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Die Wahrheit · 1902-04-04 · Heft 14 (4.4.1902) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Die Wahrheit. Seite 7 Ueisebriese aus Holland. Von Jan van Düren. IX.») Begleitet von einem Mitgliede des Aufsichtsrathes besuchten wir am nächsten Tage eine der bedeutendsten Wohlthätigkeitsanstalten Amsterdams, das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde, mit welchem in mittelbarer Verbindung stehen das Alters- Dersorgungshaus für Männer und Frauen und das Irrenhaus. - Es war ein schöner, Heller, sonnenklarer Tag; just nicht das l rechte Wetter für den Anblick der Leidenden, Mühseligen und Beladenen oder gar der Geistesgestörten. Der gewaltige Gebäudecomplex, ein moderner Rohziegelbau, macht einen bedeutenden Eindruck. Vor dem Eingänge — auch diese Episode ist charakteristisch — begegnete uns ein harmloser Narr, eine typische Figur des Amsterdamer Ghetto, der den Opperrabyn zu sprechen wünschte, um hochwichtige rituelle Fragen zu stellen. So treibt er es alle Tage und erwartet den Rabbi morgens und abends, wenn er das Gotteshaus verlässt. Das hochentj wickelte, jüdische Gemeindeleben zeitigt auch solche Früchte. j Wir durchschreiten das mächtige Portal und treten in eine geräumige Vorhalle, in der uns der „Yader“ begrüßt. Ein strammer, liebenswürdiger Alter, dem man es ansieht, dass er Soldat gewesen ist. Er kennr seine Würde und ist sich seiner großen Verantwortung wohl bewusst. Die Gesammtanfsicht über das »Xedsrlandseb-Israelitiseii Xrurb68tnar^ ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass in den verschiedenen Anstalten manchmal gleichzeitig tausend Personen nutet gebracht sind. Musterhafte Ordnung, peinliche Reinlichkeit nimmt man denn auch bei jedem Schritte wahr, die prächtigen Hallen, Corridore und Vorräume spiegeln ordentlich. Es summt und surrt wie in einem Bienenkörbe. Denn Männer, Frauen, Beamte uub Diener gehen ab und zu. Alle in großer Geschäftigkeit. Wir kommen gerade zurecht, um die Küchenwerkstätte in voller Thätigkeit zu sehen. Sie wäre würdig des ersten großstädtischen Hotels. Die Vorrathskammern zeigen gesegnete Fülle. Alles aber wird unter allerstrengsten Aussicht koscher gehalten und geführt. Jeder Butterstollen trägt beu Ko scher - Stemp el, jede Flasche Wein das K o s ch e r-S i e g e l, die Milch, Käse rc. rc. alles. Es bedarf nicht der Erwähnung, dass das Fleisch von verlässlichen Frauen nach streng jüdischer Vorschrift behandelt wird. Sab b at ent w eih un g ist gänzlich ausgeschlossen; nur bei lebensgefährlich Erkrankten wird, gemäß religiöser Vorschrift, eine Ausnahme gemacht. Die Aerzte selbst wachen darüber. Denn in Holland gilt es nicht als Zeichen der Tüchtigkeit bei einem jüdischen Arzte, wenn er als Befähigungsnachweis vor allem jüdischen Patienten verbotene Speisen und die Entweihung der Sabbathe ordinirt, wie dies anderwärts der Fall ist. Bei dieser Gelegenheit gedachten wir mancher jüdischen Anstalt in anderen Großgemeiuden, wie z. B. Wien, woselbst öffentlich ohne zwingenden Grund Sabbathe und Festtage entweiht, die Speisegesetze umgangen und selbst Kinder, welche dem Schutze der Institute anvertraut werden, indirect zur Sabbatentweihung erzogen werden. Wie ganz anders ist es doch hier! Eine Merkwürdigkeit, sind die mächtigen „Schaletöfen". Wahre Monstra ihrer Art. Denn alle müssen sich am Sabbath mit Schalet begnügen, wo nicht absolut frische Nahrung als unumgänglich nöthig erklärt wird, auch Recepte werden am Sabbath in der Regel nicht verschrieben. Hingegen begeben sich alle Pfleglinge in die prächtige Anstaltssynagoge, um dort nach streng-orthodoxer Vorschrift ihre Andacht zu verrichten. Alle Männer speisen bedeckten Hauptes, alle waschen ihre Hände vor Tisch und verrichten gemeinsam ihre Tischgebete. Es wird keine, auch nicht die geringste religiöse Vorschrift vernachlässigt, auch das wird strenge überwacht. Ebenso wie darauf gesehen wird, *) Jrrthümlich war der vorige Reisebrief mit VII anstatt mit VIII bezeichnet. dass