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Die Wahrheit · 1902-04-18 · Heft 16 (18.4.1902) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Kesterr.-ungar Vir. 16. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." Die Eutwickcluiig der synagogalen Liturgie bis nach -er Reformation des 19. Jahrhunderts. Von P. M i n k o w s k y, Obercantor der Brodyer Gemeinde ^zu Odessa. Am eine richtige Analyse der jüdischen liturgischen Musik im Allgemeinen und besonders der Reformation unseres Gottesdienstes des 19. Jahr Hunderts zu treffen, müssen wir einen Rückblick auf die Entwicklung der heiligen Musik bei den antiken Völkern wie auch bei den modernen christlichen Völker werfen wodurch die Eigenschaften und Mängel unserer modernen Liturgie von selbst sich darstellen werden. Auf zwei Motiven, dem religiösen und dem nationalen, ist die allgemeine Musik und besonders der liturgische Gesang der claffischeu, wie auch der christlichen Völker aufgebaut und ungeachtet des Wechsels der Religionen und der verschiedenen Gestaltung der Völker, sind dieselben in ihrer Wirkung stetig geblieben. Zwischen beiden Kräften herrschte immer eine gewisse Rivalität, indem jede nach dem Vorrang als Zweck strebte, die andere auf den zweiten Platz, als Mittel zum Zweck, zu drängen suchte. Das Religiöse in der Mllsik ist das Himmlische, das Nationale das Irdische. Das Letztere ist das Menschliche, das Elftere das Göttliche. Jenes ist immer besch .änkt in seinen Grenzen, dieses dagegen grenzenlos und unendlich. Wehe dem Tonkünftler, der blos im naticnalen Sinne componirt! Er ist dadurch gezähmt, ohne sich die mindeste Bewegung erlauben zu können. Seine Wege sind abgeschnitten und seine Phantasie von vornherein aller Freiheit berankt. Aber auch der Weg des Componisten, blos im Geiste der Religion, ist nicht ans Rosen gebettet, weil seine unbeschränckte Phantasie allen menschlichen Grenzen spottet, und je näher sie zur Gottheit schwebt, desto weiter entfernt sie sich vom Menschen, bis sie mehr auf Zufriedenheit der Engelschaaren als auf die Emvfänglichkeit der Sterblichen rechnen darf. Erft dann erreicht die Musik im Allgemeinen nird besonders in der Liturgie ihr höchstes Ideal, wenn die beiden Kräfte in ihr vereinigt sind. Die Verhältniße der beiden Krätte zur Musik, wie auch ihre alternirende Stellung zu einander im Laufe der Geschichte, als Zweck oder als Mittel zum Zweck, gestaltete fich nach der religiösen Eoi.cepiiou der Völker und ihren verschiedenen Ai'.schannngen über ihre Kosmogonie und Theogonie. Dieser Corrtrast spiegelt sich nicht nur bei den modernen Völkern ab, sonvern ist auch in der antiken Epoche bei Inder: und Hellerren zu siirden. Wie die Hellenen das Mcnschlictre in ihrerr Göttern verehrt haben, weil in Hellas überhaupt der Mensch seinen Elohim nach seinem Geschmacke modellirie —Hesiod, Praxiteles, Phidias rc. dreSchöpfer der Görter des Olymps schmückten ihre Schöpfungen mit allen menschlichen Leiderrschaflen urrd Lebenstrieben aus — so betrachteten auch ihre Toukünsttcr die Musik zuerst als Organ des j Menschl cheu, des Nationalen. Und darum herrschte in Hellas! ein ewiger Wettstreit zwischen den verschiedenen Stämmen und i Völkerschaften; st des Völkchen strebte darnach, der Vorzug seines nationalen Begriffes den Rivalen gegenüber zu zeigen; jeder Stamm wetttiserte, die Ueberlegcnheit seiner Jndividuäliiäl zu beweisen und eigene Scalen, die seinerr Namen trugen, zu schaffen. Ter nationale Schwung, der das Religiöse hinter sich schob, Zvar die Ursache der verschiedenen Torrarlen: dorisch, jonisch, -sydisch, phrygiftv, äolisch rc. Diese. Scalen wurden als Eigenihum ihrer Erfinder betrachtet, au die kein Anderer sich herwagen durste. Das Menschliche gewann bei den Hellenen so sehr Oberbnnd über das Göttliche, dass bei den Wettkämpfen