Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Die Wahrheit. Seite 7 Doch wie dem auch sei, der Prophet will seinem Volke Trost zusprechen. Das ist unverkennbar. Die Situation ist hier 2ine ganz andere als jene, welche ans Jes. Cp. 6 hervorleuchtet. -Eine ungeheure Wandlung muß sich indeß in und mit dem Volke vollzogen haben. Dort klagt der Prophet von demselben, Hass sein Herz verhärtet sei, usw., während es hier nach desien Tröste förmlich lechzt. Es war der weite Weg bis hinaus nach -Babylonien in die Gefangeschast erforderlich, damit ihre Herzen einander fanden. Daheim, zwar räumlich nahe, aber geistig entfremdet, — konnten sie einander nicht begreifen, nun aber -räumlich entfernt, waren sie sich geistig desto näher gerückt. Das macht es auch erklärlich, warum der Ton der Rede hier -so innig und zart ist, loie sonst fast nirgends. Früher hieß es immer, wenn von Israel die Rede ging, „dieses Volk", hier -aber stets „mein Volk". Der Prophet soll mit seiner Rede ihm ans Herz greifen. ^Es scheint, als ob dasselbe bereits in den letzten Zügen sich winde. Sein Wort soll ihm aufs neue die schier erstorbenen Lebensgeister erwecken. Auffällig berührt es immerhin, Hass der Prophet mit dem Vorsatze, das Volk zu trösten, beginnt, indess aber seine Worte statt an dieses — an Jerusalem sofort richtet. Das eröffnet uns jedoch einen tiefen Blick in den Seelenzustand jener Verbannten. Ueber den Jammer der eigenen Lage hinwegsehend, war das unter Trümmern begrabene Jerusalem der eigentliche Quell ihrer unerschöpflichen Pein. Daher Lenn auch dessen Wiederausrichtung nur Trost bringen kann. 'Ganz unversehens greifen jedoch die beiden folgenden Trostgründe auf das Volk über und offenbaren uns eine andere Duelle seiner Leiden. Das war demnächst das Bewusstsein der eigenen tiefen Verschuldung Gott gegenüber. Ein noch so glänzender .äußerer Glückstand hatte für das in sich gegangene Volk keinen Werth, wenn es nach wie vor unter seiner Sündenlast hätte fortseufzen müssen. Dem begegnet die zweite Tröstung. Was jedoch die dritte anlangt, so offenbart sie uns einen der wichtigsten Grundsätze unserer Religion. Bei allem Erbarmen - Gottes muß dennoch stets den Forderungen der Gerechtigkeit «Genüge geschehen. Israel erfährt nun, dass auch die über es .-verhängten jLeiden mit in den Plan der göttlichen Wallung Hineingehören. Haben beide ersten Botschaften der Zunkunfr gegolten, so sühnt die dritte es mit der leidenvollen Vergangenheit aus. Diese Betrachtung zeigt, dass in der Ausführung der drei Trostgründe der Gedankengang des Propheten fich in aufsteigender Linie bewegt. Doch plötzlich schlägt der ^Prophet, der sich bis jetzt der beschreibenden Darstellung bediente, um dem Volke seine Trostgründe auseinanderzusetzen, die Hirecte Rede an: „Eine Stimme erschallt:-In der Wüste leget Hen Weg des Ewigen frei, ebnet in der Steppe eine Straße für unfern Gott. Jedes Thal erhebe, jeglicher Berg und -Hügel neige sich, der gekrümmte Pfad werde zur Strecke und das Hügelige zur Ebene, und offenbar soll die Herrlichkeit des Ewigen werden, dass alle Creatur es sehe, denn solches hat der Mund des Ewigen verheißen." (V. 3—5). Aus dem urplötzlichen Umschlag der Rede ist das Verständnis der ganzen Versgruppe zu erschließen. Der Prophet hat, wie wir gesehen Haben, in dem ersten Absätze (V. 1 u. 2) von einem früher an ihn ergangenen göttlichen Auftrag berichtet, der dahin ging, Has in der Verbannung schmachtende Israel zu trösten. Im Begriffe, ihm diese seine Botschaft auseinanderzusetzen, wird er -von der Eingebung einer neuen Offenbarung soeben, und zwar vor den Augen seiner Zuhörer ergriffen. Diese mögen zwar von dem ganzen Vorgänge nichts merken, höchstens an der gewaltigen Erregung, die sich des Propheten im Augenblicke beinächtigt, erkennen, dass es in seinem Innern furchtbar toben -müsse. In den nun folgenden Worten stellt er uns das, was -ihm soeben von einer höheren Stimme, die vernehmlich an fein Dhr dringt, eingegeben worden, vor die Seele. Sie fordert -auf, eine Straße durch die Wüste zu bahnen, die alle Hinderniße beseitigt. Jedenfalls soll dies die Bahn sein, auf welcher ^Israel seinen Weg in die Heimat zurücklegen werde. Merkwürdig ist es, dass der Prophet statt dessen im Geiste schaut, wie auf dieser Straße die Herrlichkeit Gottes selbst einherzieht. Sie enthüllt sich solcher Maßen vor den Angen alles Geschaffenen, so deutlich und machtvoll, wie das noch nie zuvor geschehen. Wie haben wir uns wohl den auffälligen Gedankengang zu erklären? Der Prophet will wohl damit srgen, das wiedererstehende Israel werde sich seinem Gotte so ganz und entschieden hingeben, dass in seinem Auftreten an sich schon die Herrlichkeit Gottes greifbare Gestalt gewinnen werde. _ (Fortsetzung folgt.) NeminiscenM ans dem Leben Sr. Adolf IellineK's f. A. (Fortsetzung.) Dr. Jellinek, der eine offene Hand für Jedermann hatte, welcher in Zeiten der Noth an den Pforten seines Hauses um Hilfe pochte, wurde nur gar zu oft das Opfer bettelnder, dem Trünke ergebener, arbeitsscheuer Strolche, die seinen Wohlthätigkeitssinn und sein mitleidiges Herz in der schmutzigsten und rafsinirtesten Weise zu missbrauchen verstanden. Eines schönen Tages brachte der „Franz" dem Dr. Jellinek ein handvoll Papiere in's Empfangszimmer. Draußen im Wartezimmer sei ein äußerlich sehr unvortheilhaft anssehender Mann, der durchaus den „Herrn Doctor" sprechen wolle. Da dies ohne weiteres nicht gieng, so schickte dieser Mann seine Zeugniße dem Herrn Doctor. Es ist männiglich bekannt, dass Dr. Jellinek Zeugniße und Dokumente, die Landstreicher und Schnorrer vorwiesen, mit großer Skepsis entgegennahm und in den meiften Fällen aus dieselben kein Gewicht legte, ohne von der Tbatsache auszugehen, dass z. B. in Wien und Budapest ganze Schnorrerconsortion existieren, die sich mit der Fabrikation von Zeugnissen aller, Art befassen, um dann, mit diesen Falificaten ausgerüstet, ganze Landstriche unsicher zu machen. Da aber Jellinek in dem in Rede stehenden Fall unter dem Bündel von Zeugnissen des zudringlichen Mannes eines erblickte, nach welchem der Einlassbegehrende angeblich in irgend einem Neste der heiligen Stefanskrone als Rabbinatsverweser fungierte, da ferner Dr. Jellinek ein a'Mrc war und von einem Rabbinatsverweser etwas Thorakenntnis voraussetzte, ließ er den draußen Harrenden eintreten. Welche merkwürdige Scene bot sich uns aber dar, als Jellinek des eintretenden Mannes ansichtig wurde?! Nachdem er ihn einige Male mit feinen scharfen, interessanten und schönen Augen vom Scheitel bis zur Sohle gemustert hatte, schrie er ihn laut an: Wie, Sie sind Rabbinatsverweser? Bor etwa 14 Tagen waren Sie doch erst bei mir, allerdings in anderer Kleidung und mit verbundenem Arm, und stellten sich als Maler vor. Da Sie damals angaben, so unglücklich gestürzt zu sein, dass Sie für eine Zeitlang berufsunfähig sind, erhielten Sie von mir eine sehr warme, wirkungsvolle Empfehlung. Und nun sind Sie plötzlich Rabbinatsverweser geworden? Zeugen dieser Scene waren: Ich und der von Dr. Jellinek reichlich geförderte, nunmehr bereits verstorbene Kaplan — nicht zu verwechseln mit dem Rigaer B. W. Kaplan, der. mit dem hebräischen Dichter I. L. Gordon verschwägert war. — Wer aber glaubt, dass der so Angeredete durch die entschiedene Sprache Jellineks in Verlegenheit gerathen wäre und als entlarvter Sünder verschämt das Weite gesucht hätte, der irrt gar sehr. Denn es ist nicht die Art und Weise von arbeitsscheuen, internationalen Hochstaplern, selbst wenn sie bei ihrer unsauderen Arbeit erwischt werden, sich aus ihrer zur Schaü getragenen Sicherheit bringen zn lassen. Maßlose Arroganz, freches Auftreten und den Erfolg selten versagende Zudringlichkeit sind die Werkzeuge, deren sich die Berufsschnorrer- und Schwindlerconfortien bei ihrer geschäftigen Thätigkeit bedienen. Auch der in Rede stehende Herr, der aller Wahrscheinlichkeit ein hervorragendes Mitglied der geschilderten Gilde gewesen dürste, benahm sich trotz der