Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Vre Wahrheit. Nr. 14 Am 29. v. fand hier unter massenhafter Betheiligung der letzte Vortragsabend der Saison statt, der einen sehr schönen Verlauf nahm. Um das künstlerische Gelingen des Abends machten sich nebst dem „Jüdischen Gesang- und Musikverein" auch die Damen Frln. Melanie Wrba (Gesang), Pan (Declamatiou), Frau Sttöbel (Zithervirtuosin) und die Herren Richard Taussig (Opernsänger), Hirsch (Gesang) und M. U. C. Fleischmann (Violinvirtuose) verdient. Hierauf hielt der Obmann und Mitbegründer der Halle, Herr Advocat Dr. L. Ben di euer, das Schlusswort und beleuchtete die erfolgreiche Thätigkeit dieses jungen, eminent gemeinnützigen Unternehmens. Reicher Beifall folgte den geistvollen Ausführungen des trefflichen Redners; auch die künstlerischen Darbietungen fanden ein überaus dankbares Auditorium. Möge es dem Vereine gegönnt sein, in der neuen Saison seine segensreiche Thätigkeit in erhöhten! Maßstabe fortzusetzen, mit reicheren Mitteln ausgerüstet, um ein besseres, größeres Local beziehen und eine eigene Lesehalle eröffnen zu können, die hier noch mangelt. Der „jüdische Frauenverein" veranstaltete am 23. März in der Probuctenbörse ein Purim-Kinderfest, das zahlreich besucht war und einen sehr gelungenen Verlaus nahm. Die Ausschussmitglieder, die sich um das Gelingen des Festes besonders verdient gemacht haben, sind die Damen: Sophie Roubitschek (Präsidentin), Johanna Bergmann, Bertha Karpeles, Emilie Löwy, Jenny Schwarz, Jos. Singer und die Jugendschriftstellerin Frl. Jda Bloch, die originelle Handarbeiten, aus allerlei werthlosen Abfällen mit Geschick verfertigt, zu Gunsten des Vereines verkaufte und ein selbstverfasstes Gedicht „Die Klage der linken Hand" zum Vortrag brachte, für welches die kleinen Zuhörer mit lebhaftem Applaus dankten. Zum Andenken an das Fest erhielten die Kinder hübsche Bonbonnieren. R. M. T. Jüdischer Volksbildungsverein in Teplitz?) Oii revient toujours a ses premiers amours. Nicht umsonst heißt es von den Sprichwörtern, dass sie mit geringem Inhalt die Lebensregelu vieler Generationen in sich darsrellen. Ja, man kehrt zurück! Wenn die Sinne stumpf geworden sind für reizlos gewordene Lustbarkeiten, wenn Philosophien entstehen und vergehen, hier Gleichheit und allumfassende Liebe, dort Herrenmoral und Rietzsche's Recht des Stärkeren gepriesen wird, wenn die Knust nicht mehr in Herz und Seele eiudringt, weil sie mit überlauter Technik und raffinirter Klügelei zu zu Werke geht — dann sehnt sich das gequälte Menschengemüth hinaus in die herrliche Freiheit, in jene Freiheit, wo es keine Götterherrlichkeit gibt, sondern eine einzige Gottherrlichkeit. Man beugt sich wieder demüthig und sagt reuemüthig adonoj hu hoelohim „Der Ewige ist der wahre Gott." Die große Thatsache steht fest: Durch die Abkehr vom religiöser Element ist viel edler Geist im Judenthum zerstört worden, aber ein neuer Geist blüht aus den Ruinen. Dieses Blühen hat begonnen. In Deutschland ist dieser Frühling im religiösen Leben früher über die Berge gekommen als bei uns in Oesterreich. Dort hat sich manch dürrer Boden wieder in frisches Grün gekleidet, und eine neue Saat verspricht neue Ernte. Jede kleine Gemeinde in Deutschland hat ihren Litteraturverein. Mit Recht! Die Unwissenheit hat lange genug gehaust und nur der Unwissenheit ist auch die Gleichgiltigkeit im religiösen Leben zuzuschreiben. Unsere deutschen Poeten kannten die Bibel sehr genau uud Meister Hans Sachs übertrug die später von Moses Meudelssohn in Reime gebrachten Psalmen auch schon in Reime. Wiederholt haben Litteraturhistoriker bei Goethe, Herder, Aug. Bürger bibelgemäße Satz- und Wortbildungen nachgewiesen. Die unerreichte Kunst im Buch der Bücher, Lebensmoral zu veranschaulichen, wurde also von den Meistern studirt, studirt in den Büchern der Juden! Die Juden aber? Wie beliebte es *) Konnte wegen Raummangels leider in voriger Nummer nicht