Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-04-04 · Heft 14 (4.4.1902) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063127--01854-3068480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 14. Die Wahrheit. Seite 5. Eine eigenthümliche Bewandtnis hat es mit 19. Verse. Was der Prophet lehren wollte, ist ohne weiteres klar. Es soll hier zweifellos die Ausdeutung der sinnbildchen Handlung gegeben werden, tvie sie der Prophet nach V. 17 vorzunehmen hatte. Der Gedanke ist also für uns im vorhinein klar, nur will er nicht recht in dessen Worte hineinpassen. Um denselben in dem gewöhnlichen Sinne darzuthun, wäre es vollkommen ausreichend, wenn es hieße n*w py nx wm Diejenigen, welche es bei demselben bewenden lassen, behaupken, es stecke hier ein Fehler und streichen einfach das überflüssig scheinende nniK. Allein das wäre dann ein so grober Schnitzer, dass er von keinem, der nur einige Sprachkenntniße besitzt, hätte übersehen werden können. Es müsste daher geradezu mit Wundern zugegangeu sein, wenn derselbe darauf hätte warten müssen, bis in unserer Zeit einer aufstand, der ihn ausmerzte. Es will mich bedünken, als ob der Sachverhalt hier genau umgekehrt läge. Der Fehler liegt weniger beim Propheten — als an dessen Ausleger. Durch ihr vorschnelles Urtheil begaben sie sich des schönsten Erfolges. Derselbe kann erst dann als erreicht angesehen werden, wenn es gelungen, bis in das seiuste Geäder des Gedankens vorzudriugeu. Unser Fall ist hierfür ein schlagendes Beispiel. Der Ausdruck oniK 'Jtrm, wie er dasteht, will besagen, dass es mit dem einen Aste, der Efrajim und seine Genossenschaft zur Darstellung bringt, kein so einfaches Ding ist. Bildet doch sein Gegenstand kein geschlossenes Ganzes, wie das bei dem anderen Aste der Fall ist. Er ist, wenn man so sagen darf, an Haupt und Gliedern zerrüttet. Um ihn mit einem Griff handhaben zu können, mfiffe zuerst Einheit und Zusammenschluss unter seinen einzelnen Gliedern erwirkt und das Haupt in die rechte Stellung gesetzt werden. Der Prophet will daher sagen: es soll den Gliedern des efrajimitischen Reiches die organische Verbindung und dessen Vormacht, dem Stamme Efrajim, die moralische Macht erst verliehen werden, welche zur Führung einzig und allein befähigt. Erst dann könne die Vereinigung mit dem anderen Reiche erfolgen. Dies tvar ja von jeher der Ausgang aller Bewegungen, welche den Abfall von der Religion zum Ziele sich setzten. Sie mögen denselben wohl erreicht haben, aber zugleich auch den inneren Zerfall des Volkes. Das große, gewaltige Reich Efrajim, welches fünf Sechstel der gesammten israelitischen Nation umfasste, ist ein warnendes Beispiel von furchtbarer Eindringlichkeit. Im Innern zerfallen und ausgelöst, wurde es um das Jahr 722 vor unserer Zeitrechnung von Salmanasser erobert und dessen Bewohner in die fernen Gegenden des assyrischen Reiches verbanilt. Ueber deren weiteres Verbleiben verlieren wir bald jede Spur. Wir müssen also aunehmen — da von blutigen Verfolgungen keinerlei Nachricht vorhanden —? dass sich die Efrajimiten mit den heidnischen Ureinwohnern jener Gegenden verschmolzen und solcher Maßen als eigenes Volk zu leben anfgehört haben. Immerhin bleibt es nicht ausgeschlossen, dass sich hier und da einzelne versprengte Ueberreste von denselben bis auf unsere Zeit erhalten haben. Von einiger Bedeutung können dieselben schwerlich sein; denn heutigen Tages ist unser Erdbällen fast in allen, auch den bisher unzugänglichen Theilen in einem Maße erforscht, wie noch nie zuvor. Größere und geschlossene Volkskörper würden der Aufmerksamkeit der Forscher kaum entgangen sein.. Nun wollen einige in den indischen Inden directe Nachkommen der Efrajimiten erkennen. Dieselben zählen einige lausend Seelen, unterscheiden sich jedoch weder in ihren Sitten, »och in ihrer gesammten Lebensweise von den Ureinwohnern des Landes. Von einem eigenen Geistesleben — keine Spur. Selbst -er religiöse Cultus ist nur eine Entlehnung dessen, was sie in ihrer Umgebung vorgefuuden. Das Ganze, was sie aus dem Schiffbruche gerettet, ist nichts mehr als ein paar hebräische Namen und einige hebräische Worte. Hier zeigt es sich, wie der innere geistige Verfall auch den äußerlichen