Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-03-21 · Heft 12 (21.3.1902) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 12 (21.3.1902)
Date
1902-03-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063125--01831-3068455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. ' Die Wahrheit. Nr. 12. rwthwendiger sei, als das Judenthum kein einheitliches religiöses Oberhaupt habe. Nur dürfe man in der Ausübung des Cerernonialgesetzes keine Compensatio» für ethische Forderungen erblicken; dagegen, aber nicht gegen das Ceremönialgesetz selbst, Hätten sich die Propheten gewandt. Der Redner schloss seinen einstündigen Vortrag mit den Morten: »Das Ceremönialgesetz hindert uns aber nicht im unindestcn, die größte Denkfreiheit mit echt jüdischer Stammes- Lreue zu verbinden. Kein modern, gebildeter Jude, der das Zudenthum genau kennt und nur, ein wenig Charakterfestigkeit Besitzt, kann das Judenthum verlassen, denn er muß sich sagen: Zch gehöre einer Religion an, welche der ganzen Welt einen -Oott und eine Moral gegeben, einer Religion, welche aus allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten hat, einer Religion, welche mit der Wissenschaft in schönster Harmonie steht, einer Religion, durch die an Israel zur Wahrheit wird L-'s Propheten Wort: „Ich mache dich zum Lichte für die Völker, damit mein Heil dringe bis an's Ende der Welt." Das tvalte Gott!" Me Regeneration Israels durch den Cultur- Zionismus. Allenthalben gährt und brodelt es unter den Völkern, seit Napoleon I. die nationale Frage ausgerollt hat, und auch für »ins Juden hat diese echtmoderne Idee ihre Licht- und Schattenit um. Vor Jahren hatte ich Gelegenheit, in einem Frei- Lenkr-Vereiu zu Wiesbaden als Gast eingeführt zu lverden, in welchem jüdische Mitglieder beinahe eine tonangebende Rolle spielten, ganz so wie es in Oesterreich zur Zeit des liberalen Ztegimes der Fall wa»-, wo es gar nicht ausfiel, dass beispielstveise in der Akademischen Lesehalle der Ausschuss fast vorwingend aus jüdischen Studenten bestand. Allerdings feierte damals die Assimilation wahre Orgien, was Gott sei Dank nun ein Lberwundeuer Standpunkt ist. In dem genanntell Verein in Wiesbaden — es war lange vor Entstehen des politischen oder Colonisations-Zionismus — erklärte ich mich ols Nationaljude, dabei zugleich als deutscher Staatsbürger Lind gebürtiger Oesterreicher. Man konnte dies anfangs gar Nicht fassen, zumal in einer derartigen Gesellschaft das religiöse Moment ganz irrelevant war und von einem confessionellen Zudenthum gar nicht die Rede sein konnte. Erst allmälig dämmerte den Herren die Richtigkeit meines Standpunktes auf, da in einer aufgeklärten Zeit der Culturfactor als sociales Motiv obenan gestellt werden muß. Da nun jede Nation ihre eigenartige Cultur besitzt, so müsste durch feste Aggregation der gleichartigen Elemente ein Machtfactor sich bilden, mit dem der «Staat und die bürgerliche Gesellschaft unbedingt zu rechnen hätte. Welche sind nun die wesentlichen und bedeutsamsten Merkmale des jüdischen National-Charakters? Unstreitig die uns bereits zur zweiten Natur gewordenen ethischen Eigenschaften a~cn *621:1 D'jom a'^’a die, seit Jahrtausenden in unserer Mitte gepflegt, uns förmlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Mit Recht sagen unsere Weisen nron by nrns -w 1T2K ötok bti> iyi7o im Die Zugehörigkeit zur Nachfolge des Patriarchen Abraham documentirt sich durch Humanität, wobei svir von Glaubensgrundsätzen ganz abstrahiren können. Ja, Hogar der als fanatisch mit Unrecht verrufene Talmud steht auf Dem Standpunkte der nationalen Solidarität, fußend auf der prophetischen Stelle iobw nrty Qib pbn h n» a'"D8 11211 "Selbst wenn Israel dem Götzendienste fröhuen möchte, wenn «s nur i n sich einig uird geschlossen da st eh t, dann ist ouch in religiöser Beziehung nicht alle Hoffnung aufzugeben, Ävie ja auch nun durch die Pflege der hebräischen Sprache und Lilteratur, seitens der Zionisten sicherlich mit der Zeit die ^Religion als solche indirect kräftige Förderung erfahren dürfte. Dies dürfte auch annähernd