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Die Wahrheit · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 15. das allernöthigste Maß beschränken, und den gleichen Motiven entsprangen die tadelnden Bemerkungen unseres Gewährsmannes. Zn einer seitens des Vorstandes des Syaagogen-Vereines ^Beth Israel" an uns gerichteten Zuschrift wurde daraus hin- Zewiesen, dass sich die Synagogenbesucher geradezu freuen, in Folge eines außerordentlichen Anlasses der Mizwah des „Aufsteigens zur Thora" theilhaftig zu werden. Dieses Moment wirkt für den erste» Augenblick bestechend, aber gerade vom konservativen Standpunkte, der im Gottesdienste des Synagogen- Vereines »Beth Israel" trotz des Festhaltens an der Tradition in so würdiger, den modernen und ästhetischen Anforderungen vollkommen entsprechender Weise zum Ausdrucke gelangt, erscheint es uns nicht angezeigt, gewissermaßen den inneren ethischen Werth eitler Mizwah durch die leichte Zugänglichkeit herabzusetzen, und wir glauben, dass der Vorstand gerade durch das Gegentheil die Mitglieder, falls ihnen die Ausübung derselben ein ernstes religiöses Bedürfnis ist, nur zu fleißigerem Tempelbesuch erziehen würde. Auch das materielle Moment, dass durch die Vermehrung ber Mischeberach ein größeres Einkommen erzielt wird, darf bei einem so angesehenen Vereine keine Rolle spielen. Der uns vorliegende 20. Jahresbericht, der ein umfassendes Bild der bedeutungsvollen, cultuellen, erziehlichen und philanthropischen Thätigkeit des Vereines bietet, coustatirt mit Genugthuung auch im abgelausenen Zahre eine Zunahme der Mitgliederzahl und ein allseitiges Aufwärtsstreben des Vereines. Und so ist auch die Hoffnung nicht unberechtigt, dass in der Folgezeit dein Vorstande die nölhigen Mittel zur Verfügung. stehen werden, um auf derlei außerordentliche Einnahmen verzichten zu können, bie unserer Meinung nach die Würde des Gottesdienstes beeinträchtigen und zu einer — wir betonen dies nochmals ausdrücklich — keineswegs feindseligen, sondern von den aufrichtigsten Sympathien für den Verein geleiteten Kritik Anlass gegeben haben. Ueber die Generalversammlung des Vereines, die am <j. d. stattfaud, werden wir an anderer Stelle berichten. Jüdischer Schulverein. Der „Jüdische Schulvereiu" für den IX. Bezirk in Wien versendet folgenden Aufruf: »Euer Hochwolgeboren! Der „Jüdische Schulvereiu" für den IX. Wiener Bezirk hat sich, die Förderung der Religiosität, sowie die Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache und der Geschichte des Judenthums zur Aufgabe gemacht. Zur Erfüllung dieser für die Erhaltung unteres Volkes hochwichtigen Mission hat der »Jüdische Schulvereiu" eine gesetzlich concessivllirte Schule ins Leben gerufen und an deren Spitze eine auf pädagogischen Gebiete bestbekannte Schulleitung gestellt. Trotz ihres kurzen Bestandes hat diese Schule bereits die schönstell Erfolge aufzuweifen. Der Schulvereiu hält es naturgemäß als feine unabweislliche Pflicht, die Segnungen der Schule nach Thunlichkeit auch jenen armen Kindern zu Teil werden zu lassen, deren Eltern ganz unvermögend sind und für die das Judewh""' verloren gehen, wenn ihre jüdische Erziehung im zarten Kindesalter vernachlässigt wird. Der „Jüdische Schulverein" kann jedoch nur daun allen au ihn herantretenden Anforderungell gerecht werden, wenn er istch der kräftigen Unterstützung der jüdischen Mitbürger erfreut. Wir erlauben uns nun an Euer Hochwolgeboren die Bitte richten, diesem im schönsten Sinne des Wortes, humanitären Verein als Mitglied beizutreten, Ihre schulpflichtigen Kinder unserer Schule anzuvertrauen und bei Ihren geschätzten Freunden vnd Bekannten im gleichen Sinne für die gute Sache einzutreten. Euer Hochwolgeboren! Es gilt einer heiligen Sache, es handelt sich um unsere Jugend, der Zukunft des