unverweigerlich nach sich zieht. Wir gegenwärtigen Juden, nachweislich die Abkömmlinge des kleineren Reiches Juda, zählen, wie die Statistik ausweist, zur Zeit etwa 11 Millionen Seelen. Auf diese immerhin stattliche Anzahl haben wir es gebracht, trotzdem wir seit der Zerstörung unseres Reiches unter Titus bis auf den heutigen Tag die unerhörtesten, grailfamen, kaum auszudenkenden Verfolgungen erlitten haben. Trotz alledem haben wir uns behauptet, und zwar unter jenen. Völkern, welche in Bezug auf allgemeine Cnltur und Geistesbildung die höchste Stufe erstiegen und demzufolge die Führung der gesammten Menschheit übernommen haben. Legten wir nur einen rem äußerlichen Maßstab an, so müssten die Nachkommen des Reiches Efrajim fünfmal so groß, also 55 Millionen zählen. Ziehen wir aber auch die inneren Verhältniße mit in Betracht und bedenken, dass die Efrajimiten unter Völkerschaften verstoßen wurden, die theils ganz ohne Cnltur, theils auf ihren niedrigsten Stufen standen und noch immer stehen, so zeigt sich das Bild in einem noch viel trostloserem Lichte. Uncultivirte Völker besitzen^ ja überhaupt nicht jene furchtbaren Mittel, mit denen Mensch gegen Mensch zu wüthen vermag. Unter solchen Bewandinißen hätten heutiger! Tages die Abköinmlinge des Reiches Efrajim 80—100 Millionen zählen müssen. Wo sind sie geblieben? Wir sehen ferner, dass überall, wo die Völker Europas und die auf gleicher Stufe der Bildung und Gesittung stehenden ans jene weiten Gebiete der Naturvölker den Fuß gesetzt, das Land unter ihre Hand kam und dessen Bewohner sich ihnen unterwerfen mussten. Die Nachkommen des Reiches Jnoa hätten ohne Zweifel in jenen Gegenden den gleichen Erfolg erzielt. Warum vermochten es die Efrajimiten nicht? Nichts kann so - sehr wie dies den entschiedenen Beweis liefern, dass i» dieser Welt sich nur die überlegene moralische Macht zu behaupten und Erfolge zu erringen vermag. Diese gesummte Gedankenfolge ergibt sich uns aus der auffälligen Wortfügung in nuferem Verse. Das alles soll ihnen der Prophet vor die Seele führen, indem er > noch V. 20 dem Volke die zur Einheit zusammengefügten;und I ineinaudergewachsenen Baumhälften vor die Augen hält. In demselben Maße, als ein Baum, in welchem der volle rauschende Strom des Lebens zur üppigen Entfaltung kommt, abgestorbenen Bruchstücken gegenüber überlegen ist, in demselben Maße erscheint ein zur Einheit zusammengefasstes, von hohen Zielen beseeltes Volk seinen in einzelne Glieder versprengten Massen gegenüber überlegen. (Fortsetzung folgt.) Aus dem jüdischen vereinsleben Prags. Unsere diversen Bildungsvereine haben bereits für die heurige Saison ihre öffentliche Thätigkeit abgeschloffen. Am 27. v. veranstaltete der Verein „Afike Jehuda" unter sehr schwacher Betheiligung seine Generalversammlung mit anschließendem Debatten-Abend. Herr Advocat Dr. Kohner referirte in eingehender Weise über „Die jüdischen Vereine in Prag* und kam zu dem Schluffe, dass diese sich fnsiouiren sollten, da sie ja zumeist die gleichen Zwecke verfolgeil. Im Laufe der Debatte wurde hervorgehoben, dass eine Verschmelzung der Wohlthättgkeitsvereine nicht so leicht zu Stande kommen könnte, wie die der Bildungsvereine. Auch wurde die Gründung einer rituellen Volksküche in Erwägung gezogen, für die sich noch mehrere andere Prager Vereine iureressiren. Aehnliche Zwecke wie der „Verein zur Verbreitung der Wiffenschast des Jndenthnms „Afike Jehuda" haben auch: die neugegründete Toynbeehalle, der zionistische jüdische Volksverein, der durch unentgeltliche Veranstaltung von Unterrichtscursen, Vorträgen rc. bildend wirkt, der jüdische Frauenverein, die Verbindungen der jüd. Studenten, der Handelsakademiker und Angestellten rc. Diese Vereine haben zusammen eine stattliche Mitgliederzahl. Falls sie sich als Sektionen unter Beibehaltung ihrer Titel dem Vereine „Afike Jehuda" als dem ältesten und bestfundirten Bildungsvereine Prags anschließen würden, wäre allen die Entfaltung einer ersprießlicheren humanitären Thätigkeit ermöglicht, währenddem sie sich jetzt nur schädigende Concurrenz machen. Eimge Bildungsvereine stehen der Idee einer Fnfionirung nicht unsympathisch gegenüber.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.