Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit. Seite 5. Schüler werden ihm gerne mit ihren unbefangenen und elastischen Geistern tapfern Beistand leisten. Um der ersten Verlegenheit zu entrinnen, übersetzen diese in der Regel die einleitenden Worte unseres Abschnittes so, als ob es hieße: Eine Stimme ruft: „Künde!" und ich erwiderte: „was soll ich verkünden?" — Diese Abbiegung von dem Wortlaute dürfte Manchem um so verzeihlicher erscheinen, als ja auch zahlreiche Commentare sich diese Freiheit erlauben. Aeußerlich scheint hierdurch zwar eine Verbindung des Gedankens nothdürftig erzielt, der Sache selbst ist jedoch damit nicht im entferntesten gedient. Was damit allenfalls erreicht, — ist doch nichts anderes als eine Verwässerung des wahren Gedankens. Es ist auch gar nicht abzusehen, was den Propheten in diesem Falle gehindert haben sollte, schlecht und recht WöKl zu schreiben. Der Sinn ist vielmehr aus folgenden Erwägungen zu erschließen. Schon früher im Eingänge des 3. Verses hat sich der Prophet einer ähnlichen Formel bedient. Er hat uns damit unmittelbar in das Geheimnis der prophetischen Erleuchtung, wie sie sich damals in seiner Seele gerade abgewickelt, versetzt. Nicht anders ist der Eingang zu diesem Abschnitte zu erklären, jedoch mit dem Unterschiede, dass hier der Vorgang durch das Eingreifen einer zweiten himmlischen Stimme etwas complizirter erscheint. Recht gesehen, belauscht er hier als unbetheiligter Zuhörer das Zwiegespräch zweier himmlischer Geister. Der eine übermittelt einen Auftrag, — der andere hat ihn zu übernehmen. Wohin ist derselbe eigentlich gerichtet? An den Propheten jedenfalls nicht. In diesem Falle wäre der Vorgang hier genau so wie im V. 3 dargestellt, wahrscheinlicher jedoch, in Rücksicht gerade aus jenen von einem derartigen Eingänge überhaupt abgesehen worden. Von der richtigen Beantwortung dieser Vorfrage nun ist das Verständnis des ganzen Abschnittes abhängig. Meines Erachtens ergibt sich dieselbe aus der gesummten Sachlage, wie sie den beiden vorangehenden Abschnitten V. 1—5 zur Voraussetzung dient. Die Befreiung der in der babylonischen Verbannung schmachtenden Judenschaft hatte der Prophet angekündigt. Es ist ohne weiteres klar, dass so etwas nicht unvermittelt wie auf einen Schlag erfolgen könne. Aus freien Stücken würden sich die Babylonier wohl niemals dazu verstanden haben, ihre Beute einfach fahren zu lassen. Auch in der heutigen Zeit thut dies kein Volk, obwohl unsere Sitten sich um ein Bedeutendes gemildert und selbst der grausame Kriegsbranch vieles von seiner Brutalität eingebüßt hat. Damit Israel dahin gelangen könne, wird es wohl nicht ohne bedeutende und durchgreifende Weltereigniße abgegangen sein. Da werden vorher erst große Reiche zusammenbrechen, Gewaltige dieser Erde erniedrigt und gestürzt sein müssen, bevor für die geknechtete Judenheit sich ein Ausweg in die Freiheit werde eröffnen können. Die Geschichte hat ja dies alles auch vollkommen bestätigt. Bevor die Saat für Juda reifen konnte, war das Auftreten eines der größten Eroberer, den die Welt gesehen, erforderlich. Er hatte nicht blos den Babyloniern die Beute abzujagen, sondern auch das ganze vordere Asien, das unter Krösus von Lydien stand, unter seine Gewalt bekommen müssen. Die Völker nun, die das alles miterlebt, vielfach auch, wie die Babylonier, den Schaden an ihrem eigenen Leibe verspürt haben — ihnen gilt die himmlische Botschaft, die der Prophet erlauscht. Das eigentliche Ziel, wohin sie gerichtet, ist — Babylonien. Seinen Völkern, die bisher die Zügel der Weltregierung innegehabt, soll damir der Staar ihrer inneren Verblendung gestochen werden. Es ist die Hand Gottes, die "das alles angerichtet hat. Irdische Macht und die Pracht der Großen und Gewaltigen dieser Welt — wie Nebudkadnezar und seine Nachfolger in der Regierung solche gewesen — haben keinen dauerndern Bestand als die Herrlichkeit einer Feldblume. So wie diese nach jedem Sommer abblühen und schließlich verdorren, so wirthschasten auch die mächtigsten Völker und ihre Großen ab, wenn ein Hauch Gottes über sie dahinsährt. Es ist also auf sie, da sie selbst dem Walten preisgegeben, — kein Verlass. Nur eines gibt es, was für jede irdische Macht unantastbar — die Verheißung unseres Gottes.