die modernsten hygienischen und prophylaktischen Maßregeln strikte befolgt werden, dass die Wohn- und Krankenzimmer licht, luftig, rein und sauber, die Speisen schmackhaft und vorschriftsmäßig seien — ebenso wird darauf geachtet, dass die Mesusoth au den Thüren in Ordnung, die Sukkoh nicht baufällig und die Sifre Thora possul seien. Man ist dort von der richtigen Einstcht durchdrungen, dass es eines jüdische» Institutes unwürdig sei, das Religionsgesetz nicht hochzuhalten. Es gilt einfach für selbstverständlich, dass jede jüdische Anstalt in aller erster Linie jüdisch zu sein habe. Man glaube aber ja nicht, dass dadurch die Trefflichkeit in der Verwaltunng, Führung und Einrichtung irgendwie leide. Diese Ansicht herrscht leider anderwärts vielfach. Unterhaltsam ist es, die Alten in ihrem stillen Treiben zu beobachten. Man merkt ihnen die Behaglichkeit und das stille Wohlbefinden an. Sie schackern und scherzen miteinander, wie die Kinder. Besonders nett sind die Stübchen für alte Ehepaare, deren es innner mehrere in der Anstalt gibt. Philemon und Baucis glaubt mau vor sich zu sehen. Hier sitzen sie au einem wohlgescheuerten Tischlein und trinken aus blanken Schalen buftenöen Kaffee. Der Alte raucht aus braunem Pfeifchen wohlriechenden Taback und lässt mir sichtlicher Freude die Ringlein in die Luft kräuseln. Auf dem Tischlein liegt ein Buch; es ist ein Chobot haleboboth. Der Kaffee für den Magen, das Buch für's Herz. So ift's recht. Den Insassen des schönen Heims steht eine Bibliothek zur Verfügung, welche für die geistigen Bedürsniße ebensogut Sorge trägt, wie die Küche für die körperlichen. Durch einen lichten Corridor gelangten wir in einen Garten mit Wandel» gängelt. Hier sehen wir die „Aermsten im Geiste" sich im Freien ergehen. Ein Weib kam auf uns zu, um mit bunter Wolle unser Kleid zu benähen. Das war ihr Wahn; wahrscheinlich eine arme Stickerin, der ihre Kunst es angethan. Ein Greis stolzirte als König Salamo umher und erthnlre Befehle, ein junger Mann recitirte unaufhörlich Klagelieder, sie klangen, als wenn er sein eigenes trauriges Los beweinen wollte. Daneben aber singt ein Mädchen fröhliche hebräische Weifen, die beinahe wehmütbiger stimmen, als jene Tranerlieder. Ein Reicher bettelt um Almosen, ein Armer gerirt sich als Krösus. O, arme Welt des Scheines und des Selbstbetrugs, wie bist du doch dieser Welt des Wahnes und bev Jrrbilder in manchen Stücken so ähnlich! Begleitet von den übertriebenen, lauten Grüßen der BedauernSwerthen, voir beneu uns manche am Rockzipfel festhalten wollen, verlassen wir den Ort, von dem es für jene kaum eine Rückkehr gibt, nub begeben uns in die Krankenabtheilung, um einige Säle zu besichtigen. Die Kindersäle interessiren uns am meisten. Hier haben einige Kleine russischer Flüchtlinge Aufnahme gefnnden. Auch deren Eltern sind im Hause. Aus dem Umwege über Amerika haben sie ihren Weg nach Amsterdam gefunden, dieser seit jeher gastlichen Zufluchtsstätte unglücklicher Inden. Hier finden sie Heilung ihrer Seelenleiden und Körperschmerzen. Hat doch hier auch Moritz Scharf ein Asyl gefunden, der unglückselige Knahe, auf dem der Fluch und, die Schande des Tisza-Eszlarer-Pcocesses lasteten. Run ist er ein fleißiger und ehrlicher Arbeiter geworden und hat in der neuen Welt ein neues Leben begonnen. — Ein Mägdlein liest den kleinen Genossen Märchen und Gedichtlein vor, welch' lieblicher Anblick! Die kleine Lehrerin lässt sich nicht stören und hält ihren Vortrag bis zu Ende. Von hier aus geht es in die Synagoge, woselbst zum Minchagebet Vorbereitungen getroffen worden. Sie ist einfach, aber schön eingerichtet und besitzt einige kostbare Gerärhe, welche wohlthätige Spender gewidmet haben, deren es zahlreiche gibt. Nun statten wir noch dem Operationssaal einen Besuch ab u,ld begeben uns schließlich in die sreundliche Wohnung des Hausvaters, woselbst wir uns von dem wackeren, umsichtigen, frommen Manne herzlich verabschiedeten. (Fortsetzung folgt.)!

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