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Die Wahrheit · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Die Wahrheit. Seite 5. wäre ein moralisches Leben. Dies glauben sie auch ohne Religion und Gott erreichen zu können. Nach den Worten unseres Propheten ist es nicht anzunehmen, dass sie bei Beurtheilung ihres moralischen Werthes besser davon kommen werden, als die wirklichen Heiden. Es ist übrigens auch völlig unwahrscheinlich, was diese Leute von ihrem moralischen Eifer, der sich von Gott völlig unbeeinflusst weiß, vorgeben. So weit wirden Menschen kennen, ist er in seinem ursprünglichen Zustande von den heftigsten und niedrigsten Begierden beherrscht. Es ist nicht anzunehmen, dass gerade die Gottlosen von Natur aus durchgehends von edler Beschaffenheit sind. Es weiß serner ein jeder, dass es der heftigsten inneren Kämpfe und entschiedensten Selbstüberwindung bedarf, um der urwüchsigen Triebe Herr zu werden. Es ist nicht abzusehen, woher die Gottlosen die Kraft und den Antrieb hiezu gewinnen sollen. Wenn man einzelne Beispiele, die das Gegentheil zu beweisen scheinen, herausstellt, so sind dies immer die Ausnahmen. Dies sind sie jedoch nicht im Einklänge mit ihren Grundsätzen, sondern dadurch geworden, dass sie denselben schnurstraks znwiderhandelten. Merkwürdig bleibt schließlich noch, dass der Prophet hier nocheinmal von einem „Erlösen ans ihren Wohnsitzen" redet, nachdem er schon V. 21 von einer Sammlung der Völker aus allen Richtungen gesprochen, und noch mehr, dass er hierbei den kräftigsten Ausdruck gebraucht. Wie der innere Zusammenhang erweist, will der Prophet damit die inneren schädlichen Beeinflussungen treffen, welchen die Israeliten in den Orten ihrer Verbannung ausgesetzt waren. Mit der Abstreifung der äußern Fesseln sind diese viel tiefer, weil innerlich sitzenden noch längst nicht überwunden. Um ihrer ledig zu werden, dazu bedarf es dessen, was der Prophet njntj» eine „Erlösung" nennt. (Fortsetzung folgt.) Eine neue Talmud-Uebersetzung. ) Eine der kulturgeschichtlich bedeutsamsten Erscheinungen der Gegenwart bietet der Zug nach dem Westen dar, der in den letzten Jahrzehnten einen ansehnlichen Bruchtheil der jüdischen Bevölkerung Rußlands nach den Ländern englischer Zunge führte. Der sehr beträchtliche Zuwachs an Seelenzahl und an intellektuellen Kräften, die dadurch die Juden Englands und Nordamerikas erfahren, vermehrt auf ungeahnte Weise die Bedeutung, die ihnen innerhald der Gesammljudenheit zukommt. Auch auf dem Gebiete der Litteratur macht sich der Aufschwung geltend, den das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts den englisch redenden Juden besonders jenseits des Ozeans gebracht hat. Sie sind im Begriffe, auf diesem Gebiete die Führerrolle zu übernehmen, die bisher den deutschen Juden gehörte. Es genügt, auf die jüdische Encyklopädie hinzuweisen, ein Werk, das von der jüdischen Gelehrtenwelt des europäischen Festlandes säst während des ganzen vorigen Jahrhunderts gewünscht und angestrebt wurde und nun an der Schwelle des neuen Jahrhunderts in Amerika in englischer Sprache Wirklichkeit zu werden beginnt. Es ist aber kein Wunder, wenn auch ein anderes, seit langer Zeit zu den „frommen Wünschen" zählendes Unternehmen, die Uebersetzung des Talmud, ebenfalls in englischer Sprache ausgesührt wird. Der in der Ueberschrift genannte Band ist bereits der dreizehnte des ganzen Werkes, das im Jahre 1896 zu erscheinen begonnen hat, also mit bemerkenswerther Raschheit vorwärtsschreitet und sich, wie es scheint, auch äußerer Erfolge rühmen darf. Das beweist auch die auf dem Titelblatte genannte Berlagsstelle, als welche eine besondere „Talmud-Publikations-Gesellschaft" genannt ist. Der Träger des ganzen Unternehmens und Urheber der Uebersetzung ist Michael L. Rodkinson, ein Gelehrter russischer Herkunft, der sich in den achtziger Jahren durch hebräische Schriften verschiedenen, zum *) Michael L. Rodkinson. New Edition o£ the Babylonian Talmud. Section Jurieprudence (Daraages). Traet. Baba Bachra (Last Gate, Part. I). Volume V. (XIII.) New-York. New Talmud Publishing Company, 1342 Clinton Avenue. S. Pest. Lloyd. Theile sensationellen Inhalts in Europa einen Nam«.n