Judenthums! Gönner der Anstalt sind während des Unterrichtes gerne Zeichen." _ Das Äaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (20. Fortsetzung.) Ganz besonders interessirte ihn das Wesen Alicens. Es schien ihm, als ob es keine problematischere Natur gebe, wie diejenige des jungen Mädchens, und oft verblüffte sie den Doctor durch eine kindliche, fast naive Offenheit. Sie war über ihre Jahre hinaus ernst und gereift. Einesteils mochte dieses wohl der angeerbte Lebensernst des Vaters sein, andererseits aber war es doch das Verdienst, oder besser gesagt, der Einfluß David Reguns, der sich öfter in den Anschauungen und Meinungen der jungen Bankierstochter geltend machte. Von der Mutter hatte sie nichts weiter wie die ebenmäßige, volle Gestalt und die großen nachtdunkleu Augen. Im Uebrigen besaß sie eine feine Ironie, die oft wie mit spitzigen Pfeilen ihr Opfer traf und mit der sie sich schon manchmal gewehrt und verteidigt hatte, wenn ein ' gar zu dreister Verehrer erkennen ließ, wie gut er es mit ihrem Gelbe meinte. * Oft schon hätte sie ihren Reichtum verflucht, und es war ihr dann zu Mute, als müßte sie alles abschütteln, um aus sich selbst heraus etwas zu werden, etwas Großes, um ihrer selbst willen Begehrenswertes. L>ie dachte oft an die „Munk" — wie die berühmt war — verehrt — vergöttert. Und Alice — hatte sie nicht auch das Recht, so verehrt zu werden, so Etwas zu sein — und besaß sie nicht auch Stimme? Ihr helltönender Sopran hatte nicht selten das Erstaunen der Freunde wachgerufen, und oft schon hatte man ihr gesagt: „Sie sollten sich ausbilden lassen, — Sängerin werden — Ihre Gaben nicht verstecken — die Kunst der Allgemeinheit geben!" Aber stets, wenn ein solches Wort ihr zu Ohren drang, wenn es ihr Herz verlockend erfüllte und sie' in ihrem Innern sich sagte: „Du kannst es vielleicht —du solltest es versuchen!" — wenn sie dann wirklich den Drang in^ sich fühlte, dieses „Du mußt" so recht empfand und sich desselben nicht erwehren konnte, dann stand vor ihrer Seele das stille, ernste Antlitz David Reguns, und es schien ihr, als hörte sie neben sich flüstern: „Es ist ja nur Schein, mein Kind, ein Rausch — ein Flimmern!" Sie hörte diese Worte so deutlich — so mahnend, dass sie sich oft umdrehte, lim zu sehen, ob nicht doch ihr Lehrerwirklich hinter ihr stand. Es war eine Vision, die jedesmal dasselbe Spiel mit ihr trieb, aber jedesmal wurde sie unentschlossen — nachdenklich und resigniert. Leon war inzwischen mit einer neuen Oper ziemlich fertig, und um die Musik zu erproben, ließ er seine Cousine oft die einzelnen Teile singen. Eines Tages nun, als sie eine besonders großartig-schöne Arie sang und die Töne ihr so rein und hell aus der Kehle strömten, da war es wieder über sie gekommen — so mächtig — so groß; da schien es ihr wieder: »Du mußt!" Und merkwürdig,, diesmal hörte sie nicht wie sonst das leise, warnende Geflüster, vor ihrer Seele stand nicht wie sonst, David Reguns ernstes, bittendes Antlitz — sie sah nichts sie hörte nichts — sie fühlte nur eins: „Du mußt!" Mit diesem „Du mußt" fasste sie ihren Entschluß. Sie wollte über sich selbst ins Reine kommen — sie wollte Gewissheit haben. — über sich — über ihr Können. Einen Anfang musste sie machen. Ueberall sprach man von der Munk. Die würde ihr vielleicht raten — die musste es wissen — die stand auf der Höhe — hatte sich schon durchgerungen. Alice war vorläufig befriedigt, in dem Gedanken, irgend einen Weg zu sehen, uyd je mehr sie darüber nachdachte, desto fester fetzte sich in ihr der Gebanke fest, du mußt ausaugeu — du mußt die „Künstlerin anfsuchcu. — Als Künstlerin möge sie Dir raten — die wird es können". Es war der nächste Tag nach dem Journalistenball. Ein starrfrostiger Nachmittag. , .

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