Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kesterr -ungar Canloren-ZeMng Nr. 12. Neikage zur Zeitschrift „Me Wahrheit." 22. Iahrg. Zur Organisationsfrage. Von Obercantor Josef Schön, Austerlitz. Wieder haben wir einen Schritt nach vorwärts auf der Etappe der Cantorcn-Organisation seitens der rührigen Leitung des „Oesterr.-Ungar. Cantorenvereines" zu verzeichnen. Bei der aul 2. März stattgefundene» Generalversammlung des „Mähr. Cantorenvereines" in Brünn, an welcher der Präses des „Oesterr.-Ungar. Cantorenvereines", Herr Obercantor Singer, und der Viceprases, Herr Obercantor Bauer, theilnahmen, wurde von sammtlichen anwesenden Collegen der Anschluss des mährischen Cantorenvereines au den „Oesterr.-Ungar. Cantorenverein" sympathisch ausgenommen. Die zündenden Worte, mit den?» Herr Obercantor Singer die Interpellation des Collegen Steiner-Gr. Meseritsch erwiderte, und die ergänzenden Aussührungen des Obercantor Bauer haben wohl einen tiefen und bleibenden Eindruck bei allen Anwesenden hinterlassen und jeder fühlte sozusagen die selbstlose und uneigennützige Hingabe der geehrten Collegen aus Wien, für eine Sache, die doch, im Grunde genommen, für sie selbst nicht von Bedeutung sein kann und nur der Allgemeinheit dient. Nichtsdestoweniger aber haben weder die Reden der hochgeehrten Wiener Collegen noch die ganze folgende Debatte eine Klärung darüber gebracht, wie und in welcher Weise der Stand gehoben und die prekäre Lage der Cantoreir, namentlich in den Provinzgemeinden, gebessert werden könnte. Herr Obercantor Singer meinte, dass wir einen inneren und einen äußeren Feind bekämpfen müssen. Der äußere Feind seien Elemente, die den Cantor in eine andere Sphäre drängen und ihm Leistungen auferlegen, die sich weder mit dem Cantorat noch mit dem Ansehen des Cantors vertragen. Dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Abgesehen davon, dass die sogenannten Nebenämter mir alle höchst bedeutungsvoll scheinen, gibt es leider sehr wenige Cultusgemeinden, die irr der Lage sind, für das specielle Fach des Cantors eine besondere Person, für die Schechita eine zweite, und für den Religionsunterricht eventuell eine dritte anzustellen. Und dazu kommt noch, dass trotz der Cumulirung dieser drei Aemter in manchen Gemeinden das Einkommen ein so geringes ist, dass es buchstäblich heißt: Es ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. An dieser Thatsache würde auch die Errichtung von Cantorenschulen wenig -ändern, weshalb ich mich auch weder mit der idealistischen Auffassung des Collegen Schulz-Bissen; noch mit der materialistischen des Collegen Türk-Mähr. Ostrau rücksichtlich der Creirung derartiger Schulen ganz befreunden kann. Cantorenschulen müssen allerdings sein, aber gründen soll sie derjenige, der sie braucht. Wir brauchen nicht Cantoren, sondern Gemeinden, und zwar von echt jüdischem Geiste beseelte Gemeinden, und für uns wäre es besser, wenn derartige Gemeinden geschaffen würden. Die Gemeinden aber, die Cantoren brauche», umssreu Sorge tragen, dass eine Bildungsstätte existire, in der solche hcrangezogen werden, um ihren Bedarf zu decken. Natürlich handeln wir in unserem Interesse, loenit wir die Idee der Gründung von Cantorenschulen propagiren und das Interesse für derartige Bildungsstätten in den Gemeinden wecken. Dann wird es heißen: 'ui tb vr® tryccn “insi naiemrw der eine leistet mehr, der andere weniger, nach seiner Befähigung, Leistung und Eignung sucht und stndet jeder einen Posten. Dass gerade bei diesem Punkte die Gegensätze hart aneinanderstießen, Liegt eben in der Natur der Sache, denn die Zeit reist andere Verhaltniße und andere Ansprüche, und so hat der Fortschritt das blos im Meschorerthum wurzelnde Cantorenrhnm yari mitgenommen. Die äußerst erregte Diskussion hat, wie selbstredend, auch die schon oft gehörten Schlagwörter gebracht, welche die Ver^ sammlung enthusiasmirten: . „Staatliche Anerkennung -— Befähigungsnachweis". Die Kürze der Zeit erlaubte es nicht, sich darüber ausführlich zu verbreiten und auch die Schattenseiten zu beleuchten. Ich für meinen Theil kann die optimistische: Auffassung der Collegenschaft rücksichtlich dieser Fragen nicht theilen. Sehen wir uns nur die staatliche Anerkennung und den Beschästigungsnachweis unserer Amtsbrüder, der Rabbiner, an. Bei uns in Mähren, wo die staatliche Anerkennung und die behördliche Autorisation, zufolge eines eigenen Landesgesetzes und der Landesrabbinats-Jnstitution, strenger gehandhabt und wo eher die Vereinigung mehrerer Gemeinden zu einem Rabbinatssprengel gestattet, als ein nicht berussfähiger Rabbiner autorisirt wird, ist die Stellung eines Rabbiners noch günstig. Fassen wir aber die Zustände der Provinzgemeinden anderer Krouländer ins Auge, so werden dort oft Personen von der Erbringung der Rabbiuatsbefähigung dispensirt, die allen religiösen Wissens baar sind und kaum die Befähigung besitzen, Schammesdienste zu leisten. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Und so vereinigt manchmal ein derartiger Functionär das Amt eines Rabbiners, Religionslehrers, Cantors, Schochet und Schammes in einer Person. In welch trauriger Situation sich derselbe zumeist befindet, bedarf wohl keines weiteren Commentars. Nnn nehmen wir aber an, unser Traum ginge doch iw Erfüllung, würde da nicht so manche Gemeinde die politische Behörde ersuchen, ihr den oder jenen Balbos in Ansehung der beschränkten Mittel als Cantor zu autorisireu? Ich weiß aus- Erfahrung, dass wie andere Krouländer, so auch Mähren Gemeinden besitzt, in denen gewisse Elemente behaupten, der Cantor sei ein Luxus, in so manchen Gemeinden siel auch das^ Wort, man brauche keine Rabbiner, ebenso sei das Schechitagebot heute im 20. Jahrhundert ein überwundener Standpunkt man brauche nur eine Person, die befugt ist, Trauungen vorzunehmen, und die, cantoralen Functionen vornimmt,stvenn auch auf Kosten des Werihes als Cantor oder Rabbiner. Was hattew wir unter solchen Verhältnißen vom Befähigungsnachweis, oder um uns ästethischer auszudrücken, vom Diplom, abgesehen davon„ dass dem Befähigungsnachweis immer etwas Reactionäres anhaftet. Trotzdem kann ich mir nicht verhehlen, dass, würde sich? der Traum von staatlicher Anerkennung und Cantoratsbefähigungsnachweis verwirklichen, dies sehr viel zur Hebung des Cantorenstandes beitragen könnte. Aber leider ist dies alles vorläufig nur ein Traum, und ich fürchte, wir werden früher von Brünn nach Wien per Dampfschiff fahren, als wir dies erreichen. Unsere äußerst prekäre Lage verlangt aber eine dringende Abhilfe. Und da erinnere ich mich der Worte des Herrn Obercantor Singer, der sagte: bekämpfen wir vorerst unseren inneren Feind, bekämpfen wir unsere Ignoranz, seien wir unausgesetzt thälig, uns aus- und sortznbilden, lernen wir und lernen wir wieder, nicht nur in unseiem Speziallache als sondern heben wir auch unser geistiges Niveau, indem wir uns das nöthige universelle Wissen aneignen. Hand in Hand damit muß auch unser sittliches und religiöses Betragen gehen, das tadellos sein soll. Wir müssen eben stets daran denken, dass wir die Fürsprecher unserer Gemeinde vor Gottes Thron sind uud dementsprechend unser Thun und Lassen einrichten. .Auch unsere Indolenz müssen wir bekämpfen und uns . organisieren, damit wir als eine sestgegliederte Genossenschaft uns Achtung erringen. Diese Erwägung hat auch die oberste Leitung des öst.-ung. Cantorenvereines veranlasst, den mährischew