gemacht hat und nun seit längerer Zeit in Amerika mit der englischen Bearbeitung des Talmud beschäftigt ist. Er befolgt dabei gewisse Prinzipien, welche vielleicht die Lesbarkeit seines Werkes fördern, aber dessen wissenschaftlichen Werthe wesentlich Abbruch thun^ Rodkinson übersetzt nicht den vollständigen Text, sondern er gestattet sich, ganze Stücke, zuweilen solche von beträchtlichem Umfange, wegzulassen. Ferner wird feine Uebersetzung oft zur erklärenden Paraphrase, indem er mit den Worten des talmudischen Textes auch die Erläuterungen des Kommentators Raschi wiedergibt, oder sich sonstige erläuternde Zusätze gestattet. Dadurch wirddem Leser natürlich das Verständnis des Inhalts erleichtert, jedoch . auch der Context verändert und als zur talmudischen Diskussion gehörig ausgegeben, was fremde Zuthat ist. Auch sonst wäre an der Art, wie Rodkinson übersetzt, Manches auszuseyen. In der Wiedergabe der Eigennamen, auch in den Ueberfetzungen der Realien vermisst man die philologische Präzision und Genauigkeit. Auch an Absonderlichkeiten fehlt es nicht, wie wenn (S. 19.) ein gut semitisches Wort mit dem griechischem Buchstaben Psi erklärt wird; oder an Jrrthümern, wie S. 10. Z. 30, wie Wörter des Textes, die zu einander gehören, in der Uebersetzung auseinandergerissen sind. Aber im Großen und Ganzen kann man die Arbeit als Ergebnis hiugebenden Fleißes und wirklicher Vertrautheit mit der Sprache und dem Geiste des talmudischen Schrifllhums loben. Der Fachmann wird allerdings den Talmud auch weiterhin im Original lesen müssen, und die wissenschaftliche Erkenntnis des Inhalts und der Form des Talmud wird durch vorliegende Uebersetzung, der keinerlei Anmerkungen beigegeben sind, nicht vermittelt werden können. Aber wem der Zutritt zum Original verschlossen ist und wer es nicht scheut, die in der Uebersetzung noch fremdartiger als im Original anmuthenden Diskussionen und Erörternngeu, aus denen der Talmud zumeist besteht, in englischer Sprache auf sich einwirken zu lassen, der wird in Rookinson's Uebersetzung einen guten Dolmetsch finden, der ihm die Begriffe und Fragen der talmudischen Jurisprudenz, die in dem vorliegenden Baude zur Darstellung gelangen, auf verständliche Weise vermitteln wird. Ich bemerke noch, dass die bisherigen Bände des Nodkinson'schen Werkes die Uebersetzuug der Traktate der zweiten Ordnung des babylonischen Talmud (Moed, von den Festzeiteu) und die ersten Traktate der vierten Ordnung enthalten. W. B. Lynagsgen-Verein „Seth-L frael“. Das Gotteshaus des Synagogen-Dereines „Beth-Jsrael" nach polnisch-jüdischem Ritus ist eures der bestbesuchten in Wien, und schon dieser Umstand verleiht dem Vereine eine hervorragende Stellung im Wiener jüdischen Gemeindelebeu, abgesehen davon, dass an der Spitze desselben der Vertreter der Wiener Cultusgemeinde, Herr Arthur Edier v. Mises, steht und eine stattliche Anzahl angesehener Gemeindemilglieder demselben angehören. Vor kurzem wurde eine gottesdienstliche Einrichtung des Tempels in der Leopoldsgasse in unserem Blatte gerügt, indem ein ständiger Besucher darüber Klage führte, dass anlässlich einer Barmizwa an einem Sabbarhe statt der üblichen 7 Alijoth deren 14 vergeben, und durch die Unzahl der „Mischeberach" der Gottesdienst ungebührlich verlängert und die Andacht desselben beeinträchtigt wurde. Wenn wir auch nach den uns nachträglich ertheilten Informationen zugeben müssen, dass die Alijoth im Tempel in der Leopoldsgasse niemals versteigert werden und eS demgemäß von unserem Berichterstatter nicht paffend war, von einer „Licitatiou im Gotteshauses zu sprechen, so theilen wir dennoch seine — wie wir überzeugt sind — in vollkommen loyaler Absicht vorgebrachteu Bedenken gegen die übermäßige Austheilung der Alijoth. und die hiedurch bedingte allzugroße Häufung der „Mischeberach", deren immerhin etwas geschäftliche und das Protzenthum vielfach fördernde Nebenabsicht keinem Gottesdienste zur Zierde gereicht. Mehr ästhetische als religiöse Rücksichten sind es auch, die in geregelten und angesehenen Gemeinwesen Alijoth und Mischeberach aus '? 5 i -f* » ■ t tr ■i'i; 1 i. 1 ■ i -f! i '* «*{ § * i; r .* ' B : V

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