der Gymnastiker, Spieler. Dichter und Sänger in Olymp ia, an! bencu uad> der Mythe auch höhere Wesen wie Götter und Halbgötter, Erfinder der verschiedenen Instrumente, Patrone der > Dicht- und Singkunst, Beschützer der Scalen rc. sich betheiligten,! das Volk als Richter, die Menschheit als höchste Instanz über! Kunst, Künstler und Mnien sungirle. Das Resultat einer solchen Concepkion war ein unaufhörliches Streben nach äußerlicher Förmlichkeit und Schönheit und ilach Erfüllung aller Bediirgungen der Aeflhelik. Die Inden hingegen, die seit jeher das Göttliche im Menschen würdigen, weil Elohim nach seinem Bilde den Menschen schuf, suchten immer zuerst das Religiöse und erst nachher das Nationale in ihrer Musik auszudrücken. Nie hat topographische Entfernung, auch nicht die Theilnng in die beiden Reiche Israel und Juda, während des ersten Tempels, oder des Prälendentenhaders in der Epoche der Makkabäer und Herodäer, irgend einen Einfluss auf den jüdischen Gesang ansgeübt. So lange Jahre die anerkannte Gottheit in Israel war. so lange der Monotheismus im Volke Anhang gesunden har, sangen alle Stände und Stämme Israels, unabhängig von Orr und Zeit, dieselben Weisen, dieselben Scalen Psalmen und Melodien. Hellenisulns und Indenlhnm. oder ver Polytheismus und Monoideismus spiegelten sich deutlich in ihrer Musik ad; jener zielte immer gerne zur Separation, dieser dagegen zur 'Eoncentration. Der Polytheismus forderte unbedingt eine Pluralität von Scalen da fever Götze, jeder Patron, jeder Repräsentant einer anderen Leidenschaft ganz anders besungen und mit ganz anderen Instrumenten behandelt werden musste. Der Monotheismus dagegen zielte nicht nur auf die Einheit Gottes, sonvern aus dre Einheit des Volkes ab. Er brachte die beiden Einheiten „a priori“ in eine gegenseitige Abhängigkeit von einander, so dass ohne Einheit Gottes (TWl) die Existenz eines Volkes! Israel unmöglich war, wie auch ohne Einheit des Volkes (ins* j die Einheit Gottes nicht gedacht werden konnte. Air Stelle der > hellenischen Aesthetik, die seit jeher zur Zerstörung der Einigkeit, zur Differeuzirung des Geschmackes nach Classen Anlass gegeben har, entwickelte sich bei beit Inden eine Ethik, in der die Gefühle des ganzen Volkes sich couceutrivteii. Nur ein religiöser Abfall durch Könige, Bösewichte oder falsche Propheten, wobei ein fremder Cultus der mosaischen Religion vorgezogen wurde, brachte eine neue Musik in ihre Liturgie, wie der betäubende Lärm und die wilden Tänze des Apisdienstes in der Wüste, (Exovns. Cap. 32. B. 19.) und nachher in Bethel, Dan. Sichem rc. oder die jammernden. Dienste des Adonis und der Astarte, oder unter den heidnischen Frauen des königlichen Harems. Es ist daher kein Wunder, wenn allgemein anerkannt ist, dass bei den Hellenen die Musik als Kunst, bei den Hebräern aber als Gottesdienst betrachtet wurdet) Diese Meinung entspricht vollkommen der verschiedenen Concptionen der beiden klassischen Völker. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. zM azzes-Vertheilung.) Der wohlthätige Verein „Der Rettungsanker" wird zu den bevorstehenden Pessach-Feiertagen an arme jüdische Familien Mazzes, Gries und Wein gratis vertheilen. Der Obmann des Vereines ist Herr Reismann II., Leopoldsgasse 31. Kkoridsdorf. Wie schon in der vorigen Nummer dieses geschätzte Blattes erwähnt wurde, feierte Herr Ignaz Löw, II. Cantor und Religionslehrer unserer Cultusgemeinde, seinen 60. Geburtstag und sein 40jähriges Lehrerjubiläum. Aus diesem Anlass gestaltete sich der allwöchentlich stattfindende Jugendgottesdienst am vergangenen Samstag zu einem Festgottrsdienste. Die Feier begann mit dem vom Herrn Obercantor Löwy unter Chorbezlertung erhebend und wirkungsvoll' vöri) Ambros Geschichte der Musik Bl. I. s. 198.

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