Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedactio» und Adiiiinistration: Wien, II/,. Novaragasse 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Como Nr. 846.251. Inserate 26 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar. ahrKoit Mßhängtge Deitschrist für jüöisch« MLere^en. BeruKsprrts: Ganzjährig. . . . A. 12.— Halbjährig . . . . K. 6 — Für Cultusbeamte: j Ganzjährig.... K. 10.—! Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit Für Ausland: | Ganzjährig . . . 3 Mark, j 6 Rubel oder 18 FcS. Nr. 12. Men, 21. May MS. Tnyaltr Wissenschaft und Religion. — Die Regeneration Israels durch den Cultur-Zionisnius. — Ueber den hebräischen Unterricht an j den Oberclassen der Gymnasien und Realschulen. — Ein Stück jüdisches Alt-Wien. — Eine Schutzvorrichtung für die Tramway durch einen armen Hundeljuden erfunden. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Das Kaddischgebet — Zur Organisationsfrage. — Verschiedene Nachrichten. Wissenschaft und Religion. > In einer Zeit, in welcher von einem der angesehensten! Wiener Tagesblätter das Buch eines Professors der Kirchen-; geschichte nicht genug gerühmt werden kann, weil es sich bemüht, j eine Versöhnung des Katholizismus mit dem modernen Culturgciste herbeizuführen, dürften wir wohl rühmend hervorheben,; dass dieser Gedanke „Versöhnung von Wissenschaft und Ncligion" j im Judenthume schon im 10. Jahrhundert vom Gaon Saadia j in seinem religionsphilosophischen Werke „Etnunoth. wedeoth" j „Glaube und Erkenntnis" ausgesprochen und durchgesührt wurde. In fast unübertroffener Weise finden wir die Uebereinstimmuiig von Religion und Wissenschaft bei den beiden jüdischen Geistesheroen Maimonides und Mendelssohn durchgeführt. Es war daher ein glücklicher Gedanke, dass Herr Dr. Biach, Rabbiner und Prediger in Brüx, diesen Gegenstand zum Thema eines Vortrages machte, den er unter dem Titel „Maimonides und Mendelssohn in ihrer Bedeutung für die j Zukunft des Judenthums" am 26. Februar 1902 im wissen- - schastlichen Vereine „Afike Jehuda" in Prag hielt. Eine kurze! Skizze dieses Vortrages sei im Nachfolgenden geboten. i Der Redner bemerkte in der Einleitung: Eilt Wort : und ein Buch haben in den letzten Monaten des abgelaufenen! Jahres großes Aussehen erregt; das Wort von der „voraussetzungslosen Wissenschaft", das der berühmte Historiker Mommsen in Berlin, gelegentlich des Falles Spahn, in einem offenen Brief ausgesprochen, und das Buch des nicht minder bekannten Professors der protestantischen Theologie, Adolf Harnack, das „Wesen des Christenthums", das in mehr als 26.000 Exemplaren verbreitet ist. Solche Bücher könnten für j unsere modern gebildeten Juden sehr gefährlich werden, denn l biese wüssten wohl in allen Litteraturen Bescheid, nur nicht in | der jüdischen. Die Folge davon sei: die Geringschätzung der j eigenen Litteratur und der eigenen Religion. Ein schlagender l Beweis hiefür ist der vor 1^ Jahrett in den „Preußischen! Jahrbüchern" erschienene Aufsatz eines jüdischen Rechtsanwaltes, der in seiner krassen Unwissenheit der jüdischen Religion den! Juden den Rath gibt, ihre Kinder zu Abtrünnigen zu machen. > Deshalb ist es heilige Pflicht, bei jeder passenden Gelegenheit | das Wesen des Judenthums im rechten Lichte zu zeigen und! jene Züge hervorzuheben, welche die „Superiorität" der jüdischen I Religion beweisen und dafür bürgen, dass das Judenthum trotz i aller Anfeindungen, trotz aller Geriitgschätzungeu und Jitferioritätserklärungen eine große Zukllnft habe. Dr. Biach zeigte nun an den beiden jüdischen Geisteshelden Maimonides und Mendelssohn die Vorzüge der jüdischen Religion. Als die herrlichste Lichtseite, als die Sonne des Jndenthums bezeichnet er die Glaubens- und Gewissensfreiheit. An charakteristischen Stellen aus dem „More Nebuchira“1 von Maimonides und dem „Jerusalem" Mendelssohns wies er nach, dass es keine Religion auf der ganzen Welt gebe, die sich gleicher Glaubens- und Gewissensfreiheit rühmen könnte. Ein Lavater konnte die Geistesgröße eines Mendelssohn gar nicht begreifen, der dem schweizerischen Geistlichen wegen seiner zudringlichen Bekehrnngsversuche zurief: „Wenn unter meinem Zeitgenossen ein Konfuzius oder Solon lebte, so könnte ich nach den Grundsätzen meiner Religion den großen Mann lieben tutb bewundern, ohne auf den lächerlichen Gedanken zu kommen, einen Konfuzius oder Solon bekehren zu wollen. Bekehrend Wozu? Da er nicht zur Gemeinde Jakob gehört, so verbinden ihn meine Religionsgesetze nicht, und über die Lehren wollten wir uns bald verstehen. Ob ich glaubte, dass er selig werden könnte? — O! mich dünkt, wer in diesem Leben die Menschen zur Tugend anführt, kann in jenem nicht verdammt werden." Mit der Glaubensnnd Gewissensfreiheit hängen alle- Vorgänge der jüdischen Religion zusammen. Dr. Biach führte nnm unter steter Berücksichtigung von Maimonides und Mendelssohn ans: a.) das Juoenthum hat keine Dogmen; b) das Juden-- thum hat die Wissenschaft nicht nur hochgeschätzt, sondern auchgefördert; o) das Judenthum lege auf Wuudererzählungen keiu Hauptgewicht; d) das Judenthum sei ein Feind des Aberglaubens, und e) das Judenthum kenne keine ewigen Höllen strafen- Alle diese Vorzüge beweisen, dass das Judenthum sich am besten mit dem Worte Mommfens von der voraussetznngslosetr Wissenschaft vertrage, aber auch in ethischer Beziehung sei die jüdische Religion von keiner anderen noch übertroffen worden. Die Thora lehre die Nächsten- und Feindesliebe, aber nicht iw trockenen Morallehren, sondern durch Gesetze, in denen die Nächstenliebe praktisch zum Ausdrucke komme. Auch das Ceremonialgesetz sei kein Nachtheil der jüdischem Religion; das Judenthum musste, wollte es seinen reinem Monotheismus bewahren, an seinen specisisch jüdischen Gesetzen sesthalten. Das Ceremonialgesetzj sei noch heute das einheitliche- Band für die Bekenner der jüdischen Religion, das um so