. Ich singe, weil ich singen muß, aber die „Welt" bedeuten die Bretter nicht mehr für mich — die Welt bedeutet für mich ein — — doch verzeihen Sie, Sie wollen ja meinen Rath als Künstlerin und nicht meine Meinung als Weib. — Nun denn als Sängerin sage ich Ihnen — singen Sie, fangen Sie an. Wie man es anfangen soll — wo und wie man aufhört, das kannn ich Ihnen nicht sagen, das lässt sich nur durchlebe», beschreiben nie". (Fortsetzung folgt.)

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