Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 13. die Rückkehr zum wahren Christenthum im Sinne und im Geiste des Stifters, dem alle Ideale des damaligen Judeuthums nicht genügten, und der mit dem Weckrufe: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu verbessern" in die Erscheinung getreten ist. Wenn Nun in diesen Tagen das Geläute der Thurmglocken dem christlichen Volke verkünden wird: „Christ ist erstanden" „Gloria in excelsis Deo“ so möge sich das christliche Volk vor Augen halten, dass der Stifter nicht Hass, Zwietracht und Vernichtung, sondern Liebe und Versöhnung unter den Menschen zu verbreiten, als seine Ausgabe erkannte. _ N Chameides. Äus der Wiener Cnltusgemeinde. Die letzte vertrauliche Plenarsitzung des Wiener Cultus- Vorstandes vom 23. d. M. hat wieder unter dem Vorsitze des von seinem Urlaube bereits zurückgekehrten Präsidenten stattgefunden. Als wichtigster Gegenstand stand die Rabbinerfrage auf der Tagesordnung, die nun in neues Stadium getreten ist und, wie es scheint, jetzt im Vorstande von den richtigen Gesichtspunkten aus beurtheilt wird. Jedenfalls liegt schon ein Fortschritt zur besseren Erkenntnis darin, dass man nicht mehr von der Anstellung eines Hilsspredigers spricht, wofür eine bedeutungsvolle Persönlichkeit nicht leicht zu gewinnen wäre, sondern von vorneherein, entsprechend der Bedeutung der Wiener Cultusgemeinde, die Anstellung erster Kräfte ins Auge fasst. Hoffentlich werden die Intentionen des Vorstandes auch im Kreise der Vertrauensmänner das nöthige Verständnis sinden. Im Nachfolgenden der Bericht: Der Präsident eröffnet die Sitzung und gibt der Befriedigung Ausdruck, dass es ihm, von seinem Urlaube zurückgekehrt, gegönnt sei, eine zahlreich besuchte Plenarversammlung zu leiten. ßinlauf. Im Einlause werden bekanntgegeben, an Spenden: Von Herrn Ignaz Eisler Edler von Terramare, Legat von 1000 K. zur Vertheilung an Arme israelitischer Confession. Von Frau Rosalie Goldschmidt, zur Vertheilung an Beträgen von je 100 K.: An die israelitische Kinderbewahranstalt, das israelitische Taubstummen-Jnstitut, dem „Ferienheim", dem Theresien-Kreuzer-Verein 400 K. Von Herrn Dr. Alfred Stern, an die israelitische Allianz für unsere verfolgten Glaubensbrüder in Rumänien; „zufolge der von Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann am Freitag, den 21. o. M. beim Abendgottesdienste gehaltenen Predigt" 400 K. Von Herrn kais. Rath Jonas Weil, aus Anlass der Bar-Mizwah seines Sohnes, und zwar für den Theresien-Kreuzerverein 100 K., für den Studenten-Unterstützungsvereiu 50 K., für das Blinden- Jnstitut 25 K., für den Wöchnerinnen-Verband 25 K., zusammen 200 K. Von Herrn Michael Wieländer, zur Vertheilung an 10 würdige arme Realschüler mosaischer Confession der VI. Realclasse 200 K. Von Herrn Adolf Pichler, zur Vertheilung in Beträgen von je 20 K. an nachbenannte Wohlthätigkeits- Jnstitute: Blindeninstitut, Taubstummeninstitut, Handwerkerverein, Volksküchenverein, Speiseanstalt, Armenanstalt, Chewra- Kadischa, Studenten-Unterstützungsverein, Israelitische Allianz, Ferienheim 200 K. Von Herrn S. Kohnberger, zur Beköstigung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau 100 K. Von Herrn Dr. Alfred Stern für Arme 80 K. Von Herrn Dr. Ignaz Altschul für den Erhaltungssond der israelitischen Versorgungsanstalt 50 K. Von Herrn Rudolf Herrmann für Arme, zur Vertheilung durch das Präsidium 50 K. Bon Herrn Max Stern für Insassen des israelitischen Versorgungshaus 20 K. Von Erni Brandt, Schüler der II. Volksschulclafse für Waisenkinder 20 K. (Die Zuschrift dieses Kindes, welches die von seinen Eltern zur Belohnung für ein gutes Zeugnis empfangenen 20 K. für Waisenkinder einsendete, wird beifällig ausgenommen.) Von Herrn Nathan Pisk für den Erhaltungsfond der israelitischen