Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 16. Die Wahrheit. sie ihre Kräfte allzusehr anspannen. Das ewige Einerlei wirkt mit der Zeit etwas langweilig und wird bald auch Jene abschrecken, die von Hans aus ein großes Interesse für jüdische Angelegenheiten mitbringen. Wir möchten Niemandem nahetreten, am wenigsten Jenen, die wirklich...große geistige und materielle Opfer für die gute Sache bringen, aber es ist zweifellos, dass unsere Organisationen viel zu wünschen übrig taffen, und da wir gegenwärtig wirklich lebenskräftiger und zielbewusst wirkender Organisationen bedürfen, erachten wir es als heilige Pllicht der jüdischen Publicistik, ohne jede Rücksicht und nur geleitet vom Interesse der Allgemeinheit auf offenbare Mängel und Schäden aufmerksam zu machen. Einer der größten Fehler ist, dass unsere großen Organisationen keinen Zusammenhang, keine gegenseitigen Beziehungen haben. An anderen Orten ist dieser Uebelstand bereits, erkannt und eine Befferung der Verhältniße angebahnt worden — wir verweisen nur z. B. auf unseren letzten Bericht über das Prager jüdische Vereinsleben — aber bei uns in Wien hat sich diese Erkenntnis noch nicht genügend Geltung Derschasft. Statt ihre Wirkungskreise genau abzugrenzen, treten hier die Vereine einander auf die Füße und keiner weiß dann eigentlich, was seine Aufgabe, seine Bestimmung ist uud was ihm zu thun obliegt. Mit besonderer Vorliebe treiben unsere jüdischen Vereine nutzlose auswärtige Politik, die kleinlich scheinende, aber höchst dringende und wertvolle häusliche Arbeit ist ihnen zumeist verhasst. Oft die unwesentlichsten Dorkouimniße im staatlichen und communalen Leben werden zu lauttöneueuden, aber innerlich nichtssagenden Kundgebungen ausgeschrotet, jedoch wichtige innere Fragen des Judenthums, oder bedeutungsvolle Angelegenheiten des jüdischen Gemeiudelebeus übergangen oder nur kurz abgethan. Zu allem Möglichen wird Stellung genommen, aber vor lauter Stellungnahme haben wir das Stehen auf eigenen Füßen, das Gehen im eigenen Hause verlernt und bleiben darum immer am Boden liegen. Diese allgemeinen Bemerkungen wollen wir in einem nächsten Artikel durch Vorführung einzelner besonders markanter und lehrreicher Beispiele aus dem Leben uud Treiben unserer Organisationen ergänzen. Die Lehren -es Haffes. Der hervorragende französische Gelehrte Anatole Leroy- Beaulicu, der in seinen beiden bekannten Schriften „Israel «des les nations“ und „rantisemitisme“ die moderne Judenfrage und den Antisemitismus in überaus erschöpfender Weise behandelt, hat auch in seiner neuesten, vor Kurzem erschienenen Schrift „Die Lehren des Hasses" die in dem Kölner „Israel. Gemeindeblatt" eingehend behandelt wird, gegen die verheerende Volkskrankheit entschieden Stellung genommen. Der Verfasser beabsichtigt mit dieser Abhandlung, wie er in der Vorrede erklärt, „die Lehren des Hasses zu bekämpfen, die Frankreich zerfleischen, Vorurtheile und Leidenschaften abzuschwächen, welche die Franzosen blindmacheu, die Claffen und Parteien näher zu bringen, um die Einheit, „die Voraussetzung aller Macht und Größe Frankreichs" zu retten." Von dem reinsten Patriotismus beseelt, zeichnet der französische Gelehrte die perschieden.rrtigen Erscheinungen des Antisemitismus, seine Schlagworte und Motive, uud die Ausführungen desselben gewinnen dadurch an allgemeinem Interesse, das all' dass, was er über die diesbezüglichen Verhältniße in Frankreich sagt, ebensogut für Deutschland, Oester- . reich oder irgend ein anderes vom Antisemitismus heimgesuchtes Land vollste Geltung hat. Nach Anatole Leroy - Beaulieu datireu die Lehren des Haffes von der Affaire Dreyfus; an ihr entzündeten sich «lle Leidenschaften, lebten längst überwundene Vorurtheile rvieder auf; seit jener Zeit ist Frankreich in einer Krise, Lie noch immer nicht überwunden ist, die Parteien verbitterten sich immer mehr und mehr, Antisemiten und Nationalisten, ihnen gegenüber Anti-Klerikale und Sozialisten, man tobt gegen die „panamanistische und freimaurerische" Republik, deren Anhänger gegen Jesuiten und ihre Freunde