Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 15 (11.4.1902)
- Date
- 1902-04-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. '.Kr. 15. Während seines kurzen Bestandes ist dieses jüdische Creditinstitut in die Lage gekommen, ganze Familirnexisteuzeu vor dem Ruin zu retten. Die gedrückte Lage der kleinen jüdischen Geschäftsieuie, Gewerbetreibenden und Beamten ist jedoch eine so empfindliche, däss dieses eminent humanitäre Institut nur dann den au dasselbe gestellten Anforderungen seitens der Creditsuchenden gerecht werden kann, wenn sich alle Schichten des Judenthums, und hauptsächlich die bemittelteren, durch grössere Einlagen, Uebernahme voll Autheilscheineu oder Beitritt zum Sicherstellungsfonde seiner Action anschließen und es in seinem Rettungswerke unterstützen. Die Direction des Creditinstitutes stellt daher an alle gutgesinnten Juden das höfliche Ersuchen, dasselbe nach Gutdünken fördern zn wollen. Die Statuten des Institutes stehen Jedermann aus Wunsch zur Verfügung." Aeber de« hebräische« Unterricht an den Oberrlassrn der Gymnasien und Realschulen. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. UV. „Rede zu ihnen, so spricht Gott der Herr: Siehe, ich nehme die Kinder Israels aus der Mitte der Völker, zu welchen sie gekommen, sammle sie aus allen Nichtungea und führe sie in ihr Land und bilde sie zu einer einheitlichen Nation ans .Erden — auf den Bergen Israels. — Nur ein König wird für sie alle — der König sein, nicht werden - sie fürderhin zwei Naiionen bilden und nicht mehr in zwei Reiche auseinanderfallen. (V. 21—22) Hat der Prophet bisher den Gedanken der Wiedervereinigung der zersprengten Glieder des jüdischeil Volkes in allen feinen Beziehungen dargelegt, so beginnt er nunmehr, die Dinge, wie sie sich in der Wirklichkeit gestalten sollen, auseinanderzusetzen. Er meint, dass eine Einigung im Geiste nicht erfolgen könne, solange die änderen Bedingungen des Lebens dem zuwider laufen. Es müssen daher die einzelnen Glieder des Volkes Israel zunächst losgelöst werden aus der Umklammerung der übrigen Völker, in welcher sie die Zerstreuung gebracht. Weilers aber erscheiilt ihm ihre Wiedereinpflanznng in den ursprünglichen heimathlichen Boden für nothwendig. . . Leider bat auch der mehrtausendsährige Verlaus der Geschichte Israels im Exil dies voll und ganz bestätigt. Ein Volk, dessen Glieder über den weitesten Erdenraum zersprengt sind, verfällt selbst bei dem redlichsten Wollen einer gewissen Zerfahrenheit und Planlosigkeit in seinem Streben. Aus dem Druck, den die mächtigen Nationen daraus ausüben, ergibt sich wieder, dass alle besseren Bestrebungen schon im Keime vielfach erstickt werden und vergeblich nach dem Lichte ringen. Erst die Loslösuug aus dieser Umklammerung vermag diese schweren, unüberwindlichen Hind er niste zu beseitigen, wie anderseits aus den gemeinschaftlichen Lebensbedingungen, wie sie der Besitz eines eigenen Landes gewährt, die wichtigsten Förderungen für ein edles Streben dem gesammtrn Volke erwachsen. Es ist sodamr nur selbstverständlich, dass ein Volk, das zu dieser besseren Erkenntnis dessen gelangt ist, was ihm frommt, sich auch zur inner» Einheit zusammenschliestt, indem es in einem Könige sich ein einheitliches Oberhaupt gibt, das allen edlen Bestrebungen Richtung und Ziel anweist. Merkwürdig ist es^ wie der Prophet hinsichtlich der Eindringlichkeit, mit welcher er diesen letzteren Gedanken darlegt, sich gar nicht genug thun kann. Es rst, als würde ihrn die Spaltung der Natron und die Gründung zweier gesonderter Reiche, die in deren Folge sich ergab, als ein Schreckensbild vorschweben, von dem er auch den letzten Schatten in der Erinnerung verscheuchen möchte. Für uns ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis als unmittelbare Folgerung. Der Prophet hat demnach in jenem Ereigniße das schwerste Verhängnis in dem gesammten Verlauf d er leideureichen israelitischen Geschichte gesehen. Es erscheint dieselbe damit unter einen ganz, neuen Gesichtspunkt gerückt. Wohl war auch ihm bereits die Verbannung des großen Reiches der zehn Stämme bekannt. Noch mehr, es werden auch wohl schon damals die letzten Folgerungen jener Thatsachen — "das ist deren völliger Untergang — in die Erscheinung getreten sein. Er selbst lebte und wirkte wiederum mitten unter beu Verbannten des Reiches Juda. Wie er Cap. 3, V. 15 beschreibt, wirkte der Anblick ihres Elends dermaßen betäubend auf ihn, dyss er darob sieben Tage seiner Sinne nicht mächtig war. Wenn er demnach solcher Maßen die ganze Tragik unserer Geschichte am eigenen Leibe zu verspüren bekam, so hat er nichtsdestoweniger' mit seinen vom Geiste Gottes erleuchteten Augen klar genug gesehen, um zu erkennen, dass der tragische Knoten bereits viel früher, und zwar in jenem harmlosen Momente der Spaltung des Reiches, hierzu geschürzt wurde. Denn die israelitische Nation musste infolge dessen zunächst den besseren Theil ihrer Kräfte in inneren, geradezu selbstmörderischen Kämpfen ausreiben. Sie war außerdem durch den gedachten Umstand dazu verdammt, in den unvermeidlichen Kämpfen mit der Außenwelt stets die Minderheit und den Schwächeren zu spielen. Schonung und Nachsicht ist nicht das Gesetz, nach welchem diese Welt regiert wird. Wehe dem Schwachen! heißt es da unerbittlich. „Nicht werden sie sich fernerhin an ihren Götzen, an ihren Greueln und an allen ihren Laste:n verunreinigen, erlösen werde ich sie aus all ihren Wohnsitzen, an welchen sie gesündigt haben. Ich werde sie in ihrer Reinheit Herstellen, dass sie mir zum Volke und ich ihr Gott werde." (V. 23.) Die äußere Wiederanfrichtung des Volkes bedingt aber auch, soll das Werk vollkommen sein, die innere Wiedergeburt. Zu diesem Zwecke erscheint dem Propheten die Ausscheidung dreier Schäden geistiger Art erforderlich. Dieselben kennzeichnet er in den Ausdrücken n'yxpz D'snptP D’Ww Tie Bedeutung des ' ersten ist ohne Weiteres klar. Es find dies die Abzeichen des Götzendienstes, die der Prophet allerdings mit einem durchaus nicht schmeichelhaften Namen bezeichnet. Was den zweiten betrifft, so bezeichnet er die Ausschreitungen, die von der ungebändigten sinnlichen Nätnr des Menschen unzertrennlich sind, und deren Wiederwärtigkeit in die Augen sticht. Es ist dies jenes weile Gebiet von Verfehlungen, wo Mensch und Thier nicht vlos einander begegnen, sondern wo dieser letzteres womöglich noch zu über bieten scheint. Der dritte Ausdruck dagegen! bezeichnet ein Gebiet von Sünden, das dem Menschen allein nur! zugänglich ist. Es sind dies die Verfehlungen/ welche sich die ganze lieber legenheit des menschlichen Geistes für ihre Zwecke dienstbar zu machen wissen. An der Außenseite verstehen sie es mit Erfolg, alles Widerwärtige abzustreifen, sich nicht selten sogar den Anschein von. Tugenden zu geben, was aber ihre Gefährlichkeit' betrifft, so überdieten sie die ersteren bei weitem. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Aufeinanderfolge der drei Entartungen des menschlichen Geistes hier keine zufällige sein kann. Sie stehen, genauer betrachtet, in innerer Abhängigkeit von einander. Es ergibt sich für uns daraus zunächst, dass der Prophet die Wurzel aller moralischen Uebel in dem Götzendienste erkannt hat. Aeußerlich gesehen, erscheint dieser mehr eine Verirrung der Erkenntnis, als eine solche der Moral. Der Prophet hat jedoch den Zusammenhang der Erscheinungen anders und weit tiefer erfasst. Nach seiner Lehre j ist das Götzenthnm die Ursache, ans der sowohl die groben fleischlichen Laster, wie nicht minder die raffinirtenSünden einer geistigen Ueberfeinerung erwachsen. Er spricht demnach dem Heidenthume grundsätzlich nicht blos die Fähigkeiten ab, eine höhere Moral zu erzeugen, sondern auch die andere,. die erforderlich ist, um nur die urwüchsige thierische Rohheit zu bändigett. Es bat diese Lehre auch für die Beurtheilung vieler Meuscheu der Gegenwart große Bedeutung. Wenn dieselben auch dem Götzenthume keineswegs zugethan sind, so wollen sie aber ebensowenig sich zu Gott und seiner Offenbarung bekennen. Das Höchste, was man vom Menschen erwarten darf, meinen sie,