- „Auf hohen Berg Kimme empor, Botschafterin Zion, erhebe mit Macht deine Stimme, Botschafterin Jerusalem, rufe laut und zage nicht, sprich zu den Städten Judäas: Siehe da^ Euer Gott!" Siehe, Gott der Herr zieht als ein Gewaltiger daher, sein Arm waltet selbst für sich, seinen Lohn führt er mit sich und das, was er gewirkt, — vor sich her; wie eiw Hirte, der seine Heerde weidet, der mit seinem Arme die Lämmer fastet, sie an seinem Busen trägt, indess er die Mutterschästeiu sanft leitet." — sV. 9—11). Dieser Abschnitt bildet das lichtvolle Gegenstück zu der Unheilsbotschaft des vorigen. Es findet dadurch erst das Ganze einen ebenso befriedigenden als einzig erhabenen Abschluss. Zion soll nun die Kehrseite der ganzen Sache als Freudensbotschaft in seine Umgebung hinausjauchzen. Man kann es den Worten: des Propheten so recht nachfühlen, wie er vollständig außer Fassung vor Freude ist. Es ist, als hörten wir aus jedem. Satze das überschäumende Pochen seiner Seele heraus. Statt der tausend und abertausend freudigen Dinge, die er aus dem Herzen trägt und zu melden hätte, vermag er nur mit einem Worte hervorzudringen, das aber alles, alles sagt: „Siehe Euer Gott!" — Dagegen hat er nicht genug Worte der Ermuthigung für Zion, nicht genug Beschwichtigungen, um die Zaghaftigkeit aus dessen Seele zu bannen. Scheint es doch, als ob Zion an die ihm zugedachte Rolle, die Freudenbotschafterin zu machen, sich nicht recht heranwagen möchte — hat es doch bisher leider nur zu oft die traurigen Botschaften des Unheils und Verderbens an seine Umgebung und Schutzbefohlenen richten müssen. Erst nachdem der Prophet mit dem Ausruf: „Siehe da Euer Gott" — seinem Herzen Luft gemacht, führt er die Schilderung allmählich in einen ruhigeren Fluss hinüber. Innere Sammlung kehrt wieder bei ihm ein, und nun vermag er seinem Volke das Wirken Gottes in dessen ganzer Bedeutung auseinandersetzen. Gott hat sich bei diesem seinen Thun als ein Gewaltiger bewiesen. Als solcher zieht er i noch weiter einher, damit ihm der Preis seines Wirkens, Israel, nicht wieder von irgend Einem, der vielleicht im Hinterhalte lauern mag, entrissen werde. Er führt nun fürder mit eigener Hand die Zügel des Weltregiments, indess die Heiden, die Inder niedertraten, glaubten, Gott wäre ihnen unterlegen, nun könnten sie uneingeschränkt den Herren dieser Welt nennen. — Israel, welches die Errungenschaft dieser gewaltigen Anstrengungen, bildet, führt Gott wie ein treuer Hirte als seinen schönsten Lohn vor sich her. Der Welt gegenüber har er sich als der Furchtbare erwiesen, dessen Thaten ihre Reiche und Gewaltigen gestürzt, vor dem sie alle wie entsetzt daftanden, — Israel jedoch leitet er zu gleicher Zeit, wie ein treuer, guter Hirte nur jemals es gethan, in zärtlicher Liebe und Sorgfalt, die bis aus das. letzte Lämmlein sich erstreckt, in die Heimat zurück. _ (Fortsetzung folgt.) Ein Stück jüdisches Ält-tvien. Die glänzende bauliche Entwicklung, welche die reichbevölkerte Donaustadt Wien zur Weltstadt gemacht, die Fülle moderner, architektonisch durchgeführter Straßenzüge, die sie seit einigen Decennien aufzuweisen hat, lässt die metsten jahraus, jahrein sie besuchenden Fremden und selbst manchen Einheiulischen nicht ahnen, dass ihr Centrum, ihr Herz, die sogenannte Innere ^stadt, noch Straßen in sich birgt, die wohl nicht ob ihrer Schönheit und Neuheit, immerhin aber wegen ihrer Alterthümlichkeit und dem malerischen Reiz ihres Gewinkels im hohen Grade sehenswerth sind. Zn diesen Species Wiener Verkehrsadern zählt die an der Ostseite der Inneren Stadt gelegene, die Bäckerstraße und Postgaffe verbindende Schönlaternengaffe. In ihren schlangenartigen Krümmungen und Biegungen weist sie zu beiden Seiten ein. Labyrinth vormärzlicher Häuser auf, welche von den manniz---