der Sinn der talmudischeu Stelle tßein: UVV umn kixi I2ix vn* Selbst das Aufgeben der Gottes- -dee ist nicht so gefährlich, wie das gänzliche Altfgehen unter -.en fremden Völkern. Also Monotheismus, Moral und Menschenliebe in umfaffendstem, universellem Sinne sind die drei sichersten Grundpfeiler $ur Au fr ich t u n g Isr aels, wie auch zugleich zur Einigung und Erlösung der Menschheit aus den Banden finsteren Fanatismus und heidnischen Aberglaubens. So beten wir auch beim Verkünden des Neumondes: s>ix.i aimd 821x2 wru pap*i Damit ist aber durchaus nicht buchstäblich und wörtlich eine wirklche Expatriirung aller Juden der Diaspora und deren Rückkehr nach Palästina gemeint, sondern vielmehr eine geistige Verbindttng und Verbrüderung, die sich dann allmälig aus die ganze Menschheit durch gleiches Cnltur-Niveau erstrecken und erweitern dürfte. bl V'12N das sei und bleibe unsere Losung und Devise in diesen düsteren Tagen und trüben Zeiten, unser Ideal für das künftige Israel. Setzen wir den Fall, die anderen Völker würden sich uns mit der Zeit aus wahrer und voller Ueberzeugung anschließen, wozu bereits die ersten Anzeichen sich zeigen, indem das u n it a r i s ch e Glaubens-Bekenntnis in Amerika, England, in der Schweiz und Ungarn in hohem Grade an Jüngern und Anhängern gewinnt, wie wären da noch die Kriege, seien es politische oder sociale, und ähnliche scheußliche Verbrechen wider die Natur und Gerechtigkeit zu rechtfertigen, oder ausrechtzuhalten? Wie in einer jüdischen Gemeinschaft kein einziges Glied seinem Schicksale rücksichtslos überlassen werden darf und soll, weil eben Mitleid und Mitgefühl der Grundzug der jüdischen Volksseele ist. so wäre es auch in einem u n i t a r i s ch e n Völke r - Ver bande, in einer Föderation der Nationen. Auf gleichem Cultur-Niveau sich befindend, von gleich humaner und ethischer Gesinnung erfüllt und beseelt, müsste die allgemeine Wohlfahrt den höchsten Gipfel der Möglichkeit erreichen. Dieser social-ethische Cultur-Zionismns verdient immerhin von beiden Lagern im jüdischen Volke in Erwägung gezogen zn werden, denn er hat gewiss eine größere Zukunft zu erwarten, als der bisherige politische, der, unseres unmaßgeblichen Erachtens, die erhabene, weltumfassende prophetische Idee in kleinen ökonomischen und colonisatorischen Projecten verzerrt und verzettelt, statt sich aufzuraffeu und emporzuschwingen zu einer welterlösenden L e b e n s a n s ch a u u n g, die in nuoo im Judeuthum schon enthalten ist und unser Volk an der Spitze der Civilisation als Führer und Lehrer der Völker dereinst zum Heile und Wohle der Menschheit, zum eigenen Ruhme und zu nie geahnter Größe einherschreiten lässt. Grün. Hebet beit hebräischen Unterricht an de« Oberclaffen der Gymnasien und Realschulen. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. XI. „Eine Stimme ruft: Künde!" — doch jener eitgegnetr „Was soll ich künden?"-„Alles Fleisch ist Gras", all seine Herrlichkeit wie die Blume des Felves. Das Gras dorret, die Blume welket; denn ein Hauch Gottes hat es angeweht. Fürwahr, Gras nur ist das Volk! Mag das Gras auch dorren — die Blume welken: das Wort unseres Gottes besteht auf ewig." — (V. 6—9.) In der That, eine höchst merkwürdige Wendung, die hier der Prophet in seinem Gedankengange nimmt. Die Schüler zeigen sich hier vollständig rathlos. Man wird dies um so eher begreiflich finden, als es ja auch den gelehrten Commentatoren angesichts dieser Stelle nicht viel besser geht. Eine Erklärung, welche auf ungesuchte Weise diese Ausführuugen mit de» unmittelbar vorangehenden in Verbindung zu setzeu vermöchte, ist mir bisher noch nicht zu Gesichte gekommen. Selbst S. D. Luzzatto weiß sich hier nicht recht zu helfen, Es wäre jedoch ein. schwerer Jrrthum, wollte der Lehrer angesichts dessen den Verzagten spielen, und sich sowohl wie den Schülern das eigene Nachdenken darum ersparen. Ganz im Gegentheil, gerade au eine solche Stelle geht er um so. unverdrossener, mit der ganzen Energie seines Denkens heran, und seine jugendlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.