Versorgungsanstalt 6 K. 12 H. Bon Jenny Weiß und Fritzi Blumenkranz für arme Kinder 5 K- Von N. N. zur Beköstigung von arme» Schulkindern in der Brigittenau 2 K. Htaöviuerfratze. Der Präsident bezeichnet den ersten Gegenstand der Tagesordnung : „Anträge betreffend die Berufung von zwei Predigern" im Hinblick auf die obwaltenden Verhältniße als ebenso wichtig wie dringend; denn wenn auch nicht daran gedacht wird, bei den in glänzender und gediegener Weise besetzten Kanzeln der Gemeinde eine Veränderung vorzunehmen, so stelle sich doch eine Vermehrung der als Prediger wirtenden Rabbi , er angesichts der Ausdehnung der Gemeinde und zur Hebung des culturellen Interesses in derselben gebieterisch als eine Nothwendigkeit dar. Er habe darum sofort nach seiner Rückkehr vom Urlaube diesen Gegenstand zur Berathnng und Antragstellung im Vertreter- Collegium gebracht. Referent Vertreter Dr. Steiner begründet sodann in eingehender Weise die Nothwendigkeit dieser Neubestellungen und führt die Bedingungen und Voraussetzungen an, welchen die Candidaten seiner Ansicht nach entsprechen müssten. Der Antrag des Vertreter-Collegiums geht dahin: das Plenum beschließe die Berufung zweier Rabbiner, deren Wirkungs kreis jeweilig nach dem Bedürfniße der Gemeinde festzufetzen sein wird, und ermächtige das Vertreter-Collegium, die Abhaltung von Probe-Predigten zu veranlassen, zu deren Anhörung im Sinne des Statuts selbstverständlich die Vertrauensmänner einzuladen sein werden. Dr. Spitzer tritt in erster Linie dafür ein, dass die neu zu berufenden Männer Prediger ersten Ranges seien, nachdem, für Wien das Allerbeste erst gut genug sei. Das finanzielle Moment sei in dieser Richtung von untergeordneter Bedeutung, nachdem der Cultusvorstand berufen ist, für die Verherrlichung des Gottesdienstes Sorge zu tragen, und ein erhebender Gottesdienst ohne eine auf der Höhe der Zeit stehende Kanzelrede in der Jetztzeit undenkbar wäre. Theodor Ritter von Taussig hält die Berufung der Persönlichkeit, welche die Aufgabe hat, zur Gemeinde zu sprechen, für eine der allerwichtigsten Angelegenheiten, mit denen sich der Vorstand zu beschäftig"» hat. Hier handle es sich um ein eminentes Interesse der Gemeinde, welches, unabhängig von allen anderen Rücksichten, gewahrt werden müsse. Er stimme insbesondere dem Vorredner $it, dass die zu berufenden Rabbiner auch in erster Reihe als Redner besonders qualificirt sein müssten. Es handle sich darum, Rabbiner zu bekommen, welche der Gemeinde in jeder Beziehung zur Ehre gereichen. Noch wichtiger als die Erbauung eines neuen schönen Tempels sei die richtige Auswahl der Männer, welche in dem Tempel zur Gemeinde sprechen sollen. Wünschenswerth sei es, dass die Vorstandsmitglieder möglichst allen Probepredigten beiwohnen, um auf Grund eigener Wahrnehmung später Beschluß fassen zn können. Kais. Rath Wilhelm P o l l a k schließt sich den Ausführungen des Herrn v. Taussig an und bespricht den Modus bei der Auswahl der zu Probepredigten zu Berufenden. Kais. Rath Weil tritt dafür ein, dass die zu Berufenden durch Rednergabe und Charakter gleich ausgezeichnet seien. Nach dem Schlussworte des Referenten fasst der Vorstand einhellig folgende Beschlüsse: 1) Der im Juli 1900 gefasste Vorstandsbeschluss betreffend die Bestellung eines Hilfspredigers wird aufgehoben; 2) die Anträge des Vertreter-Collegiums auf Berufung zweier Rabbiner zur Disposition des Vorstandes nach den Bedürfnißen der Gemeinden werden angenommen; 3) die Plenarversammlung ertheilt dem Vertreter-Collegium die Vollmacht, eine Anzahl von geeigneten Persönlichkeiten zur Abhaltung von Probepredigten zu berufen. Das Vertreteter-Collegium wird sich bei Berathnng über die Auswahl der zu Berufenden durch Zuziehung der Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Schmiedl und des