veröffentlicht werden. ihnen, von ihren geistigen Kostbarkeiten zu sprechen? Bei diesen und jenen freilich sprach der Uebermuth, der Spott; bei den meisten die Unwissenheit. Wien, Prag gingen mit der Gründung von Litteraturvereiuen voran. Nun beginnt es sich in der Provinz zu regen, und eine weitere Station in der Steppe jüdischen Geisteslebens ist nun auch in der ca. 4000 jüdische Seelen starken Gemeinde Teplitz errichtet worden. Der Verein nennt sich „Volksbildungs - verein" und besitzt bereits behördlicherseits genehmigtes Statuten. Sowie der Verein durch ein geistiges Band Arm und Reich verbinden und so die Zwangsmauern niederlegeu will, die jetzt veraltete Gesellschaftsordnungen zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen errichteten, so soll es auch jedem freistehen, an Vortrags- und Discussions-Abenden der eigenen freien Meinung rücksichtslos Raum zu geben. Von Fachgelehrten oder Herren, die sich für Fragen des Judenthums interessiren, werden Vorträge historischen, philosophischen, poetischen oder liturgischen Inhaltes gehalten werden, es werden zwanglose Familienabende mit unterhaltendem Programm geboten werden; es soll Leben und Bewegung für Alle, nicht blos für Einzelne geschaffen werden. Die Kleinstädterei hat auch im politischen Leben ihre Daseinsberechtigung verloren, alles strebt zum Ganzen. Dieser jüdische Volksbildungsverein hat viel zu viel Achtung vor der freien Meinung, als dass er etwas anderes versuchen wollte, als seinen Mitgliedern die große Ethik jüdischen Denkens und Fühlens an der Hand jener Litteratur nahezubringen, welche die Welt erobert hat. Was man sonst als Jude M thun und ju. lassen hat, in welcher Abart von Frömmigkeit man sich wohl fühlt, das ignorirt der Verein vollständig. „Was Du ererbt hast von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen." Gut, wir wollen erwerben — dieses herrliche litterarische Erbe unserer Väter. Schon die erste Veranstaltung des Volksbildungsvereines zeigte klipp und klar, was beabsichtigt ist. Purim, das Fest der Unterhaltung, wurde als Fest der Unterhaltung zum ersten Male gefeiert. Nach fröhlich geschmetterten Einleitungsklängen bot Herr Dr. Kurrein der festlich gestimmten Menge den Willkommensgruß. Er sprach nicht als Rabbiner der Gemeinde, sondern als Vereinsmitglied. Mit einer gelungenen humoristischen Bemerkung abstrahirte er den Rabbiner von dem Vereinsmitglied in sich. In klarer, offener, nicht misszuverstehender Weise sprach er den Gedanken aus, der zur Gründung des Vereines führte, schonte jede freie Auffassung, berührte die Purimidee als solche, Arm und Reich, Jung und Alt, Chef und Angstellte, alle, alle sollten sich miteinander freuen und erfreuen. Wie der Verein am besten verstanden sein will, ging aber am besten aus dem Schlusswort hervor: „Wir wollen mit jüdischer Bildung unser modernes Menschenthum ergänzen." Auf diese Begrüßungsworte folgten prächtige, von der 92. Regimentscapelle gespielte Orchester- Piecen. Bei der nun folgenden von Fräulein Fischer, den Herren Adler, Freund, Löwenthal, Werfel und Wantoch gespielten Posse gab es Lachstürme. Tiefgehend ins Gemüth wirkte jedoch etwas für Teplitz ganz Neuartiges, die scenische Darstellung sämmtlicher jüdischer Feste mit Declamatiou und Orgelbegleitung. Die Ausführung dieser echt jüdischen und künstlerischen Idee wirkte nachhaltig, wie selten eine Aufführung. Sowohl Melodram, wie lebende Bilder mit herrlichen Frauengestalten dargestellt, wirkten weihevoll, poetisch auf's Gemüth. Alle Mitwirkenden erfüllten in glänzender Weise ihre Aufgabe. Herr Obercantor Dawison, der die Idee dazu angab, aussührte und die Orgel spielte, wurde sammt allen Mitwirkenden beglückwünscht. Das Gründungscouitv, mit den Herren Dr. Hahn, und Ungerleider, S. Steiner als Schriftführer und L. Adler als Cassier an der Spitze, zog mit dieser Veranstaltung einen Treffer! Möge er für die Zukunft des Vereines von glücklicher Vorbedeutung sein. E. D.