in der Armee. Rassenhass. Klassenhass, Religionshass, Parteihass herrschen überall; seit dem Tage der Revolution stand der Geist der Freiheit und der Duldsamkeit nicht so tief wie jetzt. Und die Waffen der Kämpfer sind Beschimpfung und Verleumdung. Als die betrübendste Erscheinung bezeichnet der Autor die Verbreitung des Antisemitismus; es hat ihm offenbar eine Genugthuung bereitet, die deutsche Herkunft dieser traurigsten Volkskrankheit zu constatiren. In Frankreich ist er eine Macht geworden, und wie jede Macht findet er seine Höflinge. Man hat dem gemeinen Jndenhass ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt, einer von Renan ausgestellten, von ihm selbst in seiner Reife ganz aufgegebenen Rassentheorie folgend, hat man die „Judenhetze du. moyen age" wieder aufleben lassen. „Ein Gespenst vom Friedhofe der Geschichte". Und Frankreich lebt wie in den Tagen der Schreckensherrschaft oder der heiligen Liga. Dem Neid und der Habgier, dem Hass gegen den Reichthum verdankt der Antisemitismus seine Volksthümlichkeit und Verbreitung. Er herrscht auch in den Salons, er ist der Socialismus des Salons, der Clubs, der Krautjunker, aller derjenigen, deren Renten kleiner sind als ihre Ansprüche. In Oesterreich hat man den Antisemitismus kurz und schlagend den „Socialismus des dummen Kerl" genannt. Leroy nennt ihn den feindlichen Bruder des Socialismus, aber immerhin den Bruder. Es ist ein Jrrthum zu glauben, dass, wenn man an die Revision der Vermögen schreiten würde, man sich auf die jüdischen Danken beschränken würde, vor den Palästen aber eine heilige Jungfrau oder ein Kreuzesbild Schutz bieten könnte. Vergeblich sagen die Antisemiten, sie griffen ja nicht die Religion, nur die Rasse an. Sind es Neger, die man an der Hautfarbe erkennen will? Dem Juden den Krieg erklären, heißt die Synagoge angreifen, denn er ist nur Jude durch die Religion. Merkwürdig, schon hat sich Coniequenz des Antisemitismus, auch der Hass gegen den Protestantismus gemeldet. Die National-Einheit verlangt die Glaubens-Einheit; in den Protestanten sieht man Abkömmlinge der längst Verjagten, Znrückgekehrte oder Ausländer, die sich in Frankreich sesshaft gemacht, Holländer, Engländer, Deutsche, keine rassenreine Franzosen! Natürlich findet auch der Nationalismus sein Urtheil. Er. ist aus Schwärmerei und patriotischer Beklemmung entstanden, aber Name und Begriff sind falsch; das klingt schön und bestechend. Aber ist Frankreich etwa unter Fremdherrschaft? Ist es Irland? Ein Polen? Ist es erlaubt, unter dem Vorwand einer nationalen Einheit das' Vaterland entzweizuschneiden und geborene Franzosen willkürlich auszuscheiden und Monopol-Franzosen zu schaffen? Nationalistische „wahre" Franzosen von den Pseudo- Franzosen zu trennen? Eine Nation ist keine Kirche, sie hat nicht das Recht der Excommnnication ihrer Glieder. Wenn der Jude, der Protestant Fremde, sie und der ultramontane international und nicht Franzosen sind, wer ist denn noch ein Franzose? Der Antsemitismus ist der Typus einer Lehre des Hasses. Man greift die Sittenlehre der Juden an, sie sei ein doppelte, eine gegenüber den Glaubensgenossen, die andere gegenüber den Christen. Unter dem Nächsten sei nur der Jude verstanden, wenn das Gebot den Nächsten zu lieben befiehlt. Leroy widerlegt dies aus den Worten der Bibel, die sich aus den Fremden beziehen, und fügt dann noch einen Hinweis auf die brutale Sprache der Antisemiten hinzu, denen er das Recht abspricht, sich auf das Chrisienthum, das Evangelium und die Menschenliebe des Gründers des Cyristenthums und der Apostel zu berufen. Antisemiten nennen den Juden den unversöhnlichen Feind Gottes, dagegen nimmt Leroy die Juden in Schutz, die er auf seinen Reisen genau kennen gelernt zu haben glaubt. Aber das moderne Denken ist überhaupt derart complex, dass es seine Quellen, seilte Vorstellungen und seine Erkenntnis nicht aus einer Lehre, einem Kreise holt. Es ist nicht wahr, behauptet Leroy, dass die Juden zerstörend, zersetzend an der französischen Gesellschaft arbeiten; er citirt dafür zahlreiche Zeugniße, beruft i