Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Kerr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Wir ersuche» die geehrten Herren College» um Einsendung der Abonneiiieutsgebühr für das am 1. Aprit begonnene II. Quartal und um Begleichung der Buckstände. Die Redaetton. Commeutar und Glossen;um Organisationsplan Von Kantor Isidor Schwarz in Linz. Standesgeuossen und Brüder.' Höret! An Euch ergeht dieser Aufruf. Er bringt Euch Kunde von einem hohen Geschehnis, von einer That, die Ihr erst dann voll und ganz werdet zu würdigen wissen, nachdem sie zur Wirklichkeit geworden. Gut ist das Werk und edel. Wir können es Allen, die von des Eantors Kunst und Mühe Lebensuutrrhalt gewinnen, bestens empfehlen. Dem Einzelnen, sowohl als auch der Gesammkheit versprich: es das zu bringen, was uns Eantoren seit jeher abgeht. Eins nur bleibt noch zu wünschen übrig. Soll dieses Welk zum Segen Aller gereichen, zur bleibenden Erinnerung für kommende Geschlechter, so müssen Alle, die unseres Amtes und Standes sind, mit am Werke thätig sein, mitthun, mithelfeu, mitschaffeu. Der Eantor, der Ehasan, der Vorbeter, der Meschubed, Alle, Alle, die zum ehrwürdigen Stande der Religionsdiener zählen, seien uns willkommen, so sie uns als Mitglieder beizutreten wünschen. Wollt Jhr's wissen, was es ist, warum wir diesen Ausruf an Euch haben ergehen lassen? Ein im Jnlimonat des Jahres 1901 in Wien adgehaltener Eantoren-Eongress hat einstimmig beschlossen: Wir Eantoren Oesterreich-Ungarns wolle» insgejammt uns eine Organisation schaffen. Wesen und Beschaffenheit dieser Organisation sind genau dem Stande angepassr worden, dem wir alle angehören. Alle Utopien und frommen Wünsche, die nicht unmittelbar damit Zusammenhängen, sind hübsch beileite geschoben worden Als ragender Fels im Meere der Standesersorderniße sind nur wenige Punkte znrück- ' geblieben, über welche in allen Standeskreisen des weiten Heimatlandes leicht eine Einigung wird zu erzielen sein. Zu allernächst sei hervorgehoben, dass es keinen Beruf und teuren Stand auf Gottes Erdboden gibt, der in Mark und Keru mehr augefault wäre, wie der heilig-ernste Eantorstand. Mit uns kann man thnn und lassen nach Herzenslust. Kein Auge thränt um unser Leid, keine Hand rührt sich, wenn uns jäh und unverschuldet Jammer und Elend, Stellungsuud Brotuoth heimsuchen. Immer sind's wir, und niemals die Brotherrschast, die ein Malheur verschuldet haben. So geht die Märe. Und wir, was haben wir bis heute gethan, was dagegen vorgekehrt? Nichts, rem nichts! Und doch gibt es keine Gemeinde in Israel, sie wäre noch so groß und noch so klein, die unser und unserer Dienste jemals lvird entratheu können, es sei denn sie hätte mit dem jüdischen Gottescultus gänzlich aufgeräumt. — Genug des ewigen Lamentos, des Trübsalblasens und Zeterschreiens! Niemand wird uns die Hand reichen zum friedlichen Bunde, keiner uns gegasoker koach sagen, wenn wir in alter Manier fortfahren, uns selbst wie dermaleinst zu verpöbeln. Zeigen wir, dass wir Mannes genug sei» können, uns selbst zu helfen, aus dem Schlamme der hundertjährigen Erniedrigung frisch und schaffcnskrästig zu erheben! Alle Stände rund herum in Europa, ja, selbst die im Morgenlattde und jenseits des großen Wassers haben sich zum Schutze ihrer Lebensinteressen in verschieden gearteten Verbänden zusammengethan. Die Reichen und Mächtigen zur Erschließung neuer Geldquellen, die Armen und «Lntetüreu zur Veruuilderuug der täglichen Arbettsslunoen, zur Ertrotzung von besseren Löhnen, zur Erkämpfung und Erzwingung von Zugeständnißen aus social politischem Gebiete. Sichtbarlich, ja, mit Händen greifbar sind die Erfolge, welche da fort und fort erzielt werden; disferenziell und in Großdimensionen neigen allenthalben die Gegensätze einem billigen Ausgleich zu. Was Andere bereits erstritten, das haben wir Eantoren noch nicht versucht. Im ABC der echten und rechten Nächstenliebe ist das Hemd näher als der Nock, und die Altweisen haben diesen Lehrsatz mit dem volksthümlichen Spruche: Iw 6» ani li, mi li? haarscharf gekennzeichnet. „Hilf Dir selbst, so hilft Dir auch Gott", sagen alle Leute, die au Gottes Vorsehung glauben und dabei Hände haben, um zu arbeiten. Gut.' Arbeiten auch wir, dass man anfängt, uns zu nehmen wie Leute, die was können und leisten, was sein und gelten wollen. Zum Arbeiten aber gehört ein Plan und ein Ueberschlag dessen, was er an Nutzen abwirft. Der Plan unserer künftigen Organisation ist des öfteren berathen und reichlich erwogen worden. Seine Zwecke und Ziele sind theils rein praktischer Natur, und darum leicht durchführbar, theils auch von idealer Wesenheit, die künftighin ihre Umwandlung ins Praktische wird zu vollziehen haben. Vorderhand wollen wir uns mit den Hauptumrissen dieses Planes begnügen. Sie finden in sechs Punkten ihren berecten Ausdruck. 1) In der Regelung unseres, derzeit höchst kläglichen Probevortragswesens; 2) in der Beschränkung der kurzfristigen Anstellungen von nur einer Jahresdauer aus möglichst wenige Fälle; 3) in der Aufräumung mit dem abschreckenden Usus in der Altersgrenze des anzustellenden Eantors, die gegenwärtig die fünsnnddreißig und vierzig nicht überschreiten darf; .4) in der Präcisirung der cantoralen Dienstzweige und Schaffung eines Mindest- und Höchstmaßes von Jahresbezügen für je einen dieser specisicirten Dienstzweige. 5) in der solidarischen Haftung aller Verbandsmitglieder zur Nichtverdrängung eines unschuldig aus Amt und Stellung enthobenen Mitbruders; 6) in der Fuudirung einer ausreichend dotirten Hilsscasse zur Unterstützung von zeitweilig vacanten Vereinsgenossen. Das sind im Großen und Ganzen jene Grundzüge, die uns bei der Schaffung einer leidlichen Standesorganisatiou vor Augen schweben. Um ihrer großen Wichtigkeit willen wollen wir alle sonstigen Standesübel, die minder schwer aus uns drücken, auf kommende Zeit zurückstellen. Jeder Einzelcollege des Reiches, er möge wo immer, wer immer und was immer sein im Dienstbereiche des Cantorenthums, tvird ohne jeglichen Vorbehalt einig mit uns sein, dass wir aus diese Wunde den Finger legen müssen, um diesen Krankenherd von brandigem Eiter und zersetzendem Staub einigermaßen reinzuwaschen. Dass wir Patient und- Arzt in einer Person sein müssen, ist recht bedauerlich, aber durchaus nicht zu unserem Selbstverderben. Im Gegentheil! Viele vor uns thaten dasselbe und thnn es auch dermals noch mit glücklichstem Erfolge, und wir, wir ahmen ihnen nach in unserer eiz'neu Weise zum Heile und Segen unserer eigenen Standessache. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. Für seine Mitarbeit am Kronprinzenwerke „Oesterreich- Ungarn in Wort und Bild"' wurde dem bekannten Schriftsteller Herrn Leo Herzberg-Fränkl der Dank des Kaisers im Wege des Ministerpräsidiums ausgedrückt. Men. (General-Versammlung.) Dienstag, den 8. d. halb 5 Uhr Nachmittags findet im Sitzungssaale der israelitischen Cultus-