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Die Wahrheit · 1902-03-21 · Heft 12 (21.3.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 12 (21.3.1902)
Date
1902-03-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 12 fachften und interessantesten Sagen aus uralter Zeiten um- Doben find und schon manchem Statistiker eine reichliche Quelle historischer Forschungen geboten haben. Inmitten dieser Häuserreihen erhebt stch ein altersgrauer, schmaler dreistöckiger Bau, der durch die Nummer 6, Die er ttägt, würdig seinen nachbarlichen Genossen sich unrecht, aber durch die hebräische Schildertafel, die auf seiner -äußern Facade prangt, in besonderem Maße die Aufmerkfammkeit der Passanten auf sich lentt. „Bett hakoeteth“ Lautet es in großen Lettern auf dem kleinen, einfachen Holz- Schilde, was andeuteu will, dass sich im Hause eine Andachtsstätte, ein Bethaus befindet, woselbst die gläubigen Juden Gebete verrichten und chre religiösen Herzensbedürfniße befriedigen können. Das Haus ist Eigenthum eines Vereines, der um die Mitte des vorigen Jahrhundert von einem Häuflein ftrevg gesetzestteuer Jehudim ins Leben gerufen wurde und Daselbst ein otthodoxes Bethaüs errichtete, das, dem Namen Der Gasse entsprechend, die Bezeichnung: „Schönlaternenschul" erhielt. Durch das niedrige Thor des Gebäudes gelangt man in den dunklen, schwibbogenartigen Flur des Hauses, der mit seiner abnormen Bauart, seinen winkeligen Mauervertiefungen und seinem finsteren Stiegenaufgange auf den Veschaer unwillkürlich dm Eindruck macht, als befände er sich in einem Der Häuser, die in der vormärzlichen Zeit die sogenannten Judengasseu zierten und das seinerzeitige Ghetto bildeten. Abseits vom Hausflur, in einem kleinem offenen Raume, der Den eigentlichen Hoftaum darstellt, befindet sich eine steile, freiliegende Steintreppe, die den Aufgang zu der im ersten Stockwerke des Gaffentraktes gelegenen Synagoge bildet. Dort angelangt, gewahrt man auf dem daselbst befindlichen, halboffencn Cyrridor drei Thüren, deren mitlere ohne jedweden Vorraum dirkt in das Innere des Gotteshauses zu der Männerabtheilung führt, während die beiden nebenseitigen Dhüren den Zugang zu den zwei von einander getrennten Frauenabtheilungen bilden. Schief gegenüber, unmittelbar beim Treppenaufgang, befindet sich eine separate Räumlichkeit, Die als Lchrstätte des Bstll hamidraseh benützt wird und gur Abhaltung allabendlicher Schiurvorträge dient. Hat man endlich die geweihte Stätte des Gotteshauses in ihrem bescheidenen Jnnenraum betreten, ihrer primitiven und doch so anheimelnden Einrichtung und Ausstattung einige Aufmerksammkeit zugewendet und auch den angrenzenden, mit einem vorschriftsmäßigen Grtterflechte versehenen Fauenabtheilungen einige Blicke gewidmet, dann beschleicht den ernsten Beschauer ein so eigenartig erhebendes Gefühl, dann bemächtigt sich seiner eine so weihevolle Gemütsstimmung, so dass er sich irlötzlich in die gute, alte Zeit zurückversetzt glaubt, in jene Zeit, in welcher es noch ein echtes, unverfälschtes Judenthum gab, der traditionelle Geist desselben noch in seiner Vollkraft rind Blüthe stand und die ererbten Formen des öffentlichen Gottesdienstes hoch und heilig gehalten wurden und die getreuesten Anhänger und Vertheidiger fanden. Ja, so einfach und bescheiden diese Stätte der Gottesandacht in ihrer inneren Gestaltung sich repräsentirt, so groß und gewaltig waren die Gindrücke, die sie auf ihre Besucher auszuüben vermochte. War schon.die Zahl der Beterschaar, die sich daselbst aus den .vornehmsten Kreisen der Stadtbewohner permanent einzufinden vstcgte, eine verhältnismäßig bedeutende und geeignet, dem Gottcshause ein hohes Ansehen zu verschaffen, so lieferten die Dielen und lehrreichen Vorträge, die daselbst von heivorragenden Männern der Wiener jüd. Gelehrtenwelt so oft und so 'gerne gehalten und vom Publikum mit Vorliebe angehört Wurden, den sichersten Beweis, welchen Werth man allenthalben aus die Existenz und Frequenz dieses Vethauses legte. So möge denn das kurze und getreue Bild, das wir Dou eineul der wenigen noch übrig gebliebenen Stück jüdischen Alt-Wiens entworfen, jenen Kreisen, die noch Herz und Sinn für das Althergebrachte und Unverfälschte im Judenthnme Besitzen, den erwünschten Anlass bieten, von der Wirklichkeit des Geschilderten sich zu überzeugen und diesem altehrwürdigen Gotteshause gelegentlich ein Besuch abzustatten. Sie werden dabei, wenn sie gleichzeitig einem Gottesdienste anwohnen und den Vortrag des dermaligen Functionärs des Bethaüses, des ttefflichen Eantors Weinstein, anzuhören Gelegenheit haben werden, sicherlich auf ihre Rechnung kommen; sie werden in dem schönen Bewusstsein, Israels großer Vergangenheit eine tiefempfundene, seelische Erinnerung gewidmet zu haben, befriedigt die geweihte Stätte verlassen, und wir, wir werden uns dadurch angeregt und angeeifert fühlen, noch manch andere Institution aus dem jüdischen Alt-Wien, die dem Auge der Oeffentlichkeit entrückt ist, hervorzuheben und in den Kreis unserer Schilderungen zu ziehen. Daniel Skutezky. Eine Schutzvorrichtung für die Tramwy durch einen arme» Handeljuden erfunden. Die Unfälle und Katastrophen durch die elektrische Straßenbahn nehmen immer mehr überhand und fordern gebieterisch rasche Abhilfe. Eine der letzten Wochen war für Wien eine geradezu verhängnisvolle. Zwei Menschenleben fielen der „Elektrischen" zum Opfer, und eine Anzahl mehr oder minder schwerer Unfälle wurden durch dieselbe herbeigeführt. Es ist geradezu unbegreiflich, dass in dem Zeitalter eines Edison und Röntgen, wo auf den Gebieten der Elektricität und der Mechanik wahre Wunder geschaffen worden sind, bis jetzt niemand mit einer zweckentsprechenden Schutzvorrichtung hervorgetreten ist. Ein blutarmer galizischer Handelsjude, der die Tuchabfälle bei den Schneidern zusammenkauft und dadurch seine Familie äußerst dürftig ernährt, beschäftigt sich seit Monaten rastlos mit der Idee einer rationellen Schutzvorrichtung. Dieser arme, aber sehr ehrsame Glaubensgenosse hat nun vor einiger Zeit seinen Entwurf sertiggestellt. Woher aber die Mittel nehmen, um ein Modell ansertigen zu lassen? Zwanzig Gulden bedeuten für denselben eine absolut unerschwingliche Summe. Er wandte sich an verschiedene Persönlichkeiten, es erging ihm aber so, wie es vor einem halben Jahrtausend Columbus ergangen ist. Ueberall fand er zugeknöpfte Taschen. Trotzdem ist es der Energie dieses armen Teufels endlich gelungen, das Modell ansertigen zu lassen und dasselbe vor einigen Tagen dem Patentamt vorznlegen. Der Erfinder setzt große Hoffnungen auf sein Werk, er hat natürlich auf der Technik nicht stndirt, sondern, wie er sich ausdrückt, „sein Werk nach Naturgesetzen construirt." Der Apparat soll derart beschaffen sein, dass die von der Straßenbahn erfasste Person vor dem Fallen bewahrt und sofort in dem Korb des Apparates aufgefangen wird, so dass durch die Wucht des Anpralles oder Stores keinerlei körperlicher Schiden verursacht werden kann. Wir wünschen dem armen jüdischen Erfinder, der vorläufig ungenannt bleiben will, recht viel Glück zu seinem redlichen, im Interesse der Allgemeinheit gelegenen Bestreben. N. C h a m a i d e s. Gemeinde- und Vereiiiobote. Mien. (Jüdisches Museuin.) Montag, den 24. März halb 8 Uhr abends, findet im Festsaale des Oesterreichischen Jngenienr- und Architckten-Vereines I., Eschenbachgasse Nr. 9, ein Vortrag des Herrn Dr. Hermann Cohn-Breslau: ,.Ostern in Tunis und Karthago" unter Vorführung von Skioptikonbildern statt. Die Sammlungen des Museums befinden sich jetzt I., Krugerstraße 8. Wien. Vorige Woche hielt Prof. Rohling aus Prag'in einer Versammlung des hiesigen christlich-sozialen Vereines einen Vortrag über die Judeufraae. Er sprach von der Zeit, da Israel als Volk sich zu Christus bekehrt haben werde, bis dahin aber, da es noch krank und wie im Fieberwahn, Licht und Finsternis nicht unterscheiden könne, müfie man echt christliche Gesetzgeber und Verwaltungsmänner wählen, damit es uns allen wohlergehe und später selbst auch Israel; denn sobald Israel Verstand angenommen haben wird, gelangt es zum Frieden und erkennt, dass wir nicht aus Menschenhass, sondern aus wahrer Menschenliebe dafür ein.reten, die christliche Idee zur Herrschaft im

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