Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redactkon und Administration: Wien, II/,. Novaragasse 27. l K. k. österr. Postsparcassa Chrck-Eonto Nr. 846.251. Inserate! 20 Heller per Noiipcireille-Ze'le. j Abonnemeilts» und Jnseraiioiitz-! betrüge sind in Wien zahlbar! und klagbar. j «abhängige Heitschrifi für Mische Intere^en. Erscheint jeden Freitag. Motto : ,,Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig. . ff. 12.— Halbjährig .... ff. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff 10.— Für Ausland: Ganzjänrig . . .8 Mark. 6 Rubel ok>er 16 Fc». «r. 16. Wien, 18. April IM. Anhalt r Unsere Organisation. — Die Lehren des Hasses. — Ueber den hebräischen Unterricht an den Oberelassen der Gymnasien und Realschulen. — Reisebriefe aus Holland. — Aus der Wiener Cultusgeineinve. — Aufruf. — Gemeinde- und Vereinsbote. - Das Kaddischgebet. — Die Entwickelung der synagogalen Liturgie bis nachder Reformation des IS. Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. Unsere Organisationen. Unter Patronanz des Clerus und favorisirt von der Landes- und Centralregieruug gewinnen die rückschrittlichen Parteien in Wien innner mehr an Boden in den commnnalen Bertretnngskörpern und im gesammten öffentlichen Leben. Das haben neuerdings die vor Kurzem stattgehabten Ergänzungswahlen für den Gemeinderath und die Bezirksverttetungen bewiesen, die trotz der rührigen Agitation der Sozialdemokraten, welche seitens der Liberalen wirksame Unterstützung fand, nicht die geringste Schmälerung, in den Bezirksvertretungen sogar eine Erweiterung des antisemitischen Besitzstandes brachten. Geleitet und fanatisirt von Hetzaposteln mit und ohne Toga zieht das „Volk von Wien" mit einer Begeisterung, die einer besseren Sache würdig wäre, zur Wahlurne, und die Siegeszuversicht, die es zur Schau trägt, wird leider immer durch den nachträglichen Erfolg bestätigt. Rücksichtslose Agitation und Siegesfreude ans der einen Seite, Muthlosigkeit und Resignation aus der anderen, ist das traurige Bild, das der Kampf der Rückschrittler mit den Fortschrittlichen bietet. Und in den Reihen der jüdischen Wähler, die im berechtigten Zweifel sind, ob sie ihre Stimmen den mit den Deutschnationalen verbundenen Liberalen oder den Sozialdemokraten geben sollen, von denen sie gleichfalls bisher nur sehr fragliche Beweise ihrer Jndenfreundlichkeit erhalten haben, herrscht Zerfahrenheit, Zersplitterung und Apathie. Der erkaltete Eifer der Wiener Juden bei den Gemeinderathswahleu ist auch vollkommen begreiflich, denn es mag ihnen ganz gleichgiltig sein, ob christlichsoziale oder deutschnationale Antisemiten in der Wiener Rathsstube herrschen, und mit vollem Rechte sind sie es überdrüssig geworden, gegen ihr eigenes Jntereffe den politischen Parteien Handlangerdienste zu leisten. Auch die immer mehr zunehmende Erschwerung der Erwerbsverhältniße, die wohl zunächst die Juden trifft, vermag es nickt, sie aus ihrer paffiven Haltung aufzurütteln; denn unter dir Elassen- und Racenhetze leiden nicht nur die Juden, sondern alle Bürger und Bernfsschichten der ganzen Stadt, ja sogar das gesammte Staatswesen. und es ist daher nicht Sache der Juden, sondern Aufgabe der Regierung, im Interesse der Allgemeinheit dem gefährlichen Treiben der Wiener Demagogen ein Ende zu bereiten und einen Ausgang aus diesen Wirrnißen zu finden. Die im politischen Kampfe zur Disposition gestellten Kräfte fänden aber gerade jetzt, in Anbetracht der allseits bestehenden und noch weiter drohenden'Gefahren, ein dankbares und ergiebiges Feld für intensive nnd erfolgreiche Thätigkeit, wenn sie au der Aufrichtung nnd Sicherung ihres eigenen, morsch gewordenen Hauies lheilnehmen und ihren früher in politischen Angelegenheiten bekundeten Eifer den jüdischen Organisationen widmen wollten. Aber leider macht man auch nach dieser Richtung recht traurige Wahrnehmungen. : Wie zur Zeit des Niederganges des römischen Reiches das Volk nur nach „panem et circenses* rief, scheint auch die Wiener Judenschaft in einem gleichen Banne zu liegen. Wenn : nicht ein besonderer Augen- oder Ohrenschmaus geboten wird, wie z. B. eine Gratis-Vorlesung von Sonnenthal nnd dergleichen, oder wenn nicht irgend ein Gewaltiger öff nttich auflritt, um Heerschau zu halten über die Zahl seiner Getreuen und Ergebenen, findet man sau ausnahmslos in den Versammlungslocalen der jüdischen Vereine, denen allen nur recht kleine Räume zur Verfügung stehen, eine erschreckende Oede und Leere. Diese allgemeine Theilnaymslofigkeit gibt zu ernstem Nachdenken Anlass. An derselben scheint aber nicht nur das; Publikum, sondern auch die mangelhafte Organifarw" der! Vereine Schuld zu sein. Einerseits haben einzelne Vereine , überhaupt keine Existenzberechtigung, weil in älteren gleichj artigen Vereinen für den betreffenden Wirkungskreis bereits! genügend gesorgt ist und zahlreiche Neugründungen ul den! letzten Jahren wurden nur vorgenommen, damit Herr £. oder Frau 3). sich auch des Borftehertitels erfreue — anderseits liegt wieder die Leitung dieses oder ienes Vereines nicht in den rechten Händen, und es wird mehr Geschäftigkeit als- Thätigkeit emwickelt, die das Vertrauen und die Theilnahme des Publikums nicht gewinnen kann und auch niemals winnen wird. Wenig ermuntern!) für den Besuch von jüdischen Vereinsversammlungen ist auch der Umstand, dass überall immer dieselben Personen^das große Wort fnhren,^und einem fleißigen Besucher kann es leicht paffireu, dass ek in einer Woche in 1 verschiedenen Vereinen von denselben Personen einige Male j die gleichen Tiraden zu hören bekommt, oder dass ihm Herr A. oder B.. heute dieses und morgen jenes Paradepferd vor- I führt. Es gibt wenig Leute, die auf allen Sätteln reiten können, und auch diese müssen sich allmählig abnützen, wenn