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Die Wahrheit · 1902-03-28 · Heft 13 (28.3.1902) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Desterr.-ungar. Cantaren-Zeitnng. Nr. 13. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 22. Iahrg. Wir ersuchen die geehrten Herren Kollegen nm Einsendung der A l>ou nein«» lüg^bühr für das am 1. Aprit öeginveude II. <|«iarlal und um Begleichung der Rückstände. Die Redaktion. lieber die Entwicklung des Synagogengesanges. III. Serie — Nr. 20. Von Obercantor J. Singer-Wien Um die Bedeutsamkeit des im vorliegenden Werke 8chir lischlomo (Friedmann-Blrlin) gebotenen Stoffes anch in quantitativer Beziehung erschöpfend zu kennzeichnen, constatiren wir mit Genugthmmg. dass das g e s a m m t e Gebiet der cantoralen Wirksamkeit (mit alleiniger Ausnahme der Leichengebete, welche übrigens eine spezifisch-österreichische, bez. Sulzer'sche Schöpfung waren und in Deutschland außer Gepflogenheit stehen oder standen) durchgearbeitet erscheint. Wenn wir oben von einer quantitativen Darbietung sprachen, so beabsichtigten wir hieinit lediglich, auf den ganz außergewöhnlichen Fleiß des Herausgebers aufmerksam zu machen, auf eine achteuswerihe Arbeitskraft, welcher das Winzigste nicht bedeutungslos und das Umfassendste nicht schwierig genug erscheint. Born ersten Jigdal beim ersten Morgengottesdienste nach Jom kippur bis zürn Adonaj hu hoelohim beim Neilah ist kein einziges Vorkommnis außer Acht gelassen, und können wir schon dieser — man verzeihe uns die etwas derbe Bezeichnung — Kraftleistung unsere volle Anerkennung nicht vorenthalten. Erblicken wir in dieser, das Gesammtgebiet der syugaogalgesauglichen Necitation umfassenden Schöpfung den treuen, hingebungsvollen Arbeiter, der, tvie ein nrnsichliger Gärtner, nicht allein dem erstarkten Baume, sondern auch dem winzigsten Pflänzchen seine Aufmerksamkeit zuweudet, so verdient der Inhalt dieser Friedmann'schen Ausschreibungen noch in erhöhtem Maße unsere Anerkennung. Friedman» wuchs in der Sphäre dieser seiner Darlegungen von Kindesbeinen an bis zum ansgereiften Manne empor; er weiß es sehr wohl, dass sogenannte Strebercantoren, die lediglich für den Moment fchafien, auch für sensationelle, nervenreizende Darbietungen zu sorgen bestrebt sein müsien, um ihrem Publikum zu dienen. Friedmann verpönt diese Richturig; er fühlt, indem er seine Ausschreibungen zur Drucklegung vorbereitet, den Flügelschlag einer kommende.'i Periode an sich vorüberrauschen, er ist von der Bedeutung seiner Aufgabe mächtig durchdrungen, dass seine Mission hauptsächlich darin besteht, den Geist des von unseren Altvorderen „Gesurrgeueu" und „Gesagten" in eine moderne Gewandung gekleidet an die Zukunft zu überliefer,i, also gleichsam das historische Bindemittel zwischen Vergangenheit und Zukunft inmitten der lebendigen Gegenwart Herzustetten. Diesem ideal-künstlerischen Zielbewusstsein begegnen wir im Friedmann'schen Buche 8ohir liscblomo allenthalben; ja, wir dürfen es kühn behaupten, dass manche der vorliegenden Ausschreibungen tvirkungspoller gestaltet worden wären, wenn dem Autor der geschichtliche Anknüpsungsgedanke nicht höher stünde, als das inhaltslose Tändeln mit unmotivirten Tönen. Trotzdem sind alle Aufzeichnungen, bei strengster Wahrung des Traditionsgedankens, stets interessant und werden bei rationellem Vortrage ihre Wirkung nicht versagen. Erscheint nun in dem Vorangeschickteu auch die Qualität der Friedmann'schen Schöpfungen zweifellos gekennzeichnet, so dass eine etwaige speciell-qualitativ Schilderung des einen Stückes auch für die Eignung eines anderen gelten kann, so können wir es uns dennoch nicht versagen, aus eine Gruppe der im Werke vorhandenen Recitatiouen insbesondere aufmerksam zu machen, und zwar auf die Recitatiouen von Malchios, Sichronos und Schofros Nr. 378 bis incl. 386. Wir fühlen uns zu dieser eingehenden Anseinandersetznng zuvörderst aus rein praktischen Rücksicht veranlasst, weil dieses Bortragsgebiet das Um und Ans eines jeden jüdischen Cantors ausmacht und weil ein jüdischer Cautor erst dann den eigentlichen Reife- und Bedeutungsgrad erreicht, wenn er im Stande ist, diese Gebetstellen inhalts- und zweckentsprechend zum Vortrage zu bringen. Gleichwerthig erscheint uns jedoch der künstlerische Ausbau dieser Riesen-Recitative auch in didaktischer Beziehung, indem dieselben gewissermaßen den Traditionsgesang moderil mundgerecht für die Znknnft gestalten. — Einzelne von uns jetzt wirkenden Cautoren, die von Picke aus dienten, d. h. in der Jugend Gelegenheit hatten, als Neschorcrirn bei Ohasanim zu singen, erlernten ja diese Gesangsgattung innerhalb der wirklichen Ueberlieferung; allerdings soll der modern und musikalisch gebildete Cantoratsjünger nicht blos das von seinem Chasen Gehörte einfach nachsingen, sich vielmehr des Stoffes bewusst werden und ausgerüstet mit demselben durch eigene seelische Thätigkeit zum Selbstschaffen gelangen. Solcherart begabte Männer gehören und gehörten — wenn sie auch nicht hervorragende Stimmmittel ihr eigen, nannten — zu den Auserwählten unseres Standes (Menagnim). Wir fragen nun: Wo sollen aber unsere heutigen, nicht im chasanischen Anschauungsunterrichte heraugereiften Canloralsfünger die zweckdienlichen Studienquellen für traditionelle Recitative suchen? Und wir beantworten getrost diese Frage mit dem Hinweise auf das vorliegende Friedmann'sche Werk „Schir lisclilomo“. Schlagen wir beispielsweise das Recitativ 378 al ken n’kawe l’cho ans und betrachten wir diese ganz im Geiste der Jetztzeit angeführten Noten und musikalischen Bezeichnungen, so weht uns schon nach Durchsicht nur weniger Tacte ein eigen - thümlich, wir möchten sagen, exotisch-alterthümlicher Geist aus denselben entgegen. Der nichtjüdische oder mit dieser Gesangsweise wenig vertraute Musiker steht vor einem scheinbaren Näthsel rathlos, aus welchem der bekannten Gesaugsstile diese Aufzeichnungen hervorgegangen sein mögen. Und trotzdem befindet sich all das Vorhandene in bester und musterhaftester Ordnung allerdings für den mit dieser Stilart einigermaßen Vertrauten. Am Kopse des Tonstückes befindet sich die Verzeichnung „Adonoj moloch- Weise", also ein Regulativ für den Charakter desselben und somit ein ausgezeichneter Behelf für den Eleven, seinen Vortrag nicht nach eigenem Gutdünken, sondern unter der Botmäßigkeit eines Gesetzes anzuordnen. Der Adouog-moloch-Steiger bildet die dorninirende Tonart, und wenn auch einzelne Abweichungen vorhanden sind, so billigen wir dieselben mit Rücksicht darauf, dass gerade diese schattengleich vorübergleitendeu Abweichungen theils zur Behebung der Monotonie, mehr ' aber noch zum Berechtigungsnachweise der dominirenden Tonart beitragen. Man nennt diese Art Mischsteiger, deren Anwendung auch von den bedentendstell unserer Altvorderen nicht verschmäht wurde; nur mit dem bemerkenswerthen Unterschiede, dass all die gesanglichen. Winkelzüge und interessanten Tonverbindungen, die unsere Altvorderen hauptsächlich als Tonmalereien, oftmals sogar mit Hintansetzung des Wortinhaltes, vorführten, hier, in der Friedmann'scheu Bearbeitung volle Werthschätzung fanden, gleichzeitig jedoch auch dem Texte in ganz ausgezeichneter Weise dienstbar gemacht wurden. All die prickelnden Melodiefragmentchen, die im Momente geschaffen und Visionenhaft an unserem Ohre vorüberhuschteu, erscheinet! -hier mit sicherem Griffe festgebannt. ■ und für,, den bald stimmungsschildernden, bald flehenden Text in glänzendster Weise verwerthet. Dieser Nummer